In dieser Ausgabe:
>> Benjamin Buchloh im Interview
>> ACHT GRAU - Eine Einführung
>> Gerhard Richter in der Sammlung Deutsche Bank
>> Aufbau
>> Die Lunch Lectures im Deutsche Guggenheim
>> Richters Spiegelmetaphern im kunsthistorischen Kontext
Im Archiv:
>> Karin Sander - wordsearch

Richters Spiegelmetaphern im kunsthistorischen Kontext

Das Phänomen der Spiegelung zieht sich wie ein roter Faden durch Richters Gesamtwerk und ist ein zentraler Aspekt im Werk Acht Grau. Ein vergleichender Blick in die Kunstgeschichte verdeutlicht, in welcher Tradition Richters Spiegelmetaphern stehen.


In der ersten Sekunde der Betrachtung erkennt der Besucher von Acht Grau sein eigenes Abbild nicht. Die eigene gespiegelte Person wird erst auf den zweiten Blick deutlich, da das Werk zwischen monochromer grauer Glasfläche und Spiegel oszilliert. Der Spiegel selbst ist vollkommen passiv, er reflektiert das, was vor ihm geschieht und fordert den Betrachter zum Handeln auf. Es entsteht ein dynamisches Wechselverhältnis zwischen seinem flüchtigen Erscheinen und Verschwinden. Nicht mehr das kontemplative Wandeln und sich in den Bildern verlieren, wie es für die Kunstbetrachtung der Moderne charakteristisch ist, sondern die direkte Konfrontation mit dem eigenen Abbild ist hier gefordert. Richter überläßt es dem Betrachter, sein Verhältnis zur eigenen Darstellung sinnstiftend zu bestimmen. Doch nicht nur der Betrachter auch der Raum und das Geschehen auf der Straße, die durch die Fenster Eingang in den Ausstellungsraum finden, werden auf den Glasflächen reflektiert.

Die Momentaufnahmen des Spiegels erinnern an die Schnappschüsse, die Richter als Vorlage für seine figürlichen Bilder dienten. Die Fotografie und der Spiegel stehen für zwei Methoden, mit denen ein Moment festgehalten werden kann. Während die Fotografie jedoch den Moment wirklich konserviert, bewahrt der Spiegel keines seiner Bilder. In der Malerei ist der Spiegel zudem ein Attribut der Vanitas: Der Mensch gelangt beim Blick in den Spiegel zu der Erkenntnis, dass keines seiner Bilder darin gespeichert wird. Das Wesen der Reflexion ist flüchtig. Sie erscheint und verschwindet und der Mensch wird sich so seiner eigenen Vergänglichkeit bewußt.

In dem Ausstellungsraum entsteht zwischen den großformatigen grauen Spiegelflächen und den realen Fenstern ein dialogisches Verhältnis. Nicht nur, dass die Fenster bei Dunkelheit selbst reflektieren, auch die acht grauen Flächen wirken wie Fenster, indem sie etwas zeigen, was sich außerhalb der Bildfläche befindet. Als Vorläufer für Acht Grau ist Richters Arbeit 4 Glasscheiben aus dem Jahre 1967 zu nennen.



Gerhard Richter: Skizze für die Kippung der ACHT GRAU, 2002
© Deutsche Guggenheim Berlin


Vier kippbare, durch Eisenrahmen eingefaßte Glasscheiben lenken das Auge des Betrachters, als würde er durch ein Fenster in den sich dahinter befindenden Raum schauen. Der Rahmen lenkt den Blick und alles, was sich im Rahmen befindet, wird zum kurzzeitigen Inhalt der Arbeit. Das Fenster ist im architektonischen Sinne eine Membran, es trennt Innen- und Außenraum. Diese Trennung von Innen und Außen ist auch für das Phänomen der Spiegelung von Belang. Vermittelt der Spiegel doch die Möglichkeit, sich von Außen zu sehen, und zwar so wie man von anderen Menschen gesehen wird. Die Konfrontation mit dem eigenen Abbild im Spiegel hat etwas ungemein direktes, weil er nichts verschönt und nichts verbirgt. Im Märchen dient er sogar häufig der Wahrheitsfindung. Das eigene Spiegelbild gehört zum Menschen wie sein Schatten. Verliert ein Protagonist sein Spiegelbild, deutet dies häufig auf ein tragisches Ende.



Gerhard Richter: Studie für "4 Glasscheiben", 1965
© Deutsche Guggenheim Berlin





Gerhard Richter: Studie für "4 Glasscheiben", 1966
© Deutsche Guggenheim Berlin


In der Geschichte der Kunst taucht das Motiv des Spiegels immer wieder auf. Nicht zuletzt ermöglicht es dem Maler seine Virtuosität zu zeigen. Wenn das Spiegelbild dem Subjekt glich wie ein Ei dem anderen, dann war die Kunstfertigkeit des Malers unter Beweis gestellt. In zahlreichen Gemälden zeigt der Spiegel, was sich außerhalb des Bildes befindet. Auch im Werk von Richter spiegeln sich Objekte, die außerhalb der Bildgrenzen liegen.



