In dieser Ausgabe:
>> Ein Interview mit Tom Sachs
>> Tom Sachs' Installation "Nutsy's"
>> Die Fragilität der Symbole
>> Waffen, Status, Shopping

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Remote Control


Tom Sachs in seinem Atelier, 2003


"Bei Nutsy's kontrolliert der Besucher das Geschehen. Das gilt aber noch mehr für den Operator, der die Apparaturen bedient." Tom Sachs erklärt im Interview die Regeln von Nutsy's Welt.

Im Deutsche Guggenheim wird in diesen Tagen die neueste Ausstellungsinstallation von Tom Sachs eröffnet, Nutsy's, eine moderne Version von William Goldings Lord of the Flies. Der Strand ist hier in das Modell einer wuchernden Stadtlandschaft im Maßstab 1:25 übertragen. Und die Jungen, nun ja, es sind immer noch Jungen, nur dass sie jetzt ferngesteuerte Modellautos in der Hand halten und gelegentlich Hamburger zubereiten. Sachs' Arbeiten handeln davon, wie sich die Leute in bestimmte Systeme einkaufen, feindliche Übernahmen und Korruption inbegriffen, wobei das Machtgefüge auf gefährliche Weise umkippen kann. Er untersucht, in welcher Form wir uns den gegebenen Gesetzen und Regeln beugen und wie bereitwillig wir sie einhalten. Nutsy's repräsentiert ein eigenes Universum, bezieht sich aber vage auf eine reale Person mit dem Namen Nutsy, der in Jamaika lebt und dort eine Reparaturwerkstatt für Fahrräder betreibt. Dieser Fahrradladen stellt das genaue Gegenteil der Arbeitsumgebung von Tom Sachs dar, wo sogar die Klebebänder nach Farbe und Größe geordnet sind. Sachs interessiert, wie wir Dinge missbrauchen und selbst missbraucht werden. Man kann sich Nutsy's auf zweifache Weise nähern: entweder erlebt man die Installation physisch, oder durch die Filme.



Gaffa Tape Vitrine                Le Corbusier im Bücherregal

Der Philosoph Bahktin schreibt: "Der Held streift durchs Leben wie ein Mensch aus einer anderen Welt. ... er ist ein Gauner, ein Mann, der ständig seine Persönlichkeit wechselt, wie es ihm gerade gefällt ... ein als Aristokrat verkleideter Wanderschauspieler, oder ein Intellektueller, ein Gentleman, der seine Herkunft zu verbergen sucht (ein 'Findling')." Sachs liebt jede Form der Destabilisierung. Er versteht es auf virtuose Weise, die Welt aus den Angeln zu heben. Ich treffe mich mit ihm kurz vor seiner Abreise nach Berlin, wo er den Aufbau von Nutsy's beaufsichtigen wird. Sachs zeigt sich besessen von Diagrammen, die Namen mit  bestimmten Aktivitäten und Projekten vergleichen. Er ist der perfekte Organisationsmensch schlechthin, das gleiche gilt für Casey Neistat, der sich Geschäftsführer von Sachs nennt. Wahrscheinlich einer der wenigen Geschäftsführer, der Malcolm X auf seinem T-Shirt trägt.

In den drei Tagen, die ich mit Sachs verbracht habe, war er nicht einmal allein. Seine Assistenten erinnern eher an Mitverschwörer. Am ersten Tag machen wir erst einmal zusammen einen Betriebsausflug ins Kino. Alle kommen mit.


Teil 1
Ort: das Atelier von Tom Sachs gegenüber dem Police Department von Lower Manhattan. Ein Skate Board ist in den oberen Teil eines Schaufensters verkeilt. Dazu Werkzeuge. Hier entstehen seine Arbeiten.




Gegenüber von Sachs' Atelier, Lower Manhattens Police Department Gebäude

Cheryl Kaplan: Kennen Sie eigentlich den Film Billy Liar von 1963 ?

Tom Sachs: Billy Liar ist großartig, ein wunderbarer Film.

Kaplan: Es geht darin um einen Mann, der ein Leben ohne jedes Verantwortungsgefühl führt, als Angestellter eines Bestattungsunternehmers. Er ist ein Schuft, mit zwei Frauen gleichzeitig verlobt. Als alles den Bach runtergeht, nimmt er die Rolle eines Diktators an, der ein imaginäres Land namens Ruritanien regiert. Ich habe an Billy Liar im Zusammenhang mit Nutsy's gedacht. Genau wie bei Nutsy's sind in Billy Liar die Gesetze vollkommen frei erfunden. Bis zu welchem Grad ist die Welt von Nutsy's unberechenbar - eine Art House of Games wie bei David Mamet, wo man ja auch von einem Augenblick zum anderen nicht mehr weiß, was als nächstes passiert?

Sachs: Das ist wirklich ein interessanter Vergleich. Erst habe ich Nutsy's sozusagen selbst erfunden, und jetzt arbeite ich mit diesem ganzen Team und bin so etwas wie der Regisseur. Ich stelle die Parameter, Regeln und Richtlinien auf, nach denen die einzelnen Teile gebaut werden sollen. Mein Assistent Van nennt das "kodieren". Wir brechen die Regeln und installieren unsere Codes.



Van Neistat und Tom Sachs

Kaplan: Wie viele Leute arbeiten an dem Projekt?

Sachs: Die eigentliche Crew besteht meist aus sechs Leuten. Hinter Nutsy's verbirgt sich die Idee, dass jemand ein Monopol besitzt als einzige Reparaturwerkstatt für Fahrräder am Ort. Nutsy's ist unsere Rennbahn, wir bestimmen die Regeln. Es ist wie bei Corbusiers Wohnanlage Unite d'Habitation: Sie manifestierte sich ursprünglich in einem festen, ideologischen Programm, das mit Hilfe von Architektur die Wohnungsprobleme in der Welt lösen wollte, und dann haben die Immobilienhaie in ihrer Gier nach größtmöglichem Profit den gesamten Wohnungsmarkt korrumpiert. Bei Nutsy's kontrolliert der Besucher das Geschehen. Das gilt aber noch mehr für den Operator, der die Apparaturen bedient. Wer in unsere Welt eintritt, muss sich nach unseren Regeln richten.



Atelier von Tom Sachs: Eingang

Kaplan: Wenn man sich nur lange genug an vorgegebene Regeln hält, passt man sich diesen automatisch an und wird schließlich von ihnen beherrscht. Unversehens befindet man sich auf der anderen Seite...

Sachs: Bei der Ausstellung von Nutsy's in der Bohen Foundation gab es in der Installation eine Bar, und jeden Tag ist ein Typ vorbeigekommen, um was zu trinken. Er hat sich einen Rennwagen als Eintrittskarte in eine andere Welt gekauft. Sein Auto hätte eigentlich immer gewinnen müssen, aber er war einfach zu unkonzentriert.

Kaplan: Wie kamen Sie auf die Idee zu Nutsy's?

Sachs: Die ursprüngliche Idee geht zurück auf einen Vortrag von Richard Wentworth, mein Lehrer in der Architectural Association 1987 in London. Der Vortrag hatte die Überschrift "Making Do and Getting By" (Sich begnügen und dabei über die Runden kommen). Es dabei um Handwerk und Technologie sowie den Missbrauch von Dingen. Richard sprach von der Gemeinsamkeit zwischen verschiedenen Dingen überall auf der Welt: zum Beispiel den Mond und die NASA, beides bringt er durch Assoziationen miteinander in Verbindung. Mich hat ein Mann inspiriert, der Nutsy heißt. Er ist ein Mensch, der sich mit dem Vorhandenen begnügt und so über die Runden kommt.

Kaplan: Nutsy's funktioniert aber genauso als Metapher. Es wendet sich gegen die ausgeprägte Form von Purismus bei der originalen Unite von Le Corbusier. Die Ausstellung verändert sich täglich, und das wird wahrscheinlich auch wieder so sein, wenn sie von der Bohen Foundation in New York ins Deutsche Guggenheim nach Berlin wandert.

Sachs: Das Wort "Nutsy" passt ein wenig zu gut, ich hätte der Arbeit einen weit weniger interessanten Titel wie "Neue Arbeit" geben sollen. Der Titel lässt an verrückt, durchgeknallt denken, aber es können auch Schrauben und Muttern oder Geschlechtsteile gemeint sein.



Sachs` Manifest im Atelier


Kaplan: Würden Sie sich eher als Hochstapler oder als eine Art Held bezeichnen?

Sachs: Beides, ein Hochstapler bin ich mit Sicherheit. Alles auf dieser Liste hier habe ich selber professionell gemacht. (Siehe Abbildung der Liste).

Kaplan: Bis zu welchem Grad beschäftigen Sie sich in Ihren Arbeiten mit handwerklichen Dingen und den Problemen, die technischen Details in den Griff zu bekommen?

Sachs: Das ist mein Hauptanliegen, ich beschäftige mich nur deshalb mit sozialen Themen, um die ganze Technik beherrschen zu können.

Kaplan: Nutsy ist ein Alter Ego oder eine Art ständiger Begleiter. Welchen Nutsy haben Sie erfunden?

Sachs: Nutsy ist mein Alter Ego. Ich habe ein in sich widersprüchliches System entwickelt, in dem äußerst minderwertige Materialien zu aufwändigen Modellbauten verarbeitet werden. Wir benutzen zum Beispiel Billigholz oder gefundenes Sperrholz. Hartschaum ist ein perfektes Beispiel, denn kein Mensch käme auf die Idee, ein Modell aus einem so minderwertigen Material anzufertigen, weil das Zeug nicht lange hält. Aber wir sind auf dem besten Wege, eine größere Haltbarkeit zu erzielen. In Bogota/Kolumbien, wo ich aufgewachsen bin, gab es einen Gärtner, der in einer Hütte im Hinterhaus lebte. Er besaß ein Radio, das er sich aus Bausteinen zusammengebaut hatte, die er mir wahrscheinlich geklaut oder sonst wo gefunden hatte. So kleine Bauklötze zum Spielen. Er hat Musik aus nichts gemacht.

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