In dieser Ausgabe:
>> Exklusiv: Richard Artschwager
>> "Ein scharfes Teil"
>> "Ohne Gewähr"
>> Some liked it Pop

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Some liked it Pop

Die turbulenten, aufrührerischen Untertöne der Pop Art: Nicht nur die Ablösung vom Abstrakten Expressionismus war umstritten. Cheryl Kaplan über die verborgenen Flügelkämpfe innerhalb der amerikanischen Kunstszene der sechziger Jahre, den Aufbruch zur Konzeptkunst und die Rolle, die Artschwagers eigenwillige Ideen und Arbeiten dabei spielen sollten.

Vielleicht bedurfte es einer Kultur der Freizeit und Unterhaltung, um den Würgegriff zu lockern, mit dem Abstraktion die Kunst in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren umklammert hielt. Sowohl in England als auch in den USA waren die Lager gespalten. Auf der einen Seite standen diejenigen, die die etablierten Abgrenzungen der Kunstgeschichte mit ihrem Leben verteidigt hätten, auf der anderen Seite fanden sich diejenigen, die es wagten, eine Schneise in festgefahrene Kategorien zu schlagen, wobei sie auch vor den ganz Großen nicht Halt machten: der Massenkultur, dem Alltag und dem Konsumenten der damit beschäftigt ist einzukaufen.

Was würde aus der sich auftuenden Kluft zwischen Abstraktem Expressionismus und Pop Art Neues entstehen? Wie der Kritiker und Kurator Lawrence Alloway in seinem Essay für die bedeutende Ausstellung im Whitney Museum, American Pop Art von 1974, bemerkte, stellte sich "Pop Art als eine Kunst entwicklungsfähiger Ideen" heraus. Alloway, der erstmalig den Begriff "Pop Art" als Direktor des Londoner Institute of Contemporary Arts im Winter 1957 ins Leben rief, schrieb, Pop Art sollte zur Beschreibung von Formen der Massenkommunikation dienen, allerdings nicht ausschließlich visueller.



American Pop Art, Whitney Museum of American Art, New York, 1974

Weiterhin räumte er ein, dass Pop Art "eine Kunst sei, die Zeichen und Zeichensysteme zum Gegenstand hat." Kritiker, die diese Äußerung wörtlich nahmen, deuteten das häufig als die Auseinandersetzung mit Plakaten oder Beschilderungen, vielleicht als eine etwas gewagtere Spielart der Kunst eines Stuart Davis, von dem Alloway sagte, er "sei als Kubist zu Besuch im Supermarkt." Roy Lichtensteins Verwendung von Comic Strips oder Andy Warhols Bezugnahme auf Verpackungen sind die häufig zitierten Merkmale dessen, wofür Pop Art schließlich in der ganzen Welt stehen sollte.


Roy Lichtenstein, Emeralds, 1961
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Während also ein Lager die Kunst als "Prozess" verteidigte, gab es auf der anderen Seite die Gruppe von Künstlern der "American Pop Art" – wie Andy Warhol, Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Jim Dine, James Rosenquist, Claes Oldenburg, Edward Ruscha und Richard Artschwager. Sie wussten, dass die Flügelkämpfe zwischen den Haltungen "Kunst als System" und "Kunst als Prozess" letztendlich ein reines Ablenkungsmanöver waren. Der Streit verzögerte lediglich die öffentliche Auseinandersetzung mit neuen Technologien und Informationen, die im Zeitalter der Massenproduktion nur darauf warteten, gedeutet zu werden.


Claes Oldenburg, Notebook Page: Sketch for a Poster for the One-Man-Show at the Dwan Gallery - Building in the Form of a Sitting Dog, 1963
©Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen, New York
Sammlung Deutsche Bank


Die Trennung von "prozessualer Kunst" und Kunst, die als "System" verstanden wird, findet ihren Ursprung in zwei entgegengesetzten Weisen der Kunstproduktion: Als "Prozess" begriffen gründet sich Kunst auf der emotionalen Reaktion, wobei Materialien und Techniken dazu eingesetzt werden, sich dem Gegenstand zu nähern und ihn sinnlich erfahrbar zu machen. Hierbei ist es das gefühlsmäßige Verhältnis des Künstlers zur Welt und den Dingen, welches sein Werk prägt. Für die "systematisch" ausgerichtete Kunst bildeten die Massenkultur und neue Produktionstechnologien den Ausgangspunkt für eine neue visuelle Sprache, die die Alltagswelt mit einem breiten Publikum in Zusammenhang brachte.



