In dieser Ausgabe:
>> Alchemisten und Giganten
>> Interview mit Ivo Mesquita
>> Magische Sinnbilder und phantastische Schauplätze

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Magische Sinnbilder und phantastische Schauplätze:
Die italienische Transavanguardia in der Sammlung Deutsche Bank



Francesco Clemente
Auf und ab, 1984
© Galerie Bruno Bischofberger, Zürich


Nachdem die Malerei Anfang der neunziger Jahre wieder einmal für tot erklärt worden war, erfährt sie derzeit auf dem Kunstmarkt und durch führende Kulturinstitutionen eine Wiederbelebung. Die starke Resonanz, die zahlreiche neue Ausstellungen zur Malerei hervorrufen, bestimmt auch die aktuelle Diskussion über die Kunst. Die große durch Lateinamerika tourende und von db-art.info bereits ausführlich beschriebene Ausstellung Die Rückkehr der Giganten mit Arbeiten der Heftigen Malerei aus der Sammlung Deutsche Bank, nehmen wir zum Anlass, eine weitere Gruppe von Künstlern aus der Sammlung vorzustellen, deren Werk zur Zeit im Castello di Rivoli in Turin zu sehen ist. Maria Morais stellt Francesco Clemente, Sandro Chia, Enzo Cucchi, Nicola de Maria und Mimmo Paladino vor, die vor zwei Jahrzehnten als Vertreter der "Transavanguardia" zusammen mit den "Neuen Wilden" eine internationale Wiederbelebung der figurativen Malerei hervorriefen.

"Konzept und Minimal waren alle so rein, da mussten wir etwas Verbotenes, Unreines, Vitales tun." Mit diesen Worten fasst der italienische Künstler Sandro Chia die Ausgangsposition einer ganzen Malergeneration zusammen, die ab Mitte der siebziger Jahre nicht nur in Deutschland mit den Malern der Neuen Figuration für Furore sorgte. Auch in Italien fand mit den Künstlern der Transavanguardia zeitgleich eine bemerkenswerte Rückbesinnung auf die längst für tot erklärte Malerei statt, die vom internationalen Kunstbetrieb begeistert aufgenommen wurde.

1981 präsentierte Westkunst heute in den Rheinhallen der Kölner Messe erstmals in Deutschland die Arbeiten der deutschen und italienischen "Neuen Maler" gemeinsam in einer Ausstellung. Die aufsehenerregende Schau, zog schon bald darauf weltweit zahlreiche Präsentationen nach sich. Die Arbeiten dieser jungen Malergeneration, die dem ins stocken geratenen Kunstdiskurs wieder neuen Schwung verliehen, fanden sich schlagartig in den Beständen großer internationaler Sammlungen wieder. Paul Maenz, der diese "Neuen Maler" aus Deutschland und Italien in seiner Kölner Galerie von Anfang an zeigte, stellte schon bald eine der bedeutendsten Privatsammlungen dieser Kunstrichtung, die heute als Stiftung in den Kunstsammlungen zu Weimar zu besichtigen ist.



Nicola de Maria, Giardino Azzurrino, 1978
© Kunsthaus Zürich, Zürich
Abbildung: Katalog Kunsthaus Zürich, Zürich 1985


Als Geburtsstunde der Bewegung in Italien gilt die 1979 von dem Kunstkritiker Achille Bonito Oliva im Castello Colonna in Genanzzano organisierte Ausstellung "Le stanze". In diesem Zusammenhang führte Oliva erstmals den Begriff der "Transavanguardia" als Bezeichnung für die neue Strömung ein, die vor allem die Haltung der Künstler zum Ausdruck brachte, die, den bewussten Bruch zum Minimal und zum kargen Materialismus der Arte Povera suchend, sich jenseits jeder Idee von Avantgarde bewegten: Hemmungslos bedienten sich die neuen Maler überholter Stilmittel, Themen, Figurationen und spielten auf Historisches wie auf Mythisches an. Ihre von großen Gesten und Pathos dominierten Bilder plünderten mit ironischer Selbstdistanz sowohl den Formenkanon der Kunstgeschichte als auch populäre Bildformen aus Volks- und Gebrauchskunst bis hin zum Comic. Über die Ernsthaftigkeit ihrer Motive ließen sie das Publikum dabei bewusst im Unklaren.

Im Unterschied zum eher rauen und kantigen Neoexpressionismus der Heftigen Maler in Deutschland eroberten die Künstler der italienischen Transavanguardia die Kunstwelt mit magischen Sinnbildern von phantastischen Schauplätzen und poetischen Kompositionen. Zu den Hauptvertretern dieser Malerei gehören Francesco Clemente, Sandro Chia, Enzo Cucchi, Nicola de Maria und Mimmo Paladino, die in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind.



