In dieser Ausgabe:
>> Ein Interview mit Tom Sachs
>> Tom Sachs' Installation "Nutsy's"
>> Die Fragilität der Symbole
>> Waffen, Status, Shopping

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Im Atelier

Sachs' Kleiderschrank
Kaplan: Sie konzentrieren sich in Ihren Arbeiten auf Orte, die nicht permanent existieren oder nur den Anschein von Dauerhaftigkeit erwecken. Das war auch so bei Ihrem Prada Deathcamp für die Ausstellung M irroring Evil im Jewish Museum. Ich möchte zwei Aspekte des Prada Deathcamp herausgreifen: erstens die Materialien, die Sie für die Konstruktion verwendet haben; zweitens die Tatsache, dass die Nazis temporäre Orte für die endgültige Auslöschung von Menschen errichteten. Auschwitz sollte nicht ewig existieren, nur so lange, bis dieses Ziel einer vollkommenen Vernichtung erreicht war. Zur Zeit gibt es eine lebhafte Debatte darüber, ob Auschwitz restauriert werden sollte oder nicht. In welcher Form verändert Ihre Arbeit unser Verhältnis zu unserer Sehnsucht nach Perfektion und dem, was temporär ist ?

Sachs: Es war die Absicht der Nazis, Menschen zu töten, und in den Lagern wurden auch Gefangene gehalten. Die Gebäude waren Lagerhallen.

Als ich noch ein Kind war, konnte man in der 37th Street Überlebende des Holocaust treffen, Menschen, die Brandzeichen auf ihren Armen trugen, und es gab Großeltern von Kindern in meiner Schule, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten. Die Geschichten waren sehr anschaulich, sie beruhten auf wirklichen Erlebnissen. Einige der hebräischen Lehrer in der Schule waren ebenfalls Überlebende des Holocaust, auch das war real.

Kaplan: Ihre Arbeit spielt mit der Idee, dass sich die Dinge und verwendeten Materialien im wahrsten Sinne des Wortes gegen sich selbst richten, wie beim Prada Death Camp oder auch den Gewehren. Das hat auch Auswirkungen auf die Weise, wie wir Geschichte betrachten. Warum interessieren Sie sich für korrupte Systeme?

Sachs: Sie repräsentieren alle Möglichkeiten. Systeme verleihen uns Größe, sie können Probleme lösen, aber sie sind leicht korumpierbar. Sie geben uns Hoffnung und zerstören sie wieder.



Waffe kurz vorm Versand

Kaplan: Wie hat sich Ihr Umgang mit den Marken verändert, wenn man das Projekt Nutsy's mit Hello Kitty oder sogar Chanel Guillotine vergleicht?

Sachs: Nutsy's wurde zu unserer eigenen Marke, aber auf eine introspektive und elitäre Weise. Es ging uns dabei um Markenzeichen und ethische Fragen und die technische Umsetzbarkeit.



Hello Kitty Nativity Scene, 1994

Kaplan: Branding ist zu einem Werbeklischee geworden. Hinter dem Wort verbirgt sich aber auch, dass den Juden in den Konzentrationslagern Nummern eingebrannt wurden. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist im Kontext der Gegenwart verloren gegangen.

Sachs: Es gibt Parallelen zwischen der Verfügbarkeit von der Kultur und der Verfügbarkeit von den Menschen, die mit ihr verbunden sind.

Kaplan: Der Verlust von Identität und die Auslöschung von Kultur bilden einen Kernpunkt Ihrer Arbeit, besonders bei Nutsy's.


Sachs: Nutsy's ist viel provokativer und anspruchsvoller, wenn man berücksichtigt, wie dort Markenartikel und Identität eingesetzt werden.


Werkzeug im Atelier

Kaplan: Sie haben kein Interesse daran, Kultur zu zerstören. Sogar bei den Reparaturen in Ihren Projekten sind danach noch die Spuren sichtbar. Welche Bedeutung haben Fehler in Ihrer Arbeit?

Sachs: Fehler werden grundsätzlich unterbewertet. Ist man nicht gerade ein frühreifes Genie wie Picasso, dann sind alle Künstler so ziemlich gleich. Mir fällt niemand von meinen Kollegen ein, der ein wirkliches Genie sein könnte. Selbst großartige Künstler wie zum Beispiel Kara Walker und Richard Serra sind ja keine Genies von einem anderen Stern. Picasso und Louis Armstrong mussten tun, was sie getan haben. Bruce Nauman hätte auch etwas ganz anderes machen können. Das gilt selbst für Andy Warhol.






Wand in Sachs´ Atelier

Kaplan: Was ist mit Martha Stewart, sie hatte ja das Catering für Ihre Bar Mizwa übernommen?

Sachs: Zufälligerweise, ja. Was mit ihr geschehen ist, ist eine echte Sauerei. Von all den erfolgreichen, hoch angesehenen Leuten mussten sie eine der ersten weiblichen Selfmade-Milliardäre herauspicken, um sie fertig zu machen. Eine verdammte Sauerei. Sie hat wirklich viel erreicht. Sie fand ihre Berufung mit dieser Zeitschrift und der Fernsehshow und hat den Leuten wirklich geholfen. Sie ist jemand wie Louis Armstrong. Man hat sie sozusagen in den gesellschaftlichen Selbstmord getrieben, wie Anton Artaud oder Lenny Bruce. Sie ist einer jener Menschen, die bloß zu weit gegangen sind. Ihr wahnsinniger Ehrgeiz - das wird wohl zu dem Ganzen geführt haben. Es ist immer nur so ein kleiner Schnitzer.

Kaplan: Wie Ikarus, der in seinem Flug zu nahe an die Sonne geraten ist, und seine Flügel sind geschmolzen -

Sachs: Es waren nur ein paar Zentimeter, die Ikarus zu hoch flog. Es sind immer bloß diese paar Zentimeter.

Das Interview führte Cheryl Kaplan Fotos: Cheryl Kaplan.

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