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Treffen wir uns im Freud?

Im britischen Hauptsitz der Deutschen Bank ist jeder Konferenzraum nach einem Künstler benannt. Oliver Koerner von Gustorf hat das Winchester House in der Londoner City besucht und erfahren wie selbstverständlich hier der Umgang mit Kunst am Arbeitsplatz gepflegt wird.



Simon Patterson, The Great Bear, 1992
© Courtesy Lisson Gallery, London


Das Londoner Winchester House, an einem Herbstag: Unweit der Liverpool Street, mitten im Herzen der City, eilen Banker, Mitarbeiter und Besucher der britischen Zentrale der Deutschen Bank durch die Eingangshalle - ein beständiges Kommen und Gehen, in dem alle Nationalitäten, Altersstufen und Dresscodes vertreten scheinen. Rucksäcke, Aktentaschen und Lunchpakete werden über Drehkreuze gehoben, zwischen Börsenmaklern, modisch gekleideten Youngstern, Sekretärinnen, Fahrradkurieren und Sicherheitspersonal leuchten Einkaufstüten mit Logos von Pret a Manger, Boots oder Harrods auf.

Fast wirkt es, als würde der Menschenstrom geradewegs in den spiralförmigen Farbenwirbel eines riesigen Kunstwerkes am Kopfende der Halle gesogen – in James Rosenquists monumentales Gemälde The Swimmer in the Econo-mist, das 1992 als Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim in Berlin entstand und im Foyer von Winchester House vor drei Jahren seinen Platz gefunden hat. Nirgendwo würde die Programmatik des Werkes wohl besser deutlich, als an diesem Ort: Rosenquists grellbunte Vision des anbrechenden 21. Jahrhunderts, das die zunehmende Virtualisierung des Raumes und das ungeheure Tempo ökonomischer Umbrüche thematisiert, scheint tatsächlich den gesamten Eingangsbereich "zum Schwimmen" zu bringen. Es strahlt in seiner Farbigkeit bis auf die Straße hinaus.



Eingangshalle mit Arbeiten von James Rosenquist und Tony Cragg

Das Engagement, mit dem die Deutsche Bank ihre Niederlassungen auf der ganzen Welt mit Kunst ausstattet, hat 1999 mit der Eröffnung des britischen Hauptsitzes an der London Wall eine neue Erweiterung erfahren. So wurden bereits bei der architektonischen Planung des Gebäudes mit Dr. Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte, die Leiter der Kunstabteilung der Bank zu Rate gezogen und bei der Gestaltung die Präsentation der Sammlung konsultiert. Für die Kuratorin Mary Findlay und den Kunstberater der Deutschen Bank Alistair Hicks, die seit sechs Jahren die Londoner Sammlung und die künstlerische Ausstattung der britischen Niederlassungen betreuen sowie alle Ausstellungsaktivitäten der Bank in Großbritannien koordinieren, steht der alltägliche Kontakt zur Kunst im Vordergrund. "Kunst sollte jedem zugänglich sein", betonen Mary Findlay und Alistair Hicks. Deshalb ist es für beide wichtig, Berührungsängste abzubauen. Dass sie damit Erfolg haben, beweist nicht nur die Popularität einer Arbeit, die zum Anfassen einlädt: Tony Craggs 1998 entstandene Skulptur Secretions, die aus Tausenden von Spielwürfeln besteht, gehört unbestritten zu den beliebtesten Werken im Winchester House.



Mary Findlay vor Guest. 1.15 pm von Christopher Buckkow




Alistair Hicks vor Ken Kiffs Drawing a Curtain

Auch eine andere Eigenart der Londoner Zentrale zeigt, welche Rolle die Kunst hier spielt. So mag es den Besucher erstaunen, dass er zu einem Meeting keinesfalls in einen nummerierten Sitzungsraum, sondern in einen "Künstler" gebeten wird, als handle es sich dabei um eine völlig normale Angelegenheit. Nicht nur die Korridore oder die weitläufigen "Trading Floors", auf denen hunderte von Brokern ihre Geschäfte abwickeln, sind in London mit zeitgenössischer Kunst ausgestattet.

Jeder der 60 Konferenzräume ist jeweils einem Künstler gewidmet und nach ihm benannt worden. "Ist Freud gerade frei?" "Treffen wir uns gleich im Richter?" Was den Gast anfangs befremdlich anmuten mag, ist für die Mitarbeiter und Geschäftspartner des britischen Hauptquartiers alltägliche Selbstverständlichkeit: Die persönliche Begegnung mit unterschiedlichen Kunstströmungen am Arbeitsplatz erscheint hier so vertraut, dass Namen von Künstlern wie David Hockney oder Sigmar Polke nicht nur die mit ihren Werken ausgestatteten Räume und Flure kennzeichnen, sondern im Gespräch fallen, als wären sie alte Bekannte.



