In dieser Ausgabe:
>> Kara Walker im Dialog mit Darius James
>> Wiedersehen in New York

Im Archiv:
>> Man in the Middle - "In fantastischer Gesellschaft"
>> Kara Walker - Wie schwarz darf Humor sein?

 

Wiedersehen in New York


Für alle Beteiligten des diesjährigen Moment-Ereignisses und die Deutsche Bank Art war es ein spannender Tag. Nach monatelanger Vorbereitung war es soweit: Karin Sanders temporäres Kunstwerk wordsearch erschien am 4. Oktober im Wirtschaftsteil der New York Times. Zeitgleich wurde das Zeitungsprojekt auf beiden Seiten des Atlantiks realisiert und aus diesem Anlass die New York Times erstmalig in Europa gedruckt. Während die Zeitung bereits mehrere Stunden auf den Straßen Frankfurts verteilt wurde, begannen in New York die Vorbereitungen für ein Fest im Central Park. Gemeinsam mit Karin Sander hatte die Deutsche Bank Art alle beteiligten Wortgeber zu einem Lunch im Bootshaus eingeladen. Seit dem ersten Zusammentreffen von Karin Sanders Wortsuchern und den Wortstiftern der über 250 in New York gesprochenen Sprachen, die jeweils ein Wort für die Veröffentlichung in der New York Times beigesteuert hatten, waren Monate vergangen.


Das Wiedersehen war für viele der Gäste und ihre Familien auch eine Begegnung mit den unterschiedlichsten Sprachen und Kulturen. Ein Großteil der Wortstifter hatte sich noch nie zuvor gesehen. Wie dieses Aufeinandertreffen und der erste Kontakt mit Karin Sanders Wortskulptur verlief, zeigen unsere Momentaufnahmen aus Frankfurt und New York sowie der nachfolgende Bericht der Wortsucherin Franziska Lamprecht, die bei der Feier in New York dabei war:


"Mit Blick auf Park und See, weißgedeckten Tischen und einem Buffet nahm das Bootshaus zur Mittagszeit seine Gäste in Empfang. Um Karin Sander alle Wortgeber vorstellen zu können, waren wir als ehemalige Wortsucher am Abend zuvor noch einmal die 250 Fotos, Namen, Sprachen und Herkunft der Wortgeber auf der das Projekt begleitenden Internetseite durchgegangen. Doch bereits kurz nach dem Eintreffen aller Beteiligten war unser Fotogedächtnis verwirrt: Mari Lee aus dem Indian American House hatte ihr "Identifikationsmerkmal", einen langen schwarzen Pferdeschwanz, abgeschnitten. Julia aus dem russischen Fleischerladen trug weder ihre grüne Schürze, noch ihre grüne Hygienehaube. Immaculee hatte nicht ihren roten Pulli, sondern ein pastell-farbiges Kostüm an. Dem tibetanischen Koch fehlte die verschmierte Schürze, und der Herr im grauen Anzug hätte Herr Rombot aus dem indonesischen Generalkonsulat, aber auch Wagiman (Sprache: Javanese), Herr Kurniadi oder Husni Husain (Sprache: Makassar) sein können.

Nach der kurzen Dankesrede war eine gegenseitige Vorstellung jedoch überflüssig geworden. Die Aufmerksamkeit der Wortstifter konzentrierte sich nun ganz auf Karin Sander und jeder versuchte, sie in seine Familienverhältnisse einzuführen: "Das ist mein Vater. Das ist meine Mutter. Das ist meine Frau. Das ist mein Sohn und das ist die Freundin meines Sohnes...". Jeder wollte Fotos mit ihr machen, ihr danken, gratulieren oder ihr eine persönliche Geschichte erzählen.


Nach dem Essen wurden die Zeitungen verteilt. Im Börsenteil begann ein eifriges Wörtersuchen. "Wo ist meine Sprache? Wo ist mein Wort? Wo ist mein Name? Wie heißt mein Wort in der nächsten Sprache? Welches Wort hast Du gegeben? Wie viele Sprachen kannst Du sprechen? Wie viele kannst Du lesen? Woher kommst Du?". Und da schien es auf einmal wieder zu funktionieren, das System der Wortkette. Man beginnt mit einem Wort, möglicherweise dem, das man für die Wortsammlung gestiftet hat, und schon ist der Grundstein zu einem Gespräch gelegt: Jigme aus Tibet erzählte Patrice aus West Ghana wie und warum er in chinesische Gefangenschaft kam, wie er gefoltert wurde, wie er nach Nepal floh und wie er letztendlich politisches Asyl in Amerika gefunden hat. Juan aus Kolumbien unterhielt sich derweil mit der Frau von Patrice, einer gebürtigen Japanerin, über die Besonderheiten von Tokio. Und Matthias, der Stifter eines plattdeutschen Wortes, unterhielt sich mit einer Blackfoot-Indianerin und einem Dakota-Indianer über ein Theaterstück, das eine Freundin von ihm kürzlich über die Vertreibung der Cherokee-Indianer im Südwesten der USA inszeniert hatte.

Zusammen wurde ein Ereignis gefeiert, das alle ethnologischen und kulturellen Unterschiede, alle Zugehörigkeiten zugleich deutlich machte und für Momente vergessen ließ . Die meisten Gäste waren Teil eines Kunstwerks, dessen Wirkung sich so schnell verbreitete, wie die Worte sich vervielfältigten: In einer Zeitung mit einer Auflage von 1,7 Millionen gedruckt, wurden sie vermutlich von mindestens 3,4 Millionen Menschen gelesen. Wie aber würden die Uneingeweihten auf die Wortskulptur reagieren? Leute, die weder das Prinzip kannten, nach dem die Wörter gesammelt und angeordnet waren, noch wussten, dass es sich um ein Kunstwerk handelt?

"Was soll denn das?", fragte der Chef eines Hotels in Chelsea, als wir ihm die Zeitung zeigten. "Das ist ja unglaublich!" - Zunächst verwirrt, dann aber überrascht, Worte neben Aktienkursen zu entdecken, wurde er neugierig, setzte sich auf seinen Drehstuhl und vertiefte sich in die Zeitung. Nach zwei Minuten der Stille hörten wir die erste Reaktion: "Eschhh!" - "Was bedeutet Eschhh?" fragten wir. - "Das ist ein unglaublich schönes Wort in Hebräisch, da mit seiner Aussprache das beschrieben wird, was es ist: ein Rauchen und Zischen, das zum Himmel steigt. Hier steht es ja auch in Aramäisch! Das habe ich noch nie in einer amerikanischen Zeitung gelesen. Und hier ist es in Jiddisch - und hier auch in Englisch: 'Fire'."


Denen, die eine Woche zuvor den der New York Times beigelegten Katalog zum Projekt gelesen hatten, fiel es vermutlich leichter, das Zustandekommen der Wortketten nachzuvollziehen. Und einige der Wortgeber, die mit ihrem Foto ganzseitig darin abgebildet waren, sind auf diesen Teil des Projektes ganz besonders stolz. Die Frau, die das Wort "isi" (Welt) in Kinyarwanda gestiftet hatte, erzählte, dass sie fast täglich Anrufe von Freunden bekomme, die sich erkundigten, wie sie es in die New York Times geschafft habe. Ihre Antwort: "Angels are watching over me."