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Hinwendung zum Effekt

Marc Brandenburgs Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank
von Oliver Koerner von Gustorf


Zur Zeit sind seine Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank in der Ausstellung Blick aufs Ich im Mannheimer Kunstverein und ab März im Neuen Museum Weserburg zu sehen: Auf den Zeichnungen des Berliner Künstlers Marc Brandenburg verbinden sich Alltagsszenen und Images aus den Massenmedien zu verfremdeten Schwarz-Weiß Inszenierungen.

  
Ohne Titel, aus der Serie Meddle, 1999

Organisches wandelt sich zu Unorganischem, Plastik zu Haut, bizarre Landschaften zerlaufen in glänzenden Graphit-Schlieren: Den Arbeiten Marc Brandenburgs haftet stets etwas Abgründiges an. "Snapshots" nennt der Berliner Künstler seine auf semi-dokumentarischen Schnappschüssen und Magazinausrissen basierenden Bleistiftzeichnungen, die er seit Ende der neunziger Jahre in psychedelischen Installationen präsentiert: in Dunkelräumen unter fluoreszierendem Schwarzlicht. Geprägt von persönlichen Mythologien und der Ikonografie populärer Kultur erinnern seine Bildzyklen an Filmstills, die sich aus perspektivisch verfremdeten und negativ umgekehrten Einzelbildern zusammensetzen. Schnappschüsse von Freunden, Images von Fotomodellen, Pornodarstellern und Hooligans verbinden sich in Brandenburgs Bilderwelt mit Teen-Devotionalien, Fetisch-Objekten, Plastikspielzeug oder geometrischen Formen zu assoziativen Bildgeschichten.

So wie sich in Brandenburgs Werk die Motive in ihrer Umgebung auflösen und zersetzen, thematisieren seine Serien White Rainbow (2000) oder Hirnsturm (2002) (lesen Sie dazu einen Artikel von Harald Fricke in der taz) die fließenden Übergänge vom Original zur Reproduktion, vom Kommerz zur Subversion, vom individuellen Ausdruck zur mechanisch kopierenden Geste. Das Wechselspiel zwischen Fotografie, digital manipulierten Kopien und Zeichnungen findet seine Entsprechung auch in kulturellen Bezügen. Das Szenarium in Brandenburgs Arbeiten ist von der ästhetischen Auseinandersetzung mit Gewalt, latentem Rassismus, Homosexualität und der eigenen Identität als Deutscher afroamerikanischer Herkunft geprägt.

  
Ohne Titel, aus der Serie Tiergarten, 2000

In der Ausstellung Blick aufs Ich sind nun in Mannheim und Bremen frühe Zeichnungen Brandenburgs zu sehen, die angesichts der fast metallischen Härte seiner aktuellen Arbeiten beinahe verspielt wirken: Als Marc Brandenburg 1994 sein autobiografisches Picturebook–Bilderbuch veröffentlicht, schildert es den fiktiven Ablauf eines Tages in Berlin. Doch von den gesellschaftlichen Umbrüchen, die das Leben in der deutschen Hauptstadt in dieser Dekade prägen, ist auf diesen Zeichnungen kaum etwas zu spüren.

Abseits der Realität deutscher Wiedervereinigung folgt seine Bilderserie ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. So führt der Künstler den Betrachter in eine private Welt des Müßiggangs, in der er sich selbst umgeben von Freunden, Dingen und Räumen abbildet - inmitten eines Reigens von alltäglichen Eindrücken. Während die Arbeiten der jungen Berliner Kunstszene zu dieser Zeit von Techno, neuen Medien und Clubbing inspiriert sind, haben die Teegesellschaften, Spaziergänge, Treffen in Bars und Wohnzimmern, die Brandenburg festhält, fast den Charakter einer demonstrativen Verweigerung. Das hier geschilderte Dasein wirkt auf merkwürdige Weise anachronistisch und verinnerlicht.



 
  

 
  
Ohne Titel, aus der Serie Picturebook, 1994
Sammlung Deutsche Bank

Mit großer Liebe zum Detail werden Einrichtungsgegenstände, barocke Muster, Ketten und Schmuck abgebildet, die ebenso auf die psychedelische Underground-Kultur der Sechziger wie auch auf Camp und das Dandytum des ausgehenden 19. Jahrhunderts anspielen. Obwohl viele Darstellungen des Picturebooks ganz dem Zeitgeist folgend auf semi-dokumentarischen Schnappschüssen basieren, handelt es sich hierbei nicht um ein raues, authentisches Zeugnis alternativer Kultur, sondern um ein stilisiertes Erzählwerk, das durch zeichnerische Gesten zusammengehalten wird. Fast scheint es, als wolle Brandenburg jüngst vergangene Momente auf dem Papier fixieren, indem er sie mit schweifenden Bleistiftkringeln, Kettengliedern, Kreisen und überbordenden Ornamenten einrahmt.



Ohne Titel, aus der Serie Meddle, 1999

Das Picturebook lässt sich an jeder Stelle aufschlagen, vor und zurückverfolgen oder in Einzelblätter zerlegt ausstellen. Doch immer wieder tritt der Künstler selbst in der Serie auf, in verschiedenen Outfits posierend, zumeist einsam und isoliert, aber stets in der Rolle eines Erzählers, dem die von assoziativen Bildern unterbrochene “Handlung” folgt.

Auch in späteren Arbeiten wird er dieses Element beibehalten, wobei allerdings die lineare Erzählform mehr und mehr experimentellen Konstruktionen weicht. Das “unberufene” Eingreifen in natürliche Kreisläufe, die Handhabungen von Chemie und Alchemie assoziieren sich in der 1999 entstandenen Arbeit Meddle thematisch mit stroboskopisch aufflackernden Details aus Brandenburgs Berliner Zimmer. Ein an der Decke schwebender Lampenschirm in Form eines Fußballes fungiert als Gestirn in einem Kosmos, der zwischen Beseeltem und Unbeseeltem keinen Unterschied macht. Das in der Serie wiederholt gezeigte Anrühren von Haarfärbemitteln, die chemische Reaktion findet ihre Entsprechung im Prozess der Entwicklung von Fotografien, den Brandenburg in analoge zeichnerische Gesten überträgt.



Ohne Titel, aus der Serie Meddle, 1999




Ohne Titel, aus der Serie Meddle, 1999

Gerade angesichts der Frage nach dem Wandel des künstlerischen Menschenbildes des 20. Jahrhunderts, die Blick aufs Ich stellt, ist es interessant, dass die visuelle Erzählweise von Brandenburgs Picturebook Parallelen zu den Mitteln modernistischer Literatur aufweist: Dazu gehören auch die radikale Unterbrechung des Erzählflusses und die Hinwendung zu einem inneren Bewusstseinsstrom, der den rationalen, gesellschaftlich objektivierenden Diskursen entgegengesetzt wird.

Wo sich bei Autoren wie Virginia Woolf oder James Joyce visionäre Monologe entsponnen und der innere Bewusstseinsstrom ihrer Romanhelden verschiedene Handlungsebenen zusammenführte, schickt Brandenburg seine Figuren auf eine visuelle Tour de Force. Es sind nicht mehr Steven Daedalus oder Molly Bloom, die empfindsam in die Welt treten, sondern die Graphit-Images von Kate Moss oder Bruce Lee, ein namenloser Plastikkampfhund, eine Keksdose in Apfelform oder der Künstler selbst. Er ist zum Hohlkörper geworden, gleich einer abgezeichneten Puppe oder Skulptur, und in ihm verwischen sich die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt, dem Selbst und dem Anderen.

     
Ohne Titel, aus der Serie Full Circle, 2002
Courtesy of Laura Mars Grp., Berlin

“Jede meiner Zeichnungen ist Teil eines sich beständig auflösenden Ornaments", kommentierte Brandenburg kürzlich in einem Statement seine Arbeit. Mit der zunehmenden Härte des Zeichenstils geht auch eine andere Veränderung in seinem Werk einher. Offensiver als früher treten Symbole des Rechtsradikalismus und Bezüge zur Tagespolitik in den Vordergrund. Auf den Zeichnungen zu der Performance Full Circle (2001), einer Parabel über amerikanische Urängste und die umstrittenen politischen Hintergründe von Walt Disneys Traumfabrik, erscheint der afroamerikanische Autor Darius James als Mutation aus Mickey Mouse und Gestapo-Offizier.

In Brandenburgs jüngstem Zyklus Hirnsturm (2002) durchsetzen Bilder von Berliner Neonazi–Aufmärschen ein gespenstisches Panorama, in dem sich botanische und abstrakte Strukturen zu einem bizarren Geflecht verbinden. Unmerklich vollzieht sich in Hirnsturm die Hinwendung zum reinen Effekt. Nicht mehr das eigentliche Motiv steht im Zentrum des Interesses, sondern der als Zeichnung zu Papier gebrachte Reflex, den es auslöst. Fast scheint es, als fungiere hier die Spitze des Bleistifts wie die Nadel eines Seismographen, die auf jede Erschütterung reagiert. Dass die Bilder, die dabei entstehen bedrückend wirken, mag auch an der Welt liegen, die sie verursacht.



Ohne Titel, aus der Serie Hirnsturm, 2002


Abbildungen: © Marc Brandenburg, Berlin