In dieser Ausgabe:
>> Ein Interview mit Tom Sachs
>> Tom Sachs' Installation "Nutsy's"
>> Die Fragilität der Symbole
>> Waffen, Status, Shopping

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Kontrolliertes Chaos
Tom Sachs' Installation Nutsy's im Deutsche Guggenheim Berlin


Vom 24. Juli bis 5. Oktober präsentiert die Deutsche Guggenheim in Berlin Nutsy's, die raumfüllende Installation des New Yorker Künstlers Tom Sachs. McDonald's, Le Corbusier, Skulpturenpark und Rennautos: Maria Morais über Sachs' Vision einer Welt, in der die gewohnten Grenzen zwischen "High and Low" aufgehoben werden.


Tom Sachs, Nutsy's, Installation in der Bohen Foundation, Foto: Van Neistat, © Tom Sachs Studio


Die Szene ist ein Klassiker: Gehetzt von unsichtbaren Verfolgern, rennt der Held durch eine belebte Straße, rempelt vorbeiziehende Fußgänger und Skater über den Haufen, stößt Passanten zu Boden und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Plötzlich stoppt er das nächste heranfahrende Auto, springt hinein, treibt den schockierten Fahrer mit einer Waffe in die Flucht und gibt zu der aus dem Autoradio dröhnenden Musik Gas. It's Gangsta Time! Wir befinden uns mitten in einem der populärsten elektronischen Settings der letzten Jahre, in Vice City, der virtuellen Welt des erfolgreichen Computerspiels Grand Theft Auto, das mit jeder Menge satirischem Irrwitz, Seitenhieben gegen Werbung, Waffenfreaks, Turnschuhfirmen und Boybands durchsetzt ist.

Basslastige Reggae Rhythmen dröhnen aus 10.000 Watt Lautsprechern, mannshohe Modelle von Le Corbusiers Unite d'Habitation (1947-52) in Marseille und der Villa Savoye (1929-31) in Poissy finden sich neben einem selbstgebastelten, voll funktionstüchtigen McDonald's, DJ-Kabinen, einem Park für moderne Kunst in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Ghettoviertel, allesamt verbunden durch eine gigantische Rennbahn, auf der ferngesteuerte Modellautos ihre Bahnen ziehen, aufeinanderprallen oder sich gegenseitig außer Gefecht setzen. Willkommen in Nutsy's Welt!



Tom Sachs, Nutsy's, Installation in der Bohen Foundation, Unité d'Habitation, Foto: Van Neistat, © Tom Sachs Studio


Tom Sachs' Installation für die Deutsche Guggenheim in Berlin bietet wie Grand Theft Auto das miniaturisierte Abbild einer von den Gesetzen der Konsumgesellschaft geprägten Realität. Es verwundert nicht, dass Sachs als begeisterter Fan des Videospiels dabei jegliche Rücksichtnahme auf die gewohnten Grenzen zwischen "High and Low" außer Acht lässt: Ikonen der Moderne stehen gleichberechtigt und kommentarlos neben Flagschiffen des globalen Konsums und Symbolen zeitgemäßer Freizeitkultur. Wie bei einem Computerspiel kann der Besucher der Ausstellung die ihm sonst zugewiesene Betrachterrolle aufgeben und Akteur in dieser gigantischen Bricolage werden – indem er einen der Boliden, ein ferngesteuertes Auto, durch die Installation lenkt.


Tom Sachs' Studio, Foto: Tom Powell, © Tom Sachs Studio

An Mietskasernen, Containern, Kneipen und Geldautomaten des Ghettos, den verkleinerten Brancusis und Calders des Skulpturenparks vorbei, kann jeder vom Spieltrieb erfasste Ausstellungsbesucher seinen Wagen durch Nutsy's Kosmos jagen, und verschnauft vielleicht kurz am McDonalds Drive-In. Tatsächlich stand Sachs' Spielbegeisterung am Anfang der Idee für die im Maßstab 1:25 gefertigte Installation, die ihre realen Vorbilder detailgenau kopiert. Sachs hatte begonnen "...nachzudenken, wie unser heutiges Leben aussieht. Mich interessiert, wie sich die Welt ernährt, McDonalds, programmiertes Altern, globaler Wohnbau, Corbusier, Musik. Ich dachte: 'Was ist unser GTA (Grand Theft Auto)? Was ist unser Auftrag?' Und wir haben begonnen alles zu kombinieren."

Lange war Bricolage ein Ausdruck der Geringschätzung für improvisierte, eher schlecht als recht gemachte Arbeiten. Doch spätestens seit Claude Levi-Strauss in seinem Buch über primitive Kulturen, "La pensee sauvage" (1962), den Begriff als Fähigkeit beschrieb, vermittels Mythen- und Aberglauben aus verfügbaren, gegenständlichen Versatzstücken immer neue Gesamtzusammenhänge zu erstellen, erfuhr er eine Aufwertung. Und obwohl Sachs gerne betont, wie sehr ihn alles Mysteriöse und Esoterische befremdet, scheint er seine "Basteleien" genau in diesem Sinne zu betreiben: "Wir verpassen also gewissermaßen einem Wegwerfmaterial einen höheren Status. Nimm zum Beispiel den Hartschaum: ein extrem 'niedriges' Material, das wir aufpolieren. Die Idee, aus Mist Gold zu machen, ist der Anreiz".





Tom Sachs, Nutsy's, Installation in der Bohen Foundation, Nutsy's Barcelona Pavillon , Foto: Tom Powell, © Tom Sachs Studio


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