In dieser Ausgabe:
>> Exklusiv: Richard Artschwager
>> "Ein scharfes Teil"
>> "Ohne Gewähr"
>> Some liked it Pop

>> Zum Archiv

 

Rahmen/Motiv – Grenzen und Inhalte der Malerei

Traditionell wird ein Bild von einem Rahmen umschlossen. Der Rahmen lenkt die Wahrnehmung auf das innerhalb liegende Bildfeld, bildet zugleich Grenze und Übergang von Bildraum und umgebendem Raum. Was geschieht jedoch, wenn der Rahmen wie in Untitled die gesamte Binnenfläche für sich in Anspruch nimmt? Statt eine malerische Illusion von Räumlichkeit zu erzeugen, wird das Bild zum Objekt in Gestalt eines gerahmten, räumlich erfahrbaren Fluchtpunkts. In Untitled (Girls) verjüngt sich die Bildfläche als dreidimensionale Pyramidalform in den Hintergrund. Der zentrale Bereich des Bildes ist ein schwarzer Leerraum. Die malerische Darstellung ist von ihrem traditionellen Platz an den Rand gedrängt. Die Mädchen werden buchstäblich zu Rahmenfiguren.



Richard Artschwager, Sailors, 1966
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


In mehrteilig gerahmten Bildern wie Sailors wird der Topos vom 'Bild als Fenster' einerseits wörtlich umgesetzt und andererseits intellektuell durchkreuzt, gerade so wie das Fensterkreuz die Bildfläche durchkreuzt. Die nahsichtige Darstellung der Figurengruppe enttäuscht die Erwartung an das Bild, sich wie ein Fenster zu einer anderen Welt zu öffnen. Perspektive und Position sowohl der Matrosen als auch des Betrachters bleiben unbestimmt. Es bleibt unklar, ob es ein Ausblick oder ein Einblick ist, den Artschwager mit seiner Malerei eröffnet. Die reflektierenden Rahmen des Gemäldes werfen die Frage zurück in den Raum des Betrachters, der sich in ihnen spiegelt.

Richard Artschwager, Seated Group, 1962
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Auf der Suche nach Bildmotiven ließ Artschwager Blick und Gedanken über die Dinge seiner alltäglichen Umgebung schweifen und begann Bilder zu verwenden, die ihm zufällig begegneten. Das Motiv der Seated Group , etwa entdeckte er in der Zeitung eines Tischlereigehilfen. (7) Neben Figuren und Porträts finden sich Beispiele für nahezu jede Bildgattung, darunter Architekturansichten, Interieurs, Landschaften und Stillleben, die häufig auf Zeitungsfotografien basieren. Er begann die fotografischen Vorlagen zu rastern und in vergrößertem Maßstab, Quadrat für Quadrat auf die Bildfläche zu übertragen. Diese Übernahme bereits vorhandener Darstellungen befreite ihn zunächst von den Zwängen der Bilderfindung, Komposition und Bildhierarchie.

Celotex – Figur und Grund der Malerei

Das industrielle Material Celotex ist ein aus Papierfaser zu Platten gepresster Verbundstoff. Die glatt gearbeitete Schauseite der Platten wird zur Wand- und Deckenverkleidung verwendet. Artschwager benutzt jedoch die rau belassene Rückseite des Celotex, in der die Struktur der verwendeten Presse als Abdruck sichtbar bleibt. Diese Materialität und Struktur bieten die idealen Eigenschaften für die Bildübertragung in eine größere Dimension:
"Man könnte sagen, es ist Papier im großen Stil, von großem Format und grobkörnig. Es ähnelt etwa vergrößertem Zeitungspapier." (8)
Dabei rückt die Malerei mit Acryl auf Celotex ein zentrales Thema der Malerei in das Bewusstsein des Betrachters: das Verhältnis von Figur und Grund. Wie über eine Landschaft aus Berg und Tal ergießt sich die dünn aufgetragene Acrylfarbe über die grobe Oberfläche. Die Struktur des Grundes bleibt dabei stets sichtbar. Physisch durchdringt der Grund die illusionäre Oberfläche der Darstellung. Was wie ein starker malerischer Duktus erscheinen mag, ist nicht Ausdruck künstlerischer Expressivität, sondern beruht auf der im industriellen Material vorgefundenen Struktur.


Richard Artschwager, Destruction V, 1972
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

In einem Bild wie Destruction V erweitert der das Motiv durchdringende Grund die Bildaussage. Der dargestellte Vorgang der zerstörerischen Auflösung fester Materie in Staub wird durch die durchdringenden Wirbel der Celotexstruktur für das Auge zum tastend erfahrbaren Ereignis. Malerische Illusion und materielle Realität des Bildes durchdringen und ergänzen sich wechselseitig. Das aus kleinsten Partikeln zusammengefügte Material Celotex führt als Bildträger die Vergänglichkeit und Instabilität der visuellen als auch der materiellen Welt greifbar vor Augen.


Weave/Hair – Ansicht und Einsicht

Richard Artschwager, Weave/Drape, 1971
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
In einem Gemälde wie Weave/Drape sieht sich der Betrachter mit der irritierenden Simultanität unvereinbarer Ansichten eines Gegenstands konfrontiert. Die Darstellung eines gerafften Stoffes - wie ein Vorhang zur Seite gezogen - gibt den Blick frei auf die scheinbar in mikroskopischer Vergrößerung gesehene Gewebestruktur desselben Stoffes. Trotz unverändertem Betrachterstandpunkt zeigt sich der Bildgegenstand einmal in vertrauter Ansicht und zum anderen wie aus extremer Nahsicht. Tatsächlich aus geringer Entfernung betrachtet, löst sich das Bild der geometrischen Regelmäßigkeit des gemalten Gewebes wie in nochmaliger optischer Vergrößerung in der kleinteiligen, zufälligen Struktur des Celotex auf. Die Möglichkeiten der Kunst gehen über die Grenzen des alltäglichen Sehens hinaus. Sie macht die für das menschliche Auge unter der Oberfläche verborgene Struktur des Materials sichtbar. Das Bild macht es möglich, einen Gegenstand gleichzeitig anzuschauen und in ihn hineinzuschauen. Doch welche Sichtweise liefert ein verlässliches Bild der Dinge? Gibt es so etwas wie eine 'richtige' Distanz zu den Dingen, um ihr Wesen zu erkennen?

Richard Artschwager, Hair Wall Piece, 1967-69
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Richard Artschwager, Falling Man, 1998
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Eine aus dem räumlichen Verhältnis von Betrachter und Objekt resultierende Schärfe bzw. Unschärfe der Wahrnehmung wird auch in den Objekten aus gummiertem Rosshaar thematisiert. Das industriell verarbeitete Rosshaar wird üblicherweise zur Polsterung von Möbeln verwendet. Gummiert und zu Matten gepresst, fertigt Artschwager daraus seit den sechziger Jahren Objekte wie Hair Wall Piece und in jüngster Zeit scherenschnittartige Figurensilhouetten wie Falling Man. Aus der Nähe betrachtet tritt die äußere Gestalt des Objekts hinter der aus Tausenden von Haaren bestehenden Struktur des Materials zurück. Was sich aus der Nähe als extrem detailreich zeigt, wird mit zunehmender Distanz unpräzise und verschwommen. Aus einiger Entfernung gesehen, ist es dem Auge - wie durch einen Sehfehler - unmöglich die Gegenstände präzise wahrzunehmen. Umriss und Oberfläche verschwimmen in der unscharfen, haarigen Struktur. Die flimmernden Grenzen des Objekts verunklären seine Position im Raum. Der laut Titel im freien Fall befindliche Falling Man demonstriert dieses Moment der Unruhe überdies und scheint tatsächlich im freien Raum zu schweben.

Bewegung/Benutzung – Wahrnehmung als aktives Erlebnis

Durch den Eindruck von Bewegung und die Aufforderung zur Benutzung veranlassen viele der Arbeiten Artschwagers den Betrachter, Wahrnehmung als aktiven Vorgang zu erfahren.


Richard Attschwager, Chandelier II, 1976
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Die Konzeption und Rahmung der Gemälde als mehrteilige Bildkomposition erzeugt in der Malerei den Eindruck von Bewegung. In Chandelier II, ist das Motiv auf vier separate Tafeln verteilt. Jede der Tafeln zeigt den Kronleuchter aus etwas anderer Perspektive. An den Schnittstellen wird die Einheit der Darstellung zusätzlich durch die Überschneidung des Motivs gestört. Wie in Film Stills oder vier im Vorübergehen aufgenommene Schnappschüsse entsteht der Eindruck, der Betrachter würde den Bildgegenstand aus der Bewegung heraus wahrnehmen. Als wäre der Gegenstand zu komplex, um auf einen Blick und von einem Standpunkt aus erfasst werden zu können, fügt sich erst durch den von einer Tafel zur nächsten wandernden Blick, erst durch die Bewegung durch den Raum ein vollständiges Bild des Gegenstands zusammen.

Richard Artschwager, Door, 1987
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Richard Artschwager, Book III (Laocoon), 1981
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

[1] [2] [3] [4]