In dieser Ausgabe:
>> Beruf: Künstlerin
>> El Regreso de los Gigantes:
>> Und die Giganten überquerten den Atlantik
>> Der andere Blick
>> Giganten im Museo de Arte Contemporaneo in Monterrey

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Der andere Blick – Brasilianische Künstler in der Sammlung Deutsche Bank

"Die Kunst schreitet voran. Aber die Kunstwerke verweisen stets zurück, nicht nur als Dokumente ihrer Zeit, sondern auch weil sie Gelegenheit zur Reflexion bieten – zur Reflexion über unser eigenes Bild, das sich unaufhörlich verändert."
Mit diesen Worten fordert Friedhelm Hütte, Kurator der Sammlung Deutsche Bank, den Besucher von El Regreso de los Gigantes/ Die Rückkehr der Giganten auf, die zur Zeit im Museo de Arte Contemporáneo in Monterrey gezeigte Ausstellung als Anlass zur Selbstbetrachtung zu nehmen.

Die Präsentation der Schau in Lateinamerika veranlasst aber auch zu einer kritischen Frage: Was für ein Bild macht sich unsere "West-Kultur" eigentlich von der zeitgenössischen Kunst dieser Länder?
Populäre Medien wie Film und Musik haben das Potential der Region längst für sich entdeckt. Der internationale Erfolg von Filmen wie "Amores Perros" und "Central do Brasil" oder der Sängerin Chakira zeigt nicht ganz ohne Ironie, dass uns diese Länder inzwischen auf gleicher kultureller Ebene begegnen.

Seit den 90er Jahren ist auch das Ansehen der sogenannten Kunst des "Südens" in der internationalen Szene stetig gewachsen. Bildende Künstler aus Argentinien, Brasilien, Chile oder Mexiko sind heute längst zum festen Bestandteil im Programm vieler Galerien und Museen geworden, ihre Arbeiten sind regelmäßig auf den Biennalen der Welt anzutreffen.

Auch die Sammlung Deutsche Bank richtet ihre Aufmerksamkeit seit langem auf die südamerikanische Kunst. Die Kunstgeschichte Brasiliens ließe sich zum Beispiel systematisch an den von der Bank gesammelten Arbeiten ablesen. So besitzt sie unter anderem Werke dreier Künstler, deren Schaffen die aktuelle Entwicklung maßgeblich prägt: Daniel Senise, Beatriz Milhazes und Ernesto Neto werden heute international ausgestellt. Bei Senise und Milhazes wirkte die Begegnung mit dem Deutschen Neo-Expressionismus zudem als Initialzündung zur Formulierung der eigenen Position.



Daniel Senise: "Bia chorando sobre leite", 1990
© Arco, arte contemporanea, galeria bruno musatti, São Paulo






Daniel Senise: "Febre", 1990
© Arco, arte contemporanea, galeria bruno musatti, São Paulo


Daniel Senise (*1955) trat 1984 zusammen mit über hundert anderen Künstlern in der Ausstellung Como Vai Você Geração 80?/ Wie geht es Dir, Generation 80? im Parque Lage der Hochschule der Bildenden Künste in Rio de Janeiro ins Rampenlicht der brasilianischen Kunstszene. Nach langen Jahren der Kunstfeindlichkeit unter einem starren Militärregime machten nun wieder junge Künstler mit kaum mehr gekannter Vehemenz und Unverfrorenheit auf sich aufmerksam. Sie wandten sich vor allem gegen die theoretische Überfrachtung der Konzept- und Minimalkunst der 70er Jahre.

Die Parallelen zur Heftigen Malerei in Deutschland liegen auf der Hand, obgleich figurative Motive weniger vorherrschten und weiterhin abstrakt gemalt wurde. Mehrere Ausstellungen in den großen Museen des Landes sowie auf der Biennale von Sao Paulo 1983 hatten das große Kunstpublikum mit den Arbeiten der deutschen Künstler A.R. Penck, Markus Lüpertz und Anselm Kiefer bekannt gemacht. Kiefer ist denn auch eine der stärksten Referenzen für den Maler Senise, der auf seinen Leinwänden einen mikroskopischen Blick auf die von ihm fragmentarisch wahrgenommene Welt richtet.