Francesco Clemente
Im Mund, 1983/84
© Galerie Thomas Ammann, Zürich


Francesco Clementes (*1952) Arbeiten gehören zu den visuell stärksten und erotisch aufgeladensten Werken der Transavanguardia. Die Formen des menschlichen Körpers immer wieder variierend, geht es Clemente, der in Italien, New York und Indien arbeitet, darum, für die Gegensätzlichkeiten des Lebens - Ganzheit und Fragmentierung, Freiheit und Begrenztheit - ein metaphorisches Vokabular zu entwickeln. Eingebettet in surreal anmutende Traumwelten begegnet uns immer wieder das von innerer Zerrissenheit geprägte Selbstbild des Künstlers. Im Mund von 1983/84 erscheint wie eine Zersplitterung des Ich, wobei vor allem das Auge des Künstlers mehrfach unter den vereinzelten Bildelemente des Hintergrunds auftaucht. Zuweilen verstärken die fehlenden Hintergründe in den Bildern den halluzinatorischen Charakter der dargestellten Dinge, so auch in Auf und Ab von 1984, das Clementes Wahrnehmungstheorie zu illustrieren scheint: "Wahrnehmung ist für mich die ständige Veränderung von Zuständen in einem Augenblick ... Als Maler interessiert mich dieser Zustand von Wahrnehmung in verschiedenen simultanen Augenblicken. Ich kann meinen eigenen Körper nicht in einem festgelegten Bezugsrahmen sehen."



Sandro Chia
Ohne Titel, 1981
aus der Mappe "Tresoro"
Radierung auf Papier
Sammlung Deutsche Bank
  

Sandro Chia
Ohne Titel, 1981
aus der Mappe "Tresoro"
Radierung auf Papier
Sammlung Deutsche Bank

Auch Sandro Chias (*1946) Werk lässt sich nur schwer einem festen Schema zuordnen. Seine Arbeiten als Übergangsort von einem Stil zum anderen begreifend, beherrscht er virtuos die malerischen Mittel, plündert freudig den mythologischen und kunstgeschichtlichen Motivschatz und vereint alle Teile zu einer schlüssigen Kombination von Abstraktem und Figürlichem. Damit gilt Chia zu recht als der "postmodernste" unter den Malern der Bewegung. Nicht ohne ein gewisses Maß an Ironie versammelt er auf seinen Bildern eine ganze Reihe einsamer männlicher und weiblicher Helden. Sich selbst überlassen setzt Chia sie häufig in arkadische Landschaften, die an die heimatliche Toskana erinnern, wie auf den beiden Arbeiten Ohne Titel aus der Serie Tresoro von 1981. Diesen klaren Bildkompositionen steht ebenso selbstverständlich ein umfangreiches Werk opulenter Darstellungen in expressiven, leuchtend bunten Farben gegenüber, in dem Chias Suche nach dem Wesen der Malerei zum Ausdruck kommt: "Man muss eine neue Komposition finden, die die vielen Essenzen der Malereitraditionen hat, man muss die Farben, die Themen, die eigenen Probleme und Lebenselemente in die Malerei hineinbringen - auch, wenn es manchmal um die Unmöglichkeit geht, immer wieder neu zu malen."



Mimmo Paladino
Ohne Titel, 1982
Lithographie auf Papier
© Mimmo Paladino, Mailand
Sammlung Deutsche Bank


Auch Enzo Cucchi (*1950) wandte sich Mitte der siebziger Jahre wieder der Malerei zu, in der Überzeugung, dass sie nichts von ihrer Kraft verloren hatte. Bereits in den sechziger Jahren hatte er sich als Autodidakt der Malerei gewidmet, sich aber dann völlig davon abgewandt und der Lyrik verschrieben. Seine Zeichnungen und Gemälde appellieren an unser unbewusstes Wissen um die Existenz der Mythen und intuitiven Kräfte. In radikaler Opposition zu einem zunehmend von technokratischem Funktionalismus beherrschten Denken, entwickelt Cucchi in seinen Bildern eine magisch-mythische Zeichensprache, die er der fortschreitenden Zerstörung unserer Kultur entgegensetzt. In seinen äußerst reduzierten, gegenständlichen Bildern stellt er dabei häufig Feuermetamorphosen dar, so wie in Carro Celeste von 1986. Ihnen kommt eine zentrale symbolische Bedeutung zu, die Cucchi mit der religiösen Funktion von Bildern verbindet. Im Zusammenhang mit der Arbeit DIO von 1995 schrieb Cucchi: "Gott ist auch ein Wort. Ein Wort, das sich in einen Rahmen verwandelt, der eine Grenze zieht, die zerbrechlich ist und dennoch wirklich und unvermeidlich. Gott ist auch ein Bild, ein Eidelon oder Simulacrum, das unheilvoll über die Geometrie hinausstrebt, ein Planungsfehler. Das Bild ... ist der fragile Kreis, der uns vom Unbestimmten trennt, uns aber nicht von den Dingen fern hält."



