In dieser Ausgabe:
>> Fleeting Moments
>> Neue Arbeiten junger Kunst in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die Bedeutung der Kunst für das Unternehmen
>> Kunst macht reich!

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Mit allen Mitteln: Neue Arbeiten junger Kunst in der Sammlung Deutsche Bank

Aktuelle Kunst lässt sich nicht nach Standorten oder Traditionen kategorisieren. Immer mehr werden Zeichnung, Malerei und Fotografie zum Beistandteil von konzeptionellen Gesamtkunstwerken. db-art.info hat einen Blick auf neue Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank geworfen und stellt internationale Künstler vor, die mit allen Mitteln kommunizieren.

"Man stelle sich einen sonnigen Sonntag Morgen im Spätjuni 2002 vor. Eine Teenagerin aus Elmhurst schleift ihre Mutter nach Manhattan, um einen Badeanzug zu kaufen. Sie steigen an der U-Bahnstation Lexington und 51. Strasse aus und finden sich plötzlich von einer Menschenmenge umringt, die Sänften trägt und gemessenen Schrittes zum Rhythmus einer Blaskapelle marschiert...". Die Szenerie, die Harper Montgomery in der Broschüre des MoMA New York beschreibt, könnte sich tatsächlich genau so zugetragen haben - bei der "Modernen Prozession", die der in Mexiko lebende Belgier Francis Alys am 23. Juni dieses Jahres auf den Straßen von New York durchführte. Anstelle von Heiligenbildnissen oder Reliquien wurden hier jedoch Abbildungen der bekanntesten Kunstwerke des Museum of Modern Art auf Sänften getragen, darunter Picassos Les Demoiselles d' Avignon und Duchamps Fahrrad-Rad. Auch eine lebende Kunstikone wurde neben Rosen und Bannern auf einer Sänfte über die Menschenmenge gehoben, die New Yorker Künstlerin Kiki Smith.



Francis Alys, l'adoration des images, 2001
Sammlung Deutsche Bank
© Galerie Yvon Lambert, Paris

  

Francis Alys, Study for la Bataille
du Bien & du Mal, 2001
Sammlung Deutsche Bank
© Galerie Yvon Lambert, Paris

Seit 1991 veranstaltet Alys regelmäßig solche "paseos" oder Spaziergänge, deren Routen zumeist durch die Innenstädte großer Metropolen wie seiner Heimatstadt Mexiko City führen. Die Prozessionen in ihrer Mischung aus religiösem Ritual, Performance und volkstümlichem Spektakel sind ein wesentlicher Teil seiner Kunst. Den Verlauf bestimmen oft die merkwürdigsten Regeln. Für Re-enactments (2000) war die Vorschrift zum Beispiel folgende: "Lauf soweit wie du kannst, während du eine 9mm Beretta in deiner rechten Hand hältst." Die städtische Straße sei für Alys der Ort, an dem das öffentliche Leben mit dem künstlerischen Prozess in Beziehung trete. Sie habe für seine Kunst immer den vorrangigen Kontext gebildet, betont Montgomery im Begleitheft zur New Yorker Aktion. Genau so wie Alys den Verlauf seiner paseos festhält, die Ergebnisse der Spaziergänge notiert und die Artefakte seiner Prozessionen wie Zeugnisse des Mysteriums und der Wunder sammelt, finden all diese Dokumente auch ihren Niederschlag in seinen Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und Videos (downloaden Sie einen von Alys für das "Dia Center for the Arts" gestalteten Screensaver hier). Mehrere seiner Zeichnungen wurden in diesem Jahr für die Sammlung Deutsche Bank erworben und dokumentieren den prozessualen Charakter seiner Kunst.



Francis Alys, Out et la Bataille du Bien & du Mal, 2001
Sammlung Deutsche Bank
© Galerie Yvon Lambert, Paris

"Meine einzige Fähigkeit könnte sein, den richtigen Kollaborateur für das jeweilige Projekt und jeweilige Medium zu finden - jemanden, der das von mir vorgeschlagene Vorhaben übersetzt, umarbeitet und hoffentlich hinterfragt", sagte Alys 2000 im Interview mit dem Magazin Flash Art. Mit dem Kurator Cuauhtémoc Medina realisierte Alys "The Last Clown" , ein Kunstprojekt mit Zeichnungen, Notizen, Gemälden und einem Cartoon Video. Ein anderes Beispiel für Alys' Kollaborationen ist die gemeinsame Ausstellung mit dem Regisseur des Films "Amores Perros ", Alejandro Gonzàlez Inàrritu , in den Berliner "Kunstwerken".

