In dieser Ausgabe:
>> Exklusiv: Richard Artschwager
>> "Ein scharfes Teil"
>> "Ohne Gewähr"
>> Some liked it Pop

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Untitled (Cat´s Eye View), 2000
Sammlung Deutsche Bank ©VG Bild-Kunst, Bonn 2003



Der Augenblick wird zum Stillstand gebracht, alles scheint eine logische Form zu zu haben, sogar im Zuge äußerster Raserei.

Es gibt ein Gemälde von Picasso in der Tate Modern in London. Auf seine Art ist das Bild ruiniert. Wir sind dort zusammen mit dem Ehemann von Annes Freund gewesen, dem australischen Filmregisseur Peter Weir, der ein paar große Filme wie Mosquito Coast gedreht hat. Ich sagte, schaut auf den Rahmen, betrachtet das Ganze auf einmal. Das ist die gesamte Bildfläche. Das erschließt einem vieles, alles ist zugänglich. Für mich sind diese Bilder wie Heilmittel.

In allen Texten über Ihre Arbeit ist immer wieder die Rede von Flüchtigkeit, dass Ihre Arbeit sich Kategorisierungen verweigert - als ob sie kategorisiert werden müsste.

Da bekomme ich schlechte Laune.

Ihre Teilnahme an der Ausstellung "American Pop Art" von Lawrence Alloway im Whitney 1974 mag dieses Geschwätz gefördert haben. Manche Kritiker beschäftigen sich noch immer damit, wie Sie mit Skulptur, Malerei, Zeichnung und Fotografie umgehen. Nach Ihrer Retrospektive im Whitney 1988 schrieb Donald Kuspit, dass Ihre Kunst "in einem exaltierten Zwischenstadium der eigenen narzisstischen Vorgehensweise schwebt." .

Damit kann ich leben. Wenn man Narzissmus als ein Vehikel versteht, auf die eigene Intelligenz zu vertrauen -

Ihre Arbeit wird oft als rätselhaft beschrieben.

Das stimmt ganz und gar nicht. Wir stehen vor einem Rätsel, wenn man mehr hineinlegt als man herausbekommt. Wenn man betrogen wird. Da sitzt irgendjemand am längeren Hebel. Ich bin mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund aufgewachsen. Ich habe die vorgegebene Kunstgeschichte nie besonders ernstgenommen. Sie ist scholastisch. Sie widmet dem, was in Wirklichkeit passiert, keinerlei Aufmerksamkeit, sie ist nicht essentiell. Der Apparat, der das Phänomen erzeugt, und das Verständnis von Kunst sind identisch.

Es ist eine Möglichkeit, der Erfahrung mit dem Kunstwerk selbst aus dem Weg zu gehen.

Man möchte Zusammenhänge schaffen. Das ist der Sinn und Zweck. Andere Dinge sind ebenso wichtig für mich, warum muss alles immer so kompliziert sein.



Time Piece, 1989
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Ihre Arbeit hat ständig die Richtung geändert.

Sie ist ja auch anfangs von ganz anderen Grundlagen ausgegangen. Was immer dabei als Basis dienen mag, Impressionismus, Postimpressionismus, und alles, was danach kam - das mit dem Kubismus ist mehr als irreführend.

Das Werk von Picasso und Braque, und die Diskussionen zwischen ihnen, das war weitaus zwingender als die spätere Verpackung, die zu einem programmatischen Mittel wurde, um Räumlichkeit zu sprengen. Mich interessiert, wie es Ihnen gelingt, eine extreme Nahaufnahme mit einem weit entfernten Raum und der physischen Zeit, die man für diese Erfahrung benötigt, aufeinandertreffen zu lassen. Es handelt sich dabei um eine filmische Methodik. Inwiefern hat sich dieses Konzept verändert, seitdem Sie zum ersten Mal Formica (Dekorlaminat) verwendet haben, wobei Sie sich die bildhafte Eigenschaft der Holzmaserung als ein auf die Oberfläche laminiertes Bild zunutze machten, was sowohl wie ein totales Fake als auch super-real wirkte?

Wenn man Collagematerialien einsetzt, und dazu gehört Formica, lässt sich eine solche Collage sogar hinstellen: sie mag ein wenig wackelig sein, und wenn das ein Problem ist, baut man eine Kiste und befestigt sie auf dieser Kiste. Das dabei entstehende mehr als präsente Bild kann zu einer regelre chten Gratwanderung zwischen flacher und räumlicher Wirkung werden.


Chair 1955-2000, 1965-2000
Courtesy Gagosian Gallery New York ©VG Bild-Kunst, Bonn 2003



Die Skulptur, Journal II von 1991, hat Ähnlichkeit mit dem Ausrufezeichen in der Ecke: bei ihr findet sich die laminierte Holzmaserung auf der einen Seite, die andere ist blau und von hervorstechendem Weiß. Zwei gegenüberliegende Platten aus Formica sind ineinander verkeilt, scheinen gleichermaßen zurückzuweichen und hervorzuschießen. Sie verweisen auf echtes Holz, kokettieren aber auch mit der Realität.

Wenn man sich die Collagen von Braque anschaut - das ist jetzt 100 Jahre her, aber da gab es das alles bereits. Ich möchte meine Arbeit nicht heruntermachen, aber ich habe sicherlich von so manchem, der mir den Weg bereitet hat, profitiert .

Aber Ihre Arbeiten waren und sind immer noch unglaublich zeitgemäß und doch von einer gewissen Vergänglichkeit.

Meinen Sie das in einem gesellschaftlichen Sinn?

Ja.

Ich würde nicht sagen, dass ich mich darum bemüht habe, eher frage ich mich, ob es mich stört? Ein wenig schon.

Die Vergänglichkeit? Nein, dass es modisch ist.

Modisch habe ich nicht gemeint - das ist immer gefährlich, denn das hieße, dass die Arbeiten in gewisser Weise selbstgefällig wären. Ihre dagegen sind frisch und direkt.

Sie machen sich ganz gut. Das liegt auch am Material, da gibt es keine Patina.



Door, 1987 ©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


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