Jan van Eyck:
"Die Arnolfini Hochzeit -
Hochzeitsbild des Giovanni Arnolfini
und seiner Frau Giovanna Cenami",
1434, Öl auf Holz
  

Jan van Eyck:
"Die Arnolfini Hochzeit" - Detail




Das erste Bild, das den Spiegel als Phänomen der Raumausdehnung zeigt, ist die Hochzeit des Giovanni Arnolfini von Jan van Eyck aus dem Jahre 1434. Der Spiegel ist hier an einer zentralen Stelle des Bildes positioniert und zwar direkt über den sich haltenden Händen des Brautpaares, das sich in einer gutbürgerlichen Stube befindet. Über diesem initialen Moment befindet sich ein leicht gekrümmter Konvexspiegel, der sowohl das Geschehen im Raum wiedergibt, als auch etwas zeigt, was sich außerhalb des Bildgeschehens abspielt.

Blickt man in den Rundspiegel ist deutlich die Rückenansicht des Brautpaars zu erkennen sowie zwei Trauzeugen, die in einer geöffneten Tür stehen. Entscheidend hierbei ist, dass der Spiegel etwas zeigt, was sich auf der Seite des Betrachters abspielen müsste. Der Betrachter nimmt die Position der Trauzeugen ein und wird auf eigentümliche Weise ins Bildgeschehen integriert. Durch den Rundspiegel wird die Trennung von Bild– und Betrachterraum aufgehoben und ein zusammenhängendes Ganzes geschaffen. Diese Verbindung findet eine Entsprechung in der dargestellten Szene der Vermählung.



Diego Velazquez: "Las Meninas",
1656, Öl auf Leinwand


Ein weiteres berühmtes Gemälde, das dem Spiegel eine besondere Bedeutung verleiht, ist Las Meninas von Diego Velazquez aus dem Jahre 1656. In der Mitte des Bildes befindet sich die Infantin Margarita umringt von zwei Hofdamen und einer Zwergin. Direkt über dem Kopf der Infantin, an der hinteren Wand des Raumes, ist ein Spiegel angebracht. Er befindet sich links neben einer geöffneten Tür und ist umgeben von dunklen Gemälden. Auch hier ist der Spiegel ins Zentrum des Bildes gesetzt. Links im Bild steht Velazquez selbst, der sich als Maler vor einer Leinwand positioniert, die kein Motiv zeigt. Was der Künstler malt, ob es sich tatsächlich um einen Spiegel handelt oder um ein weiteres Gemälde, darüber gehen die Meinungen auseinander. Wenn es sich jedoch um einen Spiegel handelt, dann werden zwei Figuren darin reflektiert, die sich außerhalb der Bildgrenze befinden.

Das Figurenpaar stellt dabei König Philip V. und seine Frau Marianne dar, an deren Hof Velazquez seinerzeit als Hofmaler beschäftigt war. Doch wo genau befindet sich dieses Personenpaar? Steht es vor dem Bildraum? Wird es vielleicht von Velazquez gemalt? Wenn sich das Königspaar also vor dem Spiegel befindet, muss es auf der Seite des Betrachters stehen. Folglich nimmt der Betrachter die Rolle des Motivs ein, auf das die Augenpaare des Künstlers, der Infantin und der anderen Figuren gerichtet sind. Ein Wechselspiel zwischen Betrachten und "betrachtet –werden" wird ausgelöst. Der Betrachter, der das Gemälde ansieht, wird angeschaut und sich so seines Aktes der Betrachtung bewusst. Dieses Phänomen der Wahrnehmung ist auf Acht Grau übertragbar. Auch hier ist der Besucher Bildmotiv und Zuschauer zugleich.

Das surrealistische Gemälde von Rene Magritte aus dem Jahre 1937 mit dem Titel Die verbotene Reproduktion (La reproduction interdite) irritiert, weil der Spiegel nicht das zeigt, was er zeigen müsste. Statt der Vorderansicht verdoppelt er die Rückenansicht des vor ihm stehenden Mannes, so wie sie vom Betrachter wahrgenommen wird. Es scheint, als würde der Mann sich selbst wie einem Fremden zuschauen. Der Blick des Betrachters wird quasi verdoppelt und damit zum Bestandteil des Bildes. Wieder spielt der Zuschauer eine zentrale Rolle: Er wird zum Auslöser dieses merkwürdigen Bildbruchs. Wie bei der Betrachtung von Acht Grau blicken wir auf jemanden und werden uns bewußt, das wir schauen.

Die Werke von Magritte, van Eyck und Velazquez sind gemalt. Darum kann sich der Betrachter zwar in das Bild hineindenken, sich jedoch nicht direkt darin sehen. An die Stelle der Malerei treten bei Richter acht monochrome graue Glasflächen, die den Betrachter ebenso wie den ihn umgebenden Raum reflektieren und damit buchstäblich zum Bildgegenstand werden lassen. Jedes Spiegelbild ist einmalig, es taucht auf und verschwindet sogleich. Auf diese Weise entstehen im Laufe eines Tages unendlich viele Spiegelsituationen, von denen jede einzigartig und unwiederholbar ist. Bleibt nur zu fragen, ob das, was wir sehen, real ist oder bloßer Schein.

Mit der Verwendung von gemalten oder realen Spiegeln thematisiert Richter, ebenso wie die anderen Künstler, die Grundbedingungen unserer Wahrnehmung. Indem wir schauen werden wir uns bewußt, dass wir schauen. Doch was sehen wir eigentlich?

Melanie Franke