In dieser Ausgabe:
>> Marc Brandenburgs Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank
>> Olafur Eliasson:
>> "Es ist wichtig, die Maschine zu zeigen"
>> Olafur Eliasson im Interview

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"Es ist wichtig, die Maschine zu zeigen"

Wer die Landschaftsaufnahmen von Olafur Eliasson für romantische Huldigungen an Island hält, der irrt gewaltig. "Natur ist ein Zivilisationsprodukt", sagt der international bekannte Künstler, dessen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind. Eine Einführung.



Ohne Titel
aus der "Islandserie", 1997
Photographie, dreiteilig
  

Ohne Titel
aus der "Islandserie", 1997
C-print, dreiteilig

"Wir liefen nicht durch das Land, das Land zog an uns vorüber, bereits zusammengesetzt, wiedergegeben, reproduziert und gerahmt. Und all das, obwohl es sich hier um den äußersten Rand der bewohnbaren Welt handelte", schrieb Olafur Eliasson (Biografie) in seinem Tagebuch, das er 1997 während einer Wanderung durch Island führte. Das im gleichen Jahr entstandene Foto aus seiner Islandserie, das im diesjährigen Kunstkalender der Deutschen Bank und in der Ausstellung Fleeting Moments in der Lobby Gallery der Bank in New York zu sehen ist, scheint auf Anhieb den romantischen Vorstellungen von unberührter Natur zu entsprechen: Inmitten der kargen Hügel einer weiten Landschaft steigt Wasserdampf aus einem Geysir empor und verbindet sich mit dem Weiß der vorbeiziehenden Wolken.

Doch gerade dieser Eindruck wird durch Eliassons künstlerische Untersuchungen und Interventionen in Frage gestellt. "Ich fahre nicht nach Island, um dort der Natur nahe zu sein", erklärt Eliasson, "ich fahre dorthin, um hinauszuschauen." Bei längerer Betrachtung erscheint seine Landschaftsaufnahme wie ein flimmerndes Muster aus Milliarden winziger Details, die aus der Tiefenschärfe hervortreten. Dem Akt des "genauen" Hinsehens haftet etwas Anstrengendes an, denn die Wahrnehmung des Motivs fordert nach kurzer Zeit unsere ganze Konzentration. Fast erscheint es, als müssten wir das Bild in unserem Kopf "neu" zusammensetzen. Was ist Vegetation, was Geröll? Wie weit sind die Wolken vom Wasserdampf entfernt? Woher kommen die Dampfschwaden hinter dem Hügel? Aus einer Pipeline? Ist da vielleicht ein Pfad? Was erkennen wir wirklich?



Your natural denudation inverted, 1999

Der Hof des Pittsburgher Carnegie Museum of Art im Winter 1999-2000: Im Innenhof des Museums steigt warmer Dampf aus dem vereisten Boden empor und hinterlässt auf den Ästen der Bäume eine Schicht aus Eis. Mitten in der Großstadt sieht sich der Betrachter einer Installation gegenüber, die an das Naturphänomen von Geysiren erinnert. Doch tatsächlich ist dieses Kunstwerk auf Technologie begründet: In Your natural denudation inverted nutzt Eliasson einen vorhandenen Heizungsschacht des Gebäudes, den er mit Stahlgerüsten, einem riesigen Wasserbecken und maschinell produziertem Dampf zu einer künstlichen "Landschaft" kombiniert. Durch die Fenster des Museums betrachtet, bietet sich der Eindruck eines winterlichen Stilllebens oder einer gerahmten Landschaft.

Dieses Bild weckt ähnliche Assoziationen und Gefühle wie die "Natur" auf Eliassons Island-Foto. Wenn er anmerkt, Natur sei das Produkt von Zivilisation, oder die einsame Landschaft Islands sei bereits "reproduziert", meint er damit auch die Sozialisierung und Zivilisationserfahrung, die wir mitbringen - ganz gleich in welcher Umgebung wir uns gerade befinden. Unser Blick auf die Natur verändert sie bereits in dem Moment, in dem wir sie ansehen.



