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Die Presse zur Malewitsch-Ausstellung im Deutschen Guggenheim Berlin

Während in Frankfurt gerade zwei Museen die Rückkehr der figurativen Malerei feiern, konzentriert sich das Deutsche Guggenheim Berlin mit Ausstellung Kasimir Malewitsch: Suprematismus auf den Höhepunkt der Abstraktion. Die Kritiker sind begeistert - und überrascht! Wer hätte gedacht, dass nach Jahrzehnten der abstrakten Malerei ein schwarzes Quadrat noch solche Wirkung haben könnte?

Am besten beschreibt das Christian Semler in der taz: "Was ist ein Klassiker? Einer, den man zitiert, ohne sich mit ihm zu beschäftigen. Kasimir Malewitsch ist der Klassiker der gegenstandslosen Malerei, also eingemeindet und abgehakt. Umso überraschender der Eindruck nach dem Rundgang durch die Malewitsch-Ausstellung im Deutschen Guggenheim Berlin. Man glaubte, dem Avantgardisten ein quasi antiquarisches, höfliches Interesse schuldig zu sein. Quadrat, Kreuz, Kreis, das kennen wir. Und dann werden wir überwältigt von der unmittelbaren Wirkung, vom Zugriff der Bilder. Man erwartete, sich in einer Art diskursivem Raum zu bewegen, wo Grundelemente von Farbe und Form auf analytische Weise vorgeführt werden. Stattdessen springt auf uns als Betrachter etwas von dem über, was Malewitsch als 'Geist der gegenstandslosen Empfindung' bezeichnet hat", schreibt Semler.

Ulrich Clewing staunt in der Frankfurter Rundschau, dass trotz Malewitschs "krauser und altbackener" Theorien seine Bilder "so frisch und modern wie am ersten Tag" wirken. "Jedenfalls ist uns Heutigen die Formensprache, die der Künstler damals fand, immer noch sehr nahe. Angesichts der Rechtecke, Balken und dünnen Linien, die mit interstellarer Dynamik von einer Seite der Leinwand zur anderen streben, hat man manchmal den Eindruck, dass ihre Wirkung bis in die Gegenwart anhält - wo sie sich in der Kunst, in der Werbung, im Design, überhaupt in der Alltagsästhetik so dauerhaft eingenistet hat, dass sie der Betrachter als Selbstverständlichkeit hinnimmt."

Bernhard Schulz sieht das im Tagesspiegel ähnlich: "Wie immer man die Traktate Malewitschs beurteilen mag, die ohne den historisch-philosophischen Kontext der russischen Kunstdiskussion nach 1900 schwer verständlich sind: Was in der Guggenheim-Ausstellung zu sehen ist, sind die wunderbar ausgewogenen, spannungsvollen Kompositionen eines Malers, der Formen und Farbe in nie zuvor gekannte Beziehungen zu setzen vermag."

Schulz freut sich, dass er außer den bekannten Bildern etwa aus dem Amsterdamer Stedelijk Museum auch "beglückende Entdeckungen aus den Museen von Krasnodar oder Jekaterinenburg" machen konnte - "oder auch aus Japan, von wo das überraschende Bild einer in die Höhe geschwungenen, mitnichten kantig-winkligen Form kommt".

Michael Diers von der Süddeutschen Zeitung ist zwar nicht ganz einverstanden mit der Konzentration der Ausstellung auf Malewitschs suprematistische Phase, scheint dann aber doch der schieren Schönheit der Bilder zu erliegen. "Die Guggenheim-Ausstellung favorisiert den von allen historisch-politischen Schlacken bereinigten Maler. Bis auf wenige Hinweise wird das scheinbar inkonsistente, inkonsequente spätere Schaffen sowie die Herkunft aus der Kunst des 19. Jahrhunderts ausgeblendet ... Dadurch gerät aber die andere, politischere, offenbar weniger avancierte Seite des Oeuvres, die zum Teil parallel zu den gegenstandslosen Werken entsteht, ganz aus dem Blick. Zurück bleibt das Bild des schieren Triumphes. Das ist eine Stilisierung, ja eine Abstraktion, die von dem absieht, was vom Künstler an konkreten Widerständen zu überwinden und an Anpassungsleistungen zu erbringen war. Insofern ist die Ausstellung viel zu schön, um zugleich auch wahr zu sein."

In der Welt hält Gabriela Walde fest, dass dem "Guggenheim Berlin hat mal wieder ein Coup" gelungen ist. "Während in den USA der Besucherrückgang plagt, legte die deutsche Guggenheim-Dependance kräftig zu. Mit über 600.000 Besuchern in nur fünf Jahren mauserte sie sich zu einem der abwechslungsreichsten und internationalsten Ausstellungsorte in der Hauptstadt. Und auch die neueste Schau mit über 80 Arbeiten von Kasimir Malewitsch, dem Pionier abstrakter Malerei, ist wieder ein kleiner Knüller: Viele der Leihgaben stammen aus russischen Museen und sind erstmals im Westen zu sehen, weil der Transfer jahrzehntelang vom Sowjetregime blockiert wurde."

Auch Vera Görgen von der Financial Times ist beeindruckt von der Ausdruckskraft der abstrakten Formen: "Quadrat, Rechteck, Kreis. Das ist das Formenvokabular, auf das der russische Künstler Kasimir Malewitsch seine Malerei reduziert hat. Es ist faszinierend zu sehen, wie er die statischen Formen seiner Bilder in dynamische Bewegungen zu versetzen vermag. Es scheint, als tanzten die monochromen Quadrate in Gelb, Rot oder Blau, als hüpften sie freudig oder schwebten an undurchsichtigen Fäden wie ein leichtes Mobile."

Anja Seeliger