Jasper Johns,Three Flags, 1958
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Auch wenn er anfänglich eher aufgrund seines Stils als aufgrund seines inhaltlichen Ansatzes von der Kritik wahrgenommen wurde, geht Roy Lichtensteins Verwendung von Comic Strip Elementen und Rasterpunkten weit über eine einfache Nachahmung von Zeitungsdruck, Images und Herstellungsprozessen der Massenmedien hinaus. Seine Gemälde kommentieren und unterwandern zugleich jene Technologien, die ihre Grundlage bilden. Das Konzept des "Systematischen" steht im krassen Gegensatz zum Konzept des "Prozessualen". Es verzichtet auf Metaphern und wendet sich viel unmittelbarer der Alltags- und Massenkultur zu.

Die Auseinandersetzung zwischen "System" und "Prozess" ist in der Kunstwelt über lange Zeit immer wieder aufgeflackert, und sie tut es wahrscheinlich heute noch. In der Annahme, die "Pop-Künstler" würden mehr oder weniger eine geschlossene Fraktion repräsentieren, wurden allerdings mehrere Streitpunkte immer wieder übersehen: Ganz besonders die grundlegende Diskrepanz zwischen den Werken in der von Lawrence Alloway kuratierten Schau und die völlig unterschiedlichen Perspektiven zukünftigen Denkens und Schaffens, die sie entwarfen. Die Urteile, die über die Pop Art gefällt wurden, erscheinen im Rückblick nicht nur provinziell, sondern auch eigennützig. Ganz gleich wie sie nun verstanden wurde, der Siegeszug der Pop Art als Kunstbewegung vollzog sich mit so großer Geschwindigkeit und solch einer öffentlichen Resonanz, dass dies die bestehenden Unterschiede zwischen den einzelnen Künstlern zunehmend verwischte.



Joe Goode, Staircase, 1970
©Joe Goode, Marina Del Rey



Der Blick, den wir heute – fast dreißig Jahre nach ihrer gleichzeitigen Geburt in Amerika und England – auf sie zurückwerfen können, verbindet sich mit einem Vorteil: Wir haben die Möglichkeit, auch jene turbulenten, aufrührerischen Untertöne der Pop Art zu beachten, über die bislang nur selten gesprochen wurde. Lässt man einmal die abgedroschenen Argumente zum rechtmäßigen Platz der Abstraktion in der Geschichte der Kunst beiseite und auch die Anschuldigung, Pop Art sei ein Schwindel, dann ist es vielleicht möglich zu erkennen, wie sie zur Konzeptkunst überleitete, und warum für diese Künstler die Beziehung zur Massenkultur so wichtig war. Tatsächlich sagte Ed Ruscha: " Ich glaube, dass die sogenannten Konzept- Künstler auf gewisse Weise auch Pop-Künstler sind."


Edward Ruscha, Noise, 1963
©Ed Ruscha, Beverly Hills


Dass Richard Artschwager in Lawrence Alloways Ausstellung der American Pop Art aufgenommen wurde, stellt eine bedeutsame Abweichung von der scheinbar so homogenen Geschichte dar, die noch immer gerne erzählt wird – sei dies nun aus der Perspektive des alten Kampfes zwischen "Pop" und "Abstraktion" oder in der vereinfachten Version einer Pop-Bewegung, in der kaum unterschiedliche Positionen existieren. Artschwager passte sich nicht nahtlos in das Thema und die Verpackung der Ausstellung ein und wurde so, gemeinsam mit Künstlern wie Joe Goode, Tom Wesselmann, Jim Dine oder Edward Ruscha, der Abteilung "Zeichen und Objekte" zugeordnet – einer Sektion die sich nur schwerlich mit dem Rest der Ausstellung und dem vereinen ließ, was man in den Siebzigern unter "Pop Art" verstand.

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