Flur mit Arbeiten von Gilian Ayres und Sigmar Polke

Wie in den Frankfurter Zwillingstürmen der Deutschen Bank, wo jeweils ein ausgewählter deutscher Künstler auf jeder Etage mit einer Auswahl von Arbeiten vertreten ist, vermittelt die Hängung der Sammlung im Winchester House auch Kunst- und Kulturgeschichte. Während sich jedoch in Frankfurt die Abfolge der einzelnen Stockwerke (von den jüngeren Künstlern im Untergeschoss bis zu Horst Antes und Joseph Beuys in den obersten Fluren) zu einer Reise durch die jüngere deutsche Kunstgeschichte gliedert, ist die Sammlung am Standort London um eine britische Perspektive erweitert: So ist die Thematik der Werke auf einzelnen Etagen jeweils berühmten Ausstellungen in beiden Ländern zugeordnet, die zu ihrer Zeit Kunstgeschichte machten und im Winchester House zum Vergleich zwischen englischen und deutschen Kunstströmungen anregen. Einer Auswahl von Arbeiten der Vertreter der von R.B. Kitaj Mitte der siebziger Jahre initiierten "London School" wurde die expressive Malerei der Teilnehmer an der Berliner "Zeitgeist"-Ausstellung von 1982 zur Seite gestellt.



Flur und Konferenzraum mit Arbeiten von Francis Bacon und Graham Sutherland

Als jüngste Ausstellung wurde Sensation thematisch aufgegriffen, jene Ausstellung der Saatchi Collection, mit der 1997 die Young British Artists um Damien Hirst zu Weltruhm gelangten. So kennzeichnet die Tour durch Winchester House einen kontinuierlichen Dialog zwischen beiden Nationen. Wie der von Alistair Hicks, Mary Findlay und Friedhelm Hütte konzipierte und opulent ausgestattete Band "Art Works: British and German Contemporary Art 1960-2000" dokumentiert, steht hierbei auch das Streben nach eigenen Ausdrucksformen im Vordergrund, mit denen europäische Künstler auf die Vorrangstellung der amerikanischen Kunstszene nach dem zweiten Weltkrieg reagierten.

Das Sammlungskonzept der Deutschen Bank, das den Erwerb von Arbeiten nicht als Kapitalanlage, sondern als kulturelle Investition für die Mitarbeiter erklärt, hat ebenfalls die Auswahl der Ankäufe für die britischen Niederlassungen bestimmt. Selbst wer Anish Kapoors Skulptur Turning the World Upside Down III oder Damien Hirsts Biotin-Melamide bereits kennt, kann hier Neues entdecken. Auch wenn sich Mary Findlay und Alistair Hicks um eine möglichst breite und objektive Zusammenstellung aktueller britischer Kunst bemühen, setzen sie sich auch für noch unbekannte Künstler ein. Weil fast ausschließlich Arbeiten auf Papier gesammelt werden, die im Vergleich sehr viel weniger kosten als andere Kunstwerke, können Findlay und Hicks auch Wagnisse eingehen: So war es möglich, Werke von jungen Künstlern wie Tim Stoner, Susan Derges oder Charles Avery zu sammeln, bevor sie auf dem Kunstmarkt prominent wurden.



Eingangsbereich mit Arbeiten von Kapoor und Hirst

Kunst am Arbeitsplatz ist zugleich Herausforderung und Investition in die Zukunft. Wie lohnenswert dieser Einsatz auch für die Öffentlichkeit ist, zeigen sowohl die ständig stattfindenden Führungen durch die Sammlung, als auch Ereignisse wie die Ausstellung "Beuys to Hirst", die im November 2001 in der National Gallery of Scotland eröffnet wurde. Zeitgleich mit der Einweihung des neuen Gebäudes der Deutschen Bank wurde dem englischen Publikum in Edinburgh erstmals eine Auswahl aus der über 50.000 Werke umfassenden Sammlung der Deutschen Bank vorgestellt: Die Zusammenstellung von über hundert Werken deutscher und englischer Künstler wie Gerhard Richter, Anselm Kiefer oder Richard Hamilton wurde sowohl vom Publikum, als auch von der Presse begeistert aufgenommen. So wie viele Besucher zum ersten Mal die Gelegenheit hatten, die vielfältigen Aspekte der Sammlung ganz persönlich zu erfahren, wurde auch deutlich, dass die Geschichte, wie sie die Kunstsammlungen in der Deutschen Bank in Frankfurt oder London erzählen, beständig um neue Perspektiven erweitert werden kann. Dass hierbei die Darstellung der Sammlung auch in der Öffentlichkeit eine große Rolle spielt, beweist die Resonanz auf Ausstellungen wie "Beuys to Hirst".

Mit den ökonomischen und sozialen Umbrüchen, die sich in James Rosenquists Swimmers in the Econo-mist widerspiegeln, ändern sich auch die Herausforderungen an die Kunstaktivitäten der Bank. Die Suche nach innovativen Formen der Kunstpräsentation, die in den späten siebziger Jahren mit dem Ankauf von Kunstwerken für die Mitarbeiter der Bank begann, ist auch nach über zwanzig Jahren mit der kontinuierlichen Hinterfragung und Neudefinition von Werten verbunden. Doch genau das ist es, was den Reiz des alltäglichen Umgangs mit der Kunst am Arbeitsplatz ausmacht.