In dieser Ausgabe:
>> Ein Interview mit Tom Sachs
>> Tom Sachs' Installation "Nutsy's"
>> Die Fragilität der Symbole
>> Waffen, Status, Shopping

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Nutsys, installationsansicht

Kaplan: Was war Ihr Vater von Beruf?

Sachs: Er war dort Generalmanager eines Lebensmittelkonzerns - bei Jello Gelatin Company - und leitete mehrere Fabriken.

Kaplan: Welche Rolle spielt bei Nutsy's die Wiederverwendung von Gegenständen?

Sachs: Wiederverwendung hatte für mich schon immer eine besondere Bedeutung. Wir haben die Filme zu Nutsy's für die Besucher gemacht, um es ihnen zu ermöglichen, in unsere Welt hineinzuschauen. Auf diese Weise werden die verschiedenen Systeme - und wie wir sie bedienen - nachvollziehbar.



Cheryl Kaplans HULK Kinokarte

Teil 2
Das ganze Atelier geht zusammen ins Kino. Ich hänge mich dran. Wir schauen uns am Union Square Hulk an. Später sitzt Sachs auf dem Fußboden im Foyer des Kinos. Sein Kalender ist überall verteilt. Das Kino wird zu seinem Büro. Casey Neistat hat sich ein Handy geschnappt. Die beiden teilen sich die Rückrufe untereinander auf - 18 Stück. Sachs notiert sich wie ein Verrückter mit einem Zeichenstift, wie ihn Architekten benutzen, Termine im Juli. Hulk hat inzwischen mehrere Anschläge auf sein Leben überstanden.


Teil 3
Ich mache mich auf den Weg zu Tom Sachs' zweitem Atelier, seinem Appartement unten in der Centre Street. Casey Neistat sagt, wenn ich einem Mann mit vielen Tattoos und nacktem Oberkörper begegne, soll ich mich von ihm zu Toms Wohnung führen lassen, und so geschieht es dann auch. Es sind fast 38 Grad in New York. Sachs kommt mit einer Einkaufstasche von Prada herein, lässt sie neben einer Reihe grauer Spindschränke fallen. Es sieht hier eher aus wie in einem Sportstudio als wie in einer Wohnung, es gibt sogar eine Trainingsmatte. An diesem Tag ist Umzug angesagt. Aussortierte Hemden gehen ins Lager. Auch Bücher. Eine riesige JELLO-Kiste lehnt an der oberen Kante eines Bücherregals.



Casey im Atelier
Kaplan: Durch den Maßstab 1:25 besitzt die Installation etwas Reales und gleichzeitig Vertrautes, auch etwas Alltägliches. Der Verweis auf Le Corbusier und seine Unite lässt sie heroisch erscheinen, und doch, ist Ihre Version von Le Corbusier nicht auch anti-heroisch?

Sachs: Es gibt wohl keinen unangenehmeren Maßstab für ein Modell als 1:25, denn er ist so klein, dass jedes architektonische Element sichtbar werden muss. Hinter dem Maßstab 1:50 kann man eine Menge Details verstecken. Ich glaube, Sie haben Recht was das Heroische der Unite angeht, natürlich sind ihre Maße heroisch und monumental.

Jello-o box


Kaplan: Die Filme zu Nutsy's besitzen Spannung, auch Komik, nehmen den Betrachter stärker in Anspruch. In einem der Filme sind am hinteren Teil eines Modellautos Fetzen eines Papierhandtuchs befestigt. Instruktionen, wie die Rennstrecke sauber zu halten ist, werden von einer jungen, sehr ernst wirkenden Frau auf Englisch mit einem starken russischen Akzent vorgelesen. Dieser Stimme, sie erinnert an Mission Impossible, kann man sich nicht so leicht entziehen.

Sachs: Sie meinen sicher die Reinigungsvorrichtung für den Höhengenerator. Die Filme zeigen verschiedene Maßnahmen in Nutsy's Welt, die von Zeit zu Zeit vorgenommen werden müssen, wie die Reinigung oder Wartung. Eine Reinigung erfolgt nicht jeden Tag, wenn die Rennstrecke staubig ist, funktionieren die Autos halt nicht. Wir lassen es so langsam angehen wie möglich. Mein Assistent Van hat eine Bedienungsanleitung geschrieben mit dem Titel Nutsy's OS 1, reproduziert auf Mikrofiche. Die Filme zerstören den Nimbus der Mystifizierungen und der Geheimnisse hinter allem. Ich bewundere einen Künstler wie Robert Gober dafür, dass sie nicht alles gleich preisgeben, aber ich finde auch, dem haftet immer so etwas wie Kleinlichkeit an. Sie können nicht teilen. Wir dagegen überlassen sehr wenig der Vorstellungskraft und zeigen Beharrlichkeit. Langeweile wird unterschätzt. Wir nennen es das Gebet von der Beharrlichkeit.



Appartement: Schreibtisch und Le Corbusier on der Wand

Kaplan: Was ist das?

Sachs: Das Gebet der Beharrlichkeit sagt: "Mach weiter, nichts kann hartnäckige Ausdauer ersetzen. Es gibt viele Menschen mit Talent, die keinen Erfolg haben, die Welt ist voll von gebildeten Obdachlosen. Das Genie, das nicht belohnt wird, ist fast schon sprichwörtlich. Allein Ausdauer und Entschlossenheit sind allmächtig." Es geht ausschließlich um Arbeit. Viele Probleme in der Welt würden sich erübrigen, wenn man Arbeit in den Mittelpunkt stellen würde.

Kaplan: In der Architektur geht es normalerweise um die Errichtung stabiler, dauerhafter Strukturen. Ihr Konzept steht dagegen eher für Instabilität.

Sachs: Es geht darum, die Grenzen der einzelnen Materialien auszuloten. Der Hartschaum wird furniert, denn Schaumstoff ist äußerst unbeständig, wohingegen Papier stabil ist; es vergilbt zwar, bleibt aber immer Papier, während der Schaumstoff allmählich zerfällt. Wir experimentieren mit den Materialien, so weit es geht, und zeigen gleichzeitig, wie ephemer sie sind. Das alles hat eigentlich damit begonnen, dass ich den Karton benutzt habe, in dem die Hemden meines Vaters aus der Reinigung zurückgebracht wurden. Architekten bauen Modelle, um die Gebäude Wirklichkeit werden zu lassen. Ich habe mir immer eine eigene Unite gewünscht, aber ich wusste nicht, wo ich sie hinstellen sollte, also habe ich mir meine Version geschaffen. Das ist der Grund, warum das Guggenheim sie hat, dem gehört sie jetzt, ich bin nicht mehr dafür verantwortlich.

Kaplan: In welcher Form hat die Zusammenarbeit mit dem Architekten Frank Gehry Ihre eigene Arbeit beeinflusst?

Sachs: Ich betrachte Frank als Bildhauer, und die architektonischen Bauten sind sein Medium. Die Zusammenarbeit mit ihm hat mich manches über Prozesse in der Architektur gelehrt.
 
Kaplan: Warum ist Nutsy's nach dem Modell eines Vergnügungspark entstanden, einem zweifelhaften, aber eben auch unterhaltsamen Ort?

Sachs: Das ist Zufall. Es erinnert natürlich daran. Das liegt sicher an der großen Spirale, die tatsächlich wie eine Achterbahn aussieht, und dem Feuerreifen. Ich hasse Vergnügungsparks, die sind was für Leute, die nicht wissen, wie man sich richtig amüsiert.

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