In dieser Ausgabe:
>> Benjamin Buchloh im Interview
>> ACHT GRAU - Eine Einführung
>> Gerhard Richter in der Sammlung Deutsche Bank
>> Aufbau
>> Die Lunch Lectures im Deutsche Guggenheim
>> Richters Spiegelmetaphern im kunsthistorischen Kontext
Im Archiv:
>> Karin Sander - wordsearch

Eine Möglichkeit Acht Grau zu entdecken: Die Lunch Lectures im Deutsche Guggenheim

Gerhard Richters "Acht Grau" mag manchen Besucher des Deutschen Guggenheim im wahrsten Sinne vor den Kopf stoßen: "Die Arbeit lässt sich auf Anhieb schwer betrachten, es sind eben nur acht große graue Glasscheiben. Ihre Größe ändert nichts an ihrer Leere", äußerte Benjamin Buchloh, der Kurator der Ausstellung, im Interview. Wer Richters Arbeit erfassen möchte sollte etwas Zeit mitbringen: Um einen besseren Zugang zu den gezeigten Werken zu ermöglichen, bietet das Deutsche Guggenheim seit seiner Gründung zu jeder Ausstellung ein begleitendes Rahmenprogramm an.

Dazu gehören auch die
Lunch Lectures, die anregende Auseinandersetzungen mit dem Thema bieten wollen: Hier erfährt man am Beispiel von Acht Grau, wie sich Künstler verschiedener Epochen mit dem Phänomen der Spiegelung auseinandergesetzt haben. db-art.info hat die Kunsthistorikerin Melanie Franke bei dieser "anderen Art der Mittagspause" begleitet und beobachtet, wie ihr Vortrag "Über das Phänomen der Spiegelung im Werk von van Eyck, Velazquez, Magritte und Richter" aufgenommen wurde.



  

Während der Verkehr beständig die breiten Straßen Unter den Linden entlang rollt, Gruppen von Touristen sich in den umliegenden Cafes niederlassen und Geschäftsleute in die Mittagspause strömen, steht Melanie Franke inmitten der Museumshalle des Deutschen Guggenheim und hält ihren Zuhörern die Abbildung eines surrealistischen Meisterwerkes entgegen: Rene Magrittes Gemälde La Reproduction Interdite, das 1939 entstand, zeigt einen Mann, der in einen Spiegel blickt. Dort, wo sich im Glas eigentlich sein Gesicht reflektieren sollte, erscheint jedoch sein dem Betrachter zugewandter Hinterkopf. "Wer auch immer das Bild anschaut bildet ab, was er sieht", schrieb der Künstler 1957 in einem Brief an Paul Collinet.

Magrittes Traumszene wird von einem Zuhörer zum anderen weiter gereicht, und dann erläutert Melanie Franke, warum sie in der Ausstellung von Gerhard Richters Acht Grau gerade dieses Bild zeigt: Es ist nicht die Betrachtung des jungen Mannes, die wir im Spiegel erkennen, sondern lediglich unsere eigene Betrachtung. Auf paradoxe Weise wahrt der Spiegel sein Geheimnis. Er verweigert uns, das zu reflektieren, was wir von hinten eigentlich nicht sehen können. Stattdessen wiederholt er genau das, was wir sehen, und erinnert uns daran, dass wir nicht hinter einem Mann oder vor einem Spiegel stehen, sondern vor einem Gemälde.



  

Ebenso wie Magrittes Gemälde den illusionistischen Charakter der Malerei verdeutlicht, taucht in seinem Bild auch der Spiegel als Sinnbild für das Wechselspiel zwischen Motiv und Betrachter auf. Und plötzlich mag für manchen zuvor unbeteiligten Zuhörer spürbar werden, dass er sich während der von Franke gehaltenen Lunch Lecture inmitten einer Situation befindet, in der er eine aktive Rolle einnimmt.

Ein Blick in einen der riesigen grauen Spiegel, die Richter an den Wänden der Halle positioniert hat, genügt um zu erkennen, dass der Besucher sich hier selbst "ein Bild macht", in dem er zugleich das Motiv ist: Auch wenn es scheint, als ob Richters monumentales Ensemble den Raum beherrscht, tritt es gleichzeitig hinter jeder Bewegung zurück, verändert sich mit dem wechselnden Tageslicht und dem Geschehen vor der Galerie. Richter ließ eigens die ursprünglich zugebauten Fenster freilegen, so dass die versetzten Spiegel die Berliner Außenwelt in die Galerie holen. Der klinisch kühle Eindruck, der entsteht, wenn die Neonröhren im Saal angeschaltet sind, weicht ohne künstliche Beleuchtung der dämmerigen Stimmung eines sakralen Ortes, in dessen Innerem sich die Straße und die Stadt reflektieren.



  

Als "die Reduktion des bildnerischen Objekts zu einem Experiment, bei dem es nur noch um die Wahrnehmung geht" hat Benjamin Buchloh Acht Grau beschrieben. Wer ins Deutsche Guggenheim kommt, kennt Richters Rang als Maler und seine virtuose Technik. Mit seiner Auftragsarbeit hat Richter jedoch ein Werk geschaffen, das auf den ersten Blick manche Erwartung enttäuschen dürfte. Kein Zyklus von Gemälden ist hier entstanden, sondern eine monochrome ortsspezifische Arbeit, in der sich mit der Architektur der Prachtstraße auch die vielfältigen Bezüge zur deutschen Geschichte widerspiegeln. Doch manchem erscheinen die überdimensionalen Spiegel ganz einfach leer.



  

"Ich wollte hier erst gar nicht reinkommen, bei all dem bleiernen Grau", sagt eine ältere Frau, die sich nach der Lunch Lecture begeistert von Melanie Franke verabschiedet, "aber jetzt bin ich richtig froh, dass ich nicht wieder gegangen bin." Wie auch Richters berühmte Gemälde von Zeitungsfotos aus den Sechzigern oder seine Abstraktionen, Landschaftsbilder und Porträts hinterfragt Acht Grau, was Malerei, was Kunst überhaupt sein kann. Und eben hier setzt die Führung der jungen Kunsthistorikerin im Deutsche Guggenheim an: Um diese Frage zu verdeutlichen, greift Franke nicht nur auf Richters Werk zurück, sondern erläutert Beispiele aus verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte, die mit dem Thema von Acht Grau assoziiert sind.

Die Mechanismen des Sehens und Gesehenwerdens, die bereits van Eyck und Velazquez beschäftigten, das wechselhafte Verhältnis zwischen Illusion und Realität, das sich in der gemalten Metapher des Spiegelmotivs veranschaulicht, werden von Franke aufgegriffen, um ihren Zuhörern die Augen und Sinne zu öffnen. Dass sich mit ihren Ausführungen auch die Wahrnehmung von Richters Arbeit ändert, zeigen die Reaktionen der Zuhörer – während Franke spricht, vergisst mancher, dass er an diesem Mittag zum Lunch ins Deutsche Guggenheim gekommen ist. Fast wirkt es, als würden sich die Bewegungen im Raum verändern. Der Blick verharrt auf einem Detail, das sich aus dem spiegelnden Grau von Richters Arbeit kristallisiert. Inmitten der sich überlagernden Bilder der Straße und des Raumes erscheint ein Gegenstand, den der Betrachter bis dahin nicht wirklich bemerkt hatte: Die wandelbare Reflexion der eigenen Gestalt.

Oliver Koerner von Gustorf

Weitere Termine zu den Lunch Lectures finden sie hier.