Noch in den Bildern Bia chorando sobre leite/ Bia über Milch weinend oder Febre/ Fieber von 1990 ist der vitale, expressive Malgestus bestimmend.
"Unser moderne Geist macht uns zu Opfern der Moderne", unterstreicht Senise seine Abneigung gegen die elektronischen Medien und die Videokunst.

Die Malerei empfindet er als Herausforderung. Angesichts eines von ihm konstatierten allgegenwärtigen Automatismus, sucht er in ihr einen direkten Zugang zur Welt.

Einen ganz anderen Blick offenbaren die Bilder von Beatriz Milhazes (*1960), die sich 1984 ebenfalls im Kreis der "Geração 80" präsentierte. Im Gegensatz zu Daniel Senises stillen, eindringlichen Arbeiten fallen die Gemälde Milhazes‘ durch ihre fröhlich bunte Exzentrik auf. Farbe, Ornamentik und exotisch anmutende Formen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Blumen, Rosetten, Ballons, Bordüren und Amulette, die in eleganten Collagen zusammen finden. Ihre Malerei vereint die brasilianische Alltagskultur mit der Moderne, verweist sowohl auf lokale, wie auf internationale Strömungen, auf Zeitgenössisches genauso wie auf Historisches: Brasilianischer Barock neben Peace-Symbolen aus den Sixties.



Beatriz Milhazes: "O Sabado", 2000
© Courtesy Stephen Friedman Gallery and Galeria Camargo Vilaco, São Paulo


Milhazes‘ Bilder thematisieren den Kontrast, unter dem die Künstlerin auch den Gegensatz der vielfältigen Kultur und Gesellschaft ihres Landes versteht, den sie ironisch kommentiert. Hierin erweisen sich ihre Bilder als urban. Schnell kann der bunte, verspielte Farbrausch in einen von Gewalt und Chaos beherrschten Alptraum umkippen.

So unterschiedlich die Arbeiten von Senise und Milhazes auch sind, so sehr vereint beide gesellschaftliche Kritik als Motivation für ihre Malerei. Ernesto Neto (*1964), der jüngste hier vorgestellte Künstler, lässt sich nur indirekt in diese Reihe ordnen. Seine den Raum beherrschenden Skulpturen aus durchscheinendem Nylon sind Ergebnisse seiner Auseinandersetzung mit der auf den Körper zentrierten Neo-Konkreten Kunst Brasiliens. So spricht Neto mit seinen Installationen bewußt die Sinne an: Die häufig mit exotischen Gewürzen, manchmal aber auch mit Zement gefüllten Nylonschläuche wollen den Betrachter verführen. Sie fordern auf, sie zu berühren und die gewohnten Grenzen der Kunstwelt zu überwinden. Die Interaktion zwischen Betrachter und Kunstwerk verwandelt sich in einen intimen Dialog der Begierden und entlarvt die selbst auferlegten Zwänge, denen wir uns täglich unterwerfen.



Ernesto Neto: "O Ser, O Tempo", 2000
© Galeria Camargo Vilaco, São Paulo






Ernesto Neto: "In Between Bo Ali", 2000
© Galeria Camargo Vilaco, São Paulo


Die Arbeiten Ernesto Netos auf Papier in der Sammlung der deutschen Bank, wie beispielsweise O Ser, O Tempo/ Das Sein, Die Zeit aus dem Jahr 2000, veranschaulichen die stetige Suche des Künstlers nach dem richtigen Verhältnis von Körper und Umgebung bzw. von Form und Komposition. Sich zur gelebten Realität ins Verhältnis zu setzen, ist letztlich nicht nur eine Frage der künstlerischen Positionierung. Es bedarf ganz Allgemein der Überprüfung des eigenen Blicks auf einen global längst vollzogenen kulturellen Wandel.

Maria Morais