In dieser Ausgabe:
>> Exklusiv: Richard Artschwager
>> "Ein scharfes Teil"
>> "Ohne Gewähr"
>> Some liked it Pop

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Neben den Möbeln gehören Tür und Buch zu den immer wiederkehrenden Gegenständen in Artschwagers Oeuvre. Gemäß der Auffassung "Kunst basiert auf eine Reihe von Anweisungen" (9) fordern Objekte wie Door und Book III (Laocoon) den Betrachter auf, durch aktives Handeln einzugreifen und eine bestimmte Haltung zum Objekt einzunehmen.

Der Griff an der Tür animiert dazu, die Tür zu öffnen. Folgt man der Versuchung, entdeckt man hinter der Tür eine Fläche, die genauso aussieht wie die Tür selbst. Es eröffnet sich kein Ein- oder Ausblick. Es wird kein Raum oder Inhalt sichtbar. Die Hoffnung, etwas Verborgenes zu entdecken, wird enttäuscht. Dadurch rückt die Handlung selbst und die damit verbundenen Erwartungen ins Zentrum der Wahrnehmung. Wenn es hinter einer Tür nichts zu entdecken gibt, wird die Tür selbst und der Akt des Öffnens/Schließens zum Gegenstand der Reflexion.
Richard Artschwager, Exclamation, 1994
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Was würde man in dem Book (Laocoon) entdecken, wenn man der vom Künstler suggerierten Aufforderung nachkäme, sich auf das Polster zu knien und nach vorne gebeugt an den Griffen festzuhalten? Der Blick fiele direkt auf ein monochrom schwarzes Rechteck. Dort, wo man in einem Buch einen Text erwartet, sieht man sich hier statt dessen mit einer Leerstelle konfrontiert. An die Stelle der Sprache tritt ein geschwärztes Bildfeld - ein Bild der Leere, als Reflexionsfläche um sich seiner eigenen 'Erwartungs-Haltung' bewusst werden zu können? Doch wo sind die Schriftzeichen? Beim Aufblicken von diesem Buch könnte sich der Betrachter unvermittelt mit einem plastischen Ausrufezeichen wie Exclamation als gestaltgewordener, nachdrücklicher Betonung dieser Frage konfrontiert sehen.

Richard Artschwager, Question Mark, 1975
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Satzzeichen/Blps – Zeichen im räumlichen Kontext

Ein Satzzeichen steht in der Regel am Ende eines Satzes, um dem Vorausgegangenen Nachdruck zu verleihen. Artschwager löst die Satzzeichen aus ihrem angestammten sprachlichen Kontext. Als dreidimensionale Gestalt stehen sie dem Betrachter im gemeinsamen Raum gegenüber. Wem oder was verschafft ein Ausrufezeichen jedoch die gewünschte Aufmerksamkeit, wenn es dem Betrachter ohne einen klaren Bezugspunkt im Raum begegnet? Worauf bezieht sich ein Fragezeichen wie Question Mark, wenn es frei im realen Raum schwebt? Der räumliche Kontext selbst wird zur Disposition gestellt. Das Satzzeichen wird zur greifbaren Formulierung der Frage nach der Bedeutung des Kontextes für unser Wahrnehmen und Begreifen. Der Betrachter muss sich selbst-bewusst in Beziehung zu seiner Umgebung stellen.


Richard Artschwager, blp neben Tisch Deutsche Guggenheim Berlin 2003
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Richard Artschwager, Blp Schornstein, Lower Manhattan
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Mit dem Blp eroberte Artschwager gänzlich neue Territorien für die Kunst. Wie mit einem Ausrufezeichen markieren die kapselförmigen, meist schwarzen Blps die unwahrscheinlichsten Stellen und erklären den gesamten sozialen Raum zum Wahrnehmungsraum und möglichen Kontext der Kunst. Das Wort "Blip", von Artschwager seines Vokals beraubt, bezeichnet jenen Signalpunkt auf einem Radarschirm, der die Ortung eines gesuchten Gegenstandes anzeigt. Ohne den Gegenstand selbst sichtbar zu machen, gibt es einen konkreten Hinweis auf dessen Existenz und Position. Dem Radarsignal ähnlich funktioniert das Blp als abstraktes Zeichen im realen Raum, das zugleich auf sich selbst und den Kontext, in dem es steht, hinweist. Der historischen Vorstellung von der Monade als kleinstem Partikel verwandt, ist das Blp eine einfache, unteilbare, äußeren Einflüssen unzugängliche Gestalt. (10) Während es selbst unverändert bleibt, verändert es durch seine Anwesenheit unsere Wahrnehmung des Kontextes. Rasch eroberte das Blp über Galeriewände und Fenster hinaus den öffentlichen Raum. Mal erscheint es zusammen mit anderen Graffiti auf eine Mauer gesprayt, mal wie ein Markenzeichen oder Emblem, das auf Artschwagers Anwesenheit an Orten wie dem Metropolitan Museum in New York verweist. Oder es taucht gemäß Artschwagers Maxime "kein Winkel entzieht sich dem Blick" (11) hoch oben am Schornstein eines Kraftwerkes in Lower Manhattan auf. Als wahrnehmungsorientierte Bezugspunkte lenken die Blps die Aufmerksamkeit scheinbar beiläufig von sich auf ihre Umgebung und erweitern unversehens unser Blickfeld. Durch den diskreten Eingriff in die Realität schärft das Blp unsere Wahrnehmung für den uns umgebenden Raum. Unbewusstes Sehen wird zu bewusstem Wahrnehmen.

Foto/Kisten - Verpackung und Inhalt

Mitte der neunziger Jahre entstand die Werkgruppe der Crates. Dieser schlichte Titel bezeichnet Holzkisten, die in Material und Bauweise den für den Transport von Kunstwerken üblichen Kisten entsprechen. Fest verschraubt, bleibt der Inhalt dieser Kisten jedoch verborgen. Allein anhand ihrer besonderen Größe und Form ließe sich über ihren denkbaren Inhalt spekulieren. Häufig weckt eine vertraut anmutende Form die Assoziation mit einem bestimmten Gegenstand, zum Beispiel einem Klavier.


Richard Artschwager
Crate [Klavier], 1993
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Richard Artschwager
Group of Crates, 1993
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Gewissheit wird sich darüber jedoch nicht erreichen lassen. Die scheinbar funktionale Gruppierung mehrerer Kisten legt die Verbindung dieses Ensembles mit einem Tisch und zwei Stühlen nahe. Die abstrakte L-Form gleicht darüber hinaus in ihrer Gestalt dem frühen Objekt Chair. Tatsächlich basieren auch diese frühen Objekte auf kistenartigen Sperrholzkonstruktionen. Im Unterschied zu Chair trägt die Kiste jedoch kein Abbild eines Gegenstandes. Der Akzent liegt deutlich auf dem Raum, der umschlossen wird. Die Holzkiste betont ihren eindeutigen Objektcharakter. Ihre Oberflächenbeschaffenheit gibt keinen zusätzlichen Hinweis auf ihren möglichen Inhalt. Die Holzkiste verhüllt mehr, als dass sie abbildet. Die Verpackung wird zum abstrakten Stellvertreter, einem Emblem. Gegenstand und Darstellung kommen hier zur Deckung.


Richard Artwchwager, Chair 1965-2000, 2000
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


In der jüngsten Vergangenheit hat das Motiv der Kiste eine weitere Variation erfahren. In Objekten wie Chair 1965-2000 und Live in your Head übernehmen Fotografien die Abbildfunktion des Formica. An die Stelle abstrahierter Materialimitationen treten Bilder individueller Gegenstände und Porträts von Freunden und Familienmitgliedern, die den Charakter des Privaten und Persönlichen tragen. Vergleichbar mit früheren Objekten wie Chair bilden kistenartige Konstruktionen, die der geometrisierten Gestalt des dargestellten Gegenstandes entsprechen, den dreidimensionalen Bildträger, auf dessen Seiten die entsprechenden fotografischen Ansichten laminiert werden. Zwar bedeckt das Abbild wie bei Chair die gesamte Oberfläche, doch fügen sich die fotografischen Ansichten optisch nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Die einzelnen Teile bleiben disparat. Die Darstellungsform kann dem Motiv nicht gerecht werden.

Die Grenzen des Bildmotivs stimmen nicht mit den Grenzen der Kiste überein. Der fotografisch dargestellte Gegenstand wird vollständig von der äußeren Grenze der Kiste umschlossen. Das Bild vom Stuhl bedeckt zwar die gesamte dreidimensionale Gestalt, doch kommt seine eigene Form nicht mehr zur Deckung mit der Form der Kiste. Der Stuhl scheint statt dessen im Inneren der Kiste zu stehen, der Junge innerhalb der räumlichen Grenzen zu schweben, ohne die Grenzen selbst zu berühren. Die Figur wirkt wie innerhalb des Objekts gefangen. Das Bild vom Stuhl liegt hier nicht mehr auf, sondern unter der Oberfläche. Wie mit einem Röntgenblick meinen wir durch die zuvor verschlossene Crate auf einen verborgenen Inhalt zu schauen. Unter der äußeren Form des abstrahierten Körpers wird das Bild des individuellen Inhalts sichtbar.


Richard Artschwager, Live in your head, 2002
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
In Live in your Head verkörpert eine Kiste den Oberkörper und Kopf des Jungen. Auf dieser ruht eine kleinere Version derselben Kiste. Diese kleinere Kiste auf dem Kopf entspricht dem manifest gewordenen Gedanken des Jungen. (12) So wie jede Kiste eine weitere Kiste enthalten kann - wie russische Mamutschka Puppen - so führt jeder Gedanke zu einem weiteren Gedanken. Obgleich der Inhalt des Gedankens letztlich ebenso verborgen bleibt wie der Inhalt der Kisten, schafft diese Arbeit einen sichtbaren Ausdruck für das Unsichtbare. Der Junge schaut uns an. Die Ohren hält er sich zu. Er will nichts hören, er will nicht sprechen. Es geht um das Sehen und Denken: Begreifen durch erkennendes Sehen.

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