So wenig Alys sich auf ein Medium festlegen mag und die Arbeit mit anderen Künstlern dem originären Einzelschaffen vorzieht, so wenig lassen sich seine Zeichnungen aus dem Kontext des konzeptionellen Gesamtkunstwerkes lösen: Wie alle seine Arbeiten sollen sie die Kommunikation, die er auf der Straße initiiert, mit anderen Mitteln in der Galerie fortsetzen.



Rikrit Tiravanija, Ohne Titel, 2002
Sammlung Deutsche Bank
© Gavin Brown's enterprise, New York


Als prominentes Beispiel einer Generation, die nicht nur in den angestammten europäischen und amerikanischen Kunstmetropolen beheimatet ist, agiert Alys global und verbindet in seiner Kunst die Einflüsse unterschiedlicher Kunstformen und Kulturen. Dass es sich hierbei um keinen Einzelfall handelt, verdeutlicht auch ein Blick auf neue Arbeiten aus der Sammlung. Wie auch für Alys geht es bei Rikrit Tiravanija um Dialog und Interaktion. (Lesen Sie hierzu auch ein Interview auf den Seiten des Museum in Progress ). Als Sohn thailändischer Diplomaten in Buenos Aires geboren und in Asien, Äthiopien, Amerika und Kanada aufgewachsen verkörpert Tiravanija den Inbegriff des reisenden Künstlers, der verschiedene Sprachen, Gebräuche und Verständigungsmöglichkeiten nutzt. "Du musst die Situation untergraben, bevor sie dich untergräbt", lautet ein Motto des bekennenden Buddhisten. Wie erfolgreich er das tut, bewies die überwältigende Resonanz gerade auf Tiravanijas frühe Aktionen der neunziger Jahre: Bekannt wurde er mit seinen Thai-Essen, die er in verschiedenen Kunsteinrichtungen für Gäste zubereitete, oder der Wasser-Bar, die er vor einer New Yorker Galerie installierte, um die Gäste umsonst und draußen zur Zusammenkunft anzuregen.

   


   

Sandra Meisel, Ohne Titel, aus "Turquios Series - Alyssa", 2000
Sammlung Deutsche Bank
© Sandra Meisel, Berlin

Die veränderte Bedeutung von Nationalität und Herkunft in den globalen Netzwerken der Kunst spiegelt sich in dem gewandelten Selbstverständnis der Künstler wieder. Die junge Fotografin Sandra Meisel ist gleichermaßen in Deutschland und New York beheimatet und Mitglied des Künstlerkollektivs SKIZUM STUDIO in Brooklyn. In ihren Fotoarbeiten verbinden sich soziale und formale Fragestellungen mit der ganz pragmatischen Forderung nach einem gerechteren Umgang mit Technologie, menschlicher Arbeit und Kreativität. Je vielfältiger die Einflüsse und aufgegriffenen Motive, desto mehr entzieht sich das Werk einer eindeutigen Kategorisierung. Angesichts eines jüngst im "Spiegel" veröffentlichten Artikels könnte man annehmen, die deutsche Kunst feiere mit Hitler-Porträts, Gruppensex und Gewaltbildern ein teutonisches Comeback der guten alten Malerei - mit Martin Eder an der Spitze. Dabei ist der in Berlin lebende Künstler alles andere als ein Vertreter des im Spiegel beschworenen "rotzfrechen Realismus". Seine Aquarelle von Katzen oder kindhaften Pin-Up Girls präsentiert der 31-Jährige in aufwendigen Installationen, in denen sich triviale Motive mit geometrischen Formen, grafischen Elementen und raumgreifenden Skulpturen paaren (dazu einige Aufnahmen seiner Ausstellung in der HfbK Dresden). Das Bild ist zum einen als eigenständiges Kunstwerk lesbar. Andererseits funktioniert es ebenso als subversives Dekor in einer Inszenierung, die Elemente der Popkultur mit minimalistisch reduzierter Formensprache verbindet: So ließ Eder in seiner diesjährigen Show in der Galerie Eigen+ Art, wie auch bereits bei anderen Anlässen, gigantische Kunststoffbrocken von der Decke baumeln, die er mit Tüll verhängte - ganz so, als wolle er die naheliegende Assoziation zu Meteoriten "verschleiern". Auch die im "Spiegel" gefeierte "Wiederentdeckung" der figurativen Darstellung ist bei Eder mit Einschränkung zu genießen. Häufig finden sich seine Aquarelle als austauschbar anmutende Stilzitate wieder und werden wie bei Eigen + Art zum Bestandteil eines wandfüllenden Ornaments.

   

Martin Eder, Ohne Titel, 2001
Sammlung Deutsche Bank
© Clarissa Dalrymple, New York


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