In dieser Ausgabe:
>> Biennale in Venedig: So reiten wir, so rauchen wir
>> K. R. H. Sonderborg
   >> Künstler des deutschen Informel
   >> K. R. H. Sonderborg - ein Interview

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Koerner von Gustorf: Ich kenne die Insel nur aus dem Film "Stromboli" von Rossellini, mit Ingrid Bergmann.

Sonderborg: Wir haben ein paar Reste von den Dreharbeiten gefunden, aber sonst war da nichts. Im Film heißt es ja, die Leute würden aufs Meer flüchten, wenn der Vulkan ausbricht, das stimmt nicht. Auch das Meer bebt, und die Menschen fliehen in ihre Häuser. Es war wunderschön - die Sonne, das Klima, das Meer. Als ich nach Deutschland zurück kam, bin ich zu meinem Arzt gegangen, und er sagte, er erkenne mich nicht wieder: Es sei, als besäße ich einen vollkommen neuen Organismus. So sehr hatte sich mein Zustand geändert.

Bisky: Ich war etwa so alt wie Sie damals, als die DDR zusammenbrach. Ich hatte auf einmal das Gefühl, ich kann machen, was ich möchte. War das für Sie auch so?

Sonderborg: Ja, genau! Das war ein faszinierender Gedanke, einfach zu tun, was man wollte, Wahnsinn! Nach der Italienreise bekam ich mein erstes Stipendium und bin nach Paris gefahren - und gleich da geblieben. Das Geld ging mir oft aus, das ging so weit, dass ich mir im "Petite Source", beim Odeon (mehr hier), das Menü ohne Nachtisch bestellt habe, mehr konnte ich mir nicht leisten. Am Nebentisch saß dieses wunderschöne junge Mädchen, das vor sich auf dem Tisch die Münzen zu einem Stapel aufhäufte. Als ich zahlen wollte, brachte mir der Kellner das Dessert und sagte: "Den Nachtisch hat die Dame bezahlt." Das war eine schöne menschliche Geste ganz freiwillig, völlig ungezwungen. So etwas habe ich in Paris oft erlebt, deshalb war ich auch so gerne da.


Ohne Titel, (61.NY), 1961
Sammlung Deutsche Bank
Ohne Titel (18.VIII.60), 1960
Sammlung Deutsche Bank


Koerner von Gustorf: In Paris hatten Sie doch auch eine Galerie?

Sonderborg: Ja, es gab dort 1955 eine Ausstellung, non-figurative Kunst aus Deutschland. Der Organisator hieß Rene Drouin, ein sehr bekannter Mann. Er hat  Wols entdeckt, Jean Dubuffet, Jean Fautrier... Aus der ganzen Ausstellung hat er einem Mann einen Vertrag angeboten - und das war ich. Das war ein süßer Vertrag. Der ist extra nach Berlin gekommen, um mich zu holen. Ich lieferte drei Bilder im Monat und bekam dafür 1.000 Franc.

Koerner von Gustorf: Sie waren zu der Zeit in Berlin?

Sonderborg: Ja genau, 1957. In Berlin klappte alles sehr gut. Ich hatte gerade eine neue Freundin. Wir sind dann erst mal in Paris vorbeigefahren. Drouin hatte da so einen "associe", einen Beisitzer, und wir wollten die Bilder sehen, ja, und der sagte: "Die sind alle verkauft." Es war tatsächlich so. Als ich in New York meine erste Ausstellung hatte, 1960, war die Eiskunstläuferin Sonja Henie eine der ersten, die ein Bild von mir kaufte. Sie war schon in meiner Kindheit mein Idol. Ich nannte das Bild "Ice Skating at Rockefeller Center".

Koerner von Gustorf: Erzählen Sie uns doch bitte etwas über Ihre New Yorker Galerie.

Sonderborg: In New York traf ich John Lefebre, ein Jude, der ursprünglich aus Berlin stammte. Er arbeitete bei der 20th Century Fox, als General Manager von Middle East and Europe. Sein Chef wollte ihn nach Tokio schicken, da hat er gesagt: "Nee, dann mache ich das, was ich immer machen wollte, dann mache ich eine Galerie." Er hat wirklich in New York eine Galerie aufgemacht, und ich war sein erster Künstler.


New York, Park Avenue South 333,
22.I.61 22.07-23.25
Saarland Museum Saarbrücken


Bei der Eröffnung gefielen meine Bilder dem Sammler Joseph Hirshhorn so gut, dass er gleich die ganze Ausstellung kaufen wollte. Aber die Bilder waren alle schon verkauft, er konnte nur noch auf die Warteliste. Später hat er dann etliche Bilder gekauft. Es gab in New York wirklich Leute, die von meinen Bildern begeistert waren. Ich war natürlich der "gute" Deutsche. Zu der Zeit kamen die Deutschen in Amerika ja eigentlich nicht gut an. Meine Geschichte sprach sich herum, und ich war "welcome". In dieser Hinsicht hatte ich es wahrscheinlich leichter als andere.

Koerner von Gustorf: Aber der Erfolg muss doch auch ein bisschen mit Ihrer Kunst zu tun gehabt haben, oder?

Sonderborg: Ja, aber meine Kunst hatte auch sehr viel mit Amerika zu tun. Im Grunde genommen war ich ja ein "Verräter".

Koerner von Gustorf: Zumindest für die Nazis...

Bisky: Sind gute Künstler nicht immer Verräter, so ein bisschen?

Sonderborg: Wahrscheinlich.

Koerner von Gustorf: Wie war es für Sie, nach Amerika zu kommen? Man hat wahrscheinlich immer so eine idealisierte Vorstellung, aus Filmen.

Sonderborg: Ich habe mir immer gewünscht, dort zu sein. In meinem Zimmer in Hamburg hatte ich Fotos von New York an die Wand geheftet. Ich bin als Jugendlicher mit der amerikanischen Flagge am Revers durch die Straßen gelaufen. Amerika ist für mich das gewesen... Es ist traurig, was im Augenblick da passiert, ganz entsetzlich.


K. R. H. Sonderborg und Oliver Koerner von Gustorf

Koerner von Gustorf: Sie haben damals im  Chelsea Hotel gewohnt. Das ist ja auch so ein Mythos...

Sonderborg: Es war wundervoll. Immer wenn ich ankam, saß Mr. Cross am Check-In