Enzo Cucchi
Carro Celeste, 1986
aus der Mappe "Für
Joseph Beuys" mit
Arbeiten von 30 Künstlern
Radierung und Aquatinta
auf Bütten
© Galerie Bernd
Klüser, München
  

Mimmo Paladino
Ohne Titel, 1982
© Mimmo Paladino, Mailand
Sammlung Deutsche Bank

Die Kunstgeschichte Italiens mit ihrem unerschöpflichen Reichtum an religiöser Malereie inspirierte Mimmo Paladino (*1948) zu maskenhaft stilisierten Figuren, die ikonengleich seine in tonigen, gedämpften Farben gehaltenen Bilder bevölkern. Bewusst greift er in den Bildformen auf christliche Traditionen und Techniken: Tondi und Triptychen, Mosaik und Enkaustik treten in Paladinos Werk bevorzugt auf. Doch auch die Symbole anderer Kulturen und Religionen, die mit archaischen Ritualen, archäologischen Funden und Zitaten aus der Kunstgeschichte verbunden werden, erscheinen immer wieder. So entstehen rätselhafte Zeichen, Fabelwesen und neue Bilderwelten, deren ureigene Kraft, Symbolik und Zeichen auf eine mystische Welt verweisen, in der Lebende und Tote nebeneinander existieren.

Werden und Vergehen ist als Metapher gleichfalls das zentrale Thema der Arbeiten Nicola de Marias (*1954). Unter den Transavanguardisten fallen seine Bilder besonders durch ihre beschwingte Leichtigkeit auf. Dennoch wollen seine zwischen Malerei und Graphik vermittelnden Arbeiten sowohl den Intellekt als auch die Emotion ansprechen. Dabei sieht sich de Maria in direkter Bezugnahme auf Casper David Friedrich in der Rolle des naturnahen, einsamen Malers, "denn das ist die Wahrheit: Ein Maler ist immer allein", wie er im Zusammenhang mit seiner Serie Parole Cinesi von 1983/84 erklärte. Häufig bestimmen Bäume und Pflanzen das Thema der Bilder. In zeichenhafter Verkürzung lässt de Maria dabei Zweige und Blätter zuweilen wie Sterne erscheinen - ein Eindruck, der durch das Hinzufügen "kosmischer Zeichen", wie farbig leuchtende Kreise und Spiralen oder zahllose Sprenkel weißer Punkte, bewusst verstärkt wird. Jedes seiner Bilder wirkt dabei wie der Ausschnitt eines großen Ganzen, was die betont lyrische Stimmung, die für seine Arbeiten kennzeichnend ist, ins Romantische übersteigert.



Nicola de Maria
Regno dei Fiori, Parole Cinesi -
Chu Huai-Chin, 1983/84
© Kunsthaus Zürich, Zürich



    

Nicola de Maria
Pax et bonum semper tecum, 1993
aus der Mappe "Künstler gegen die
Folter" mit 19 Blättern
Aquatinta auf Papier
© Kunsthaus Zürich, Zürich
Sammlung Deutsche Bank

Heute erscheinen das deutliche Bekenntnis zum tradierten Werkbegriff, zur Rolle des Künstlers als exemplarisch Leidendenden, der offen bekundete Hang zur Romantik als durchaus ambivalent. Selbstverständlich trugen die italienischen Maler der achtziger Jahre diese Rolle nicht ganz ohne Ironie zur Schau. Und doch wirken ihre Arbeiten wie ein Versuch, die sinnlichen und spirituellen Kräfte der Kunst zu mobilisieren, um sie der fortschreitenden Technologisierung aller Lebensbereiche entgegenzusetzen. So manchem mag diese Haltung als wohl kalkulierter Anachronismus erscheinen. Angesichts der aktuellen Wiederbelebung der figurativen Malerei stellt sich jedoch auch die Frage, ob die Werke der Transavanguardia nicht eine immer noch ganz zeitgemäße Sehnsucht erfüllen.



Ausgewählte Literatur:
Ausstellungskatalog, Francesco Clemente - Bilder und Skulpturen, Hannover 1984
Ausstellungskatalog, Nicola de Maria - Parole Cinesi, Zürich 1985
Ausstellungskatalog, Mimmo Paladino - Arbeiten auf Papier, Salzburg 1987
Ausstellungskatalog, Sandro Chia, Berliner Nationalgalerie, Berlin 1992