In dieser Ausgabe:
>> Pressemitteilung: Erstmalig eurpäische Ausgabe der NYT
>> Karin Sanders Projekt wordsearch
>> HANS ULRICH OBRIST im Gespräch mit KARIN SANDER
>> Karin Sander und ihr Werk
>> Der Katalog in der New York Times
>> Was ist Moment?
>> Globalisierung: Ein Linkdossier

Zwischen Worten und Kulturen:
Karin Sanders translinguistische Skulptur wordsearch

Eine Einführung von Oliver Koerner von Gustorf

Nachdem die türkische Künstlerin Ayse Erkmen 2001 mit ihrer Aktion Shipped Ships für einen begrenzten Zeitraum das Stadtbild von Frankfurt am Main veränderte, realisiert nun Karin Sander in diesem Jahr mit wordsearch das zweite Projekt der von der Deutschen Bank initiierten Kunstreihe Moment. Ähnlich wie bei Erkmens Vorhaben, für das drei Fähren aus Japan, Italien und der Türkei nach Frankfurt verschifft wurden und mitsamt ihren Crews einen eigens eingerichteten Fährbetrieb auf dem Main aufnahmen, behandelt auch Sanders Projekt die überaus aktuelle Problematik kulturellen Transfers: Es steht für den Versuch einer Übersetzung des komplexen Verhältnisses zwischen einer gastgebenden Kultur und den von ihr beherbergten Kulturen. Fand Erkmens Projekt freilich unübersehbar im Zentrum einer europäischen Finanzmetropole statt, so vollzieht sich Sanders Eingriff in New York durch ein Medium, welches sowohl das Wesen einer Weltstadt als auch die Beziehungen im Gefüge des globalen Marktplatzes widerspiegelt.

Ihr Kunstwerk, das sie selbst "translinguistische Skulptur" nennt, wird am 4. Oktober 2002 in der New York Times gedruckt werden. Wordsearch tastet die hybriden Oberflächen der Sprachlandschaft New Yorks ab: Auf vier Doppelseiten des Wirtschaftsteils der Zeitung, an einer Stelle also, die sonst täglich Börsennotierungen und Aktienkursen vorbehalten ist , ordnen sich in Kolumnen Wörter aus 250 in New York gesprochenen Muttersprachen, von denen jeweils eines - stellvertretend für die gesamte, hier buchstäblich "zu Wort kommende" Sprache - von einem in New York lebenden "Native Speaker" beigesteuert wurde. Jedes einzelne dieser persönlich bedeutsamen oder für den Sprachkreis des "Wortgebers" besonders typischen Worte wird wiederum in alle anderen in New York gesprochenen Sprachen übersetzt. Das filigrane Textgewebe, das daraus entsteht und die Zeitungsseiten bedecken wird, ist wie ein Wörterbuch lesbar - als Ergebnis einer linguistisch-anthropologischen Recherche. Gleichzeitig ist es ein abstraktes Bild: Schon aus geringer Entfernung vermittelt es den Eindruck einer schwer fassbaren Matrix aus Informationen, die ein Raster aus unterschiedlichen Grautönen ergibt.



Das Konzept von wordsearch folgt der Idee, dass die amerikanische Metropole ein geografisches und gesellschaftliches Zentrum ist, in dem sich sämtliche Werte der westlichen Zivilisation exemplarisch zeigen und verdichten: Die Spiritualität (die Kirchen), die Macht (die Bürogebäude), das Geld (die Banken), die Ware (die Kaufhäuser), die Sprache (die Marktplätze, Nachbarschaften, Promenaden und Cafes). Geht man ins Internet und verfolgt die Entstehung des Projekts auf der Moment-Homepage, sieht man zuerst den in einzelne Stadtteile gegliederten Stadtplan von New York. Dieser Plan ist mit Markierungspunkten bedeckt, die jene Stellen zeigen, an denen die von Sander beauftragten wordsearcher ihre Interviewpartner trafen, um von ihnen ein Wort ihrer Muttersprache zu erbitten. Mit dem Mausklick auf jeden dieser Treffpunkte eröffnen sich in kurzen Texten und auf assoziativen Fotos nicht weniger als die Berührungspunkte verschiedenster Lebenswelten: Das sind jene Momente, welche dem Projekt zugrunde liegen und in denen die Wortgeber darüber entscheiden sollten, welches Wort sie dem "Wortsucher" stellvertretend für ihre Kultur überlassen wollen.



Im Gegensatz zum tabellarischen Druckbild in der New York Times erschließt sich hinter diesen geografisch angeordneten Punkten ein unmittelbarerer Bezug zu dem realen Stadtviertel, dem die Worte entstammen und das durch sie geprägt wird:

Auf dem im Internet präsentierten Material wird das Stadtbild New Yorks als Vielzahl unterschiedlicher Orte dokumentiert, die nicht nur von Hunderten hier gesprochener Sprachen durchdrungen werden, sondern auch mit ihren Worten übersät sind - auf Reklametafeln, Graffitis, Verpackungen, Firmenschildern, Hinweistafeln, auf T-Shirts, Speisekarten, Leuchtreklamen, Preisschildern, Buchseiten, Flugblättern, Schultafeln und Zeitungen.

Was sich in der New York Times also einerseits als "translinguistisches Interview" lesen lässt, wird auf der anderen Seite durch die Zeitung wieder dem Raum zugeführt, dem es entstammt, und fügt sich als bloßes Muster an allen nur erdenklichen Stellen in das latent vorhandene Schriftbild der Stadt ein - überall dort nämlich, wo die von Sander gestalteten Seiten aufgeschlagen werden. So wie eine Ladenfront oder eine mit Graffiti besprühte Hauswand dem Stadtbild fast unbemerkt Gestalt verleihen, korrespondiert auch das Informationsmuster auf den Zeitungsseiten mit der jeweils vorgefundenen Umgebung. Für einen begrenzten Zeitraum wird es demnach möglich, dass ein Sammler am Kiosk für 75 Cent ein Kunstwerk ersteht, während sich ein Obdachloser auf einer Parkbank mit einem "Mantel" aus Worten der 250 in New York gesprochenen Sprachen bedeckt.



"Die Umgangssprache ist ein Teil des menschlichen Organismus und nicht weniger kompliziert als dieser", schrieb einst der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seiner Abhandlung "Tractatus logico-philosophicus" (4.002): "Es ist menschenunmöglich die Sprachlogik unmittelbar aus ihr zu entnehmen. Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, dass man nach der äußeren Form des Kleides nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist, als danach die Form des Körpers erkennen zu lassen." Indem Karin Sander den paradoxen Kunstgriff vollbringt, Worte als "äußere Formen" erscheinen zu lassen, die nicht einen Gedanken, sondern tatsächlich den "Körper" einer Millionenstadt (oder eines Mediums das in ihr beheimatet ist) verkleiden, erklärt sie die Stadt wie auch ihre Zeitung selbst zur mobilen, dezentralisierten Skulptur, die sich an verschiedenen Stellen und in ständig wandelnden Konstellationen offenbart.

An wohl keinem anderen Ort der Welt werden in einem begrenzten Raum mehr Sprachen gesprochen als in New York, und keine Stadt verkörpert mehr den Inbegriff einer gemeinsamen urbanen Kultur, die aus der Summe von Unterschieden hervorgehen kann. Als Zeugnis dieser Unterschiede kann man wordsearch auf den Börsenseiten der New York Times in zweierlei Hinsicht begreifen: nämlich als Dokument, das einmal die fortschreitende kulturelle Entwurzelung und Einebnung abbildet, welche die Gesetze der Globalisierung mit sich bringen, und zum anderen die unverwechselbaren städtischen Bindungen illustriert, die in New York aus dieser Entwurzelung erwachsen sind.

Während einzelne Kulturen beginnen, in den schwarzen Löchern des globalen Informations- und Unterhaltungsnetzes zu verschwinden, hat die schmerzliche Erfahrung, zurückgelassen, vergessen oder übergangen zu werden, auch die Sprachlandschaft New Yorks geprägt - durch die Sprache jener ethnischen und sozialen Gruppen, die sich nach innen gewendet haben, um zusammenzuhalten oder zu überleben. Wenn nun auf den Seiten von wordsearch auch Sprachen auftauchen, die nicht mehr in ihrem Herkunftsland, sondern nur noch im Exil gesprochen werden, stellt sich natürlich auch die Frage danach, was eigentlich Heimat ist. "Es ist kurios, der Gebrauch dieses Wortes", schrieb einmal die in Frankreich lebende Amerikanerin Gertrude Stein: "Eingeboren meint immer Leute, die anderswo hingehören, weil sie einmal irgendwo hingehörten. Das zeigt, dass die weiße Rasse nicht glaubt, irgendwo hinzugehören, weil sie alle anderen für Eingeborene hält." In diesem Sinne konfrontiert uns wordsearch mit dem Diagramm einer Metropole, die ihrerseits das Diagramm einer ganzen Welt sein könnte.