The mediated motion, 2002
Installation, Kunsthaus Bregenz


Seit langem beschäftigt den Künstler, ob unmittelbare körperliche Erfahrungen unsere Vorstellung von der Welt verändern können. "Geräte zur Wahrnehmungsfindung" nennt er seine Arbeiten, die häufig den Charakter naturwissenschaftlicher Experimente aufweisen, in die der Betrachter miteinbezogen wird.

"Jede Bewegung beinhaltet einen gewissen Grad an Vermittlung - oder soll ich es Kultivierung nennen? Sich in einer Stadt oder in einer Landschaft zu bewegen, impliziert immer auch Inszenierung und Vermittlung", schreibt Eliasson 2001 zu seiner Installation The meditated motion (Bilder) im österreichischen Kunsthaus Bregenz. Die Mittel, die er bei seinen Installationen einsetzt, sind ebenso elementar wie flüchtig: Licht, Hitze, Feuchtigkeit, Dampf und Eis. So werden die Innenräume des Museums in Bregenz in eine gartenähnliche Struktur übersetzt, wobei jedes Stockwerk mit den dazwischenliegenden Treppen eine unterschiedliche Plattform darstellt, auf der man sich bewegen kann. Die Außenwelt verlagert sich in die Innenwelt: Der Weg führt vorbei an mit Pilzen bewachsenen Baumstämmen, auf einen hölzernen Parcours über eine Wasserfläche mit Teichlinsen, auf eine schiefe Ebene mit verschmutzter Erde und schließlich über eine Hängebrücke in einem Raum voll Rauch.



 



360° room for all colours, 2002
Installation, Musée d'art moderne de la ville de Paris


Während Eliasson seine Arbeiten als "Produktionsanlagen für Naturereignisse" beschreibt und sie mit Kulissen und Bühnentechnik vergleicht, impliziert seine Kunst auch den Augenblick der Enthüllung, in dem erkannt wird, wie diese Phänomene produziert werden. Die Einsicht in technische und physikalische Abläufe geht mit einem Moment der Desillusion einher. "Ich glaube der Grund, warum du die Maschine zeigen willst, ist, um die Leute daran zu erinnern, dass sie gerade schauen", sagt Eliasson in einem Interview in seiner jüngst erschienenen Monografie und zieht einen Vergleich hinzu. Während man beim Betrachten eines Filmes gelegentlich so vom Geschehen auf der Kinoleinwand gefesselt ist, das man glaubt, mitten im Film zu sein, kann man in jedem Augenblick "umschalten" und ganz genau feststellen, wo man sich gerade befindet. "Ich glaube, die Fähigkeit in ein Werk hineinzutauchen und wieder Abstand zu gewinnen - die Maschine zu zeigen - ist heute wichtig", sagt Eliasson. "Meine Arbeit hat sehr viel mit der Positionierung des Subjektes zu tun."

O.K.v.G.



Weitere Links zu Olafur Eliasson und seinen Arbeiten.

Interviews und Artikel:

Ein Interview mit Eliasson zu Your natural denudation inverted im Carnegie Museum of Art, Pittsburgh
Ein Beitrag zu Eliasson von Hjalmar Sveinsson
Kartografie/ Ein Artikel von Charles Giuliano in retro.rocket.com

Ausstellungen:

The Glacier Series im Guggenheim New York
Die Ausstellung Surroundings surrounded in Graz
Die Ausstellung Unilever Series in der Tate Modern
Eliasson Arbeiten auf der Biennale von Sao Paulo,
dazu ein Kommentar von Marianne Krogh Jensen, Biennale Sao Paulo
The mediated motion im Kunsthaus Bregenz (Bilder)
Green River series in Pakkhus/ Dänemark:
Green River Series
Eliasson bei der Arte All'Arte 1999
Your spiral view bei art.net.


© Olafur Eliasson, Berlin

Die Abbildungen entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung des Künstlers der Monografie: "Olafur Eliasson", erschienen im Phaidon Verlag, London/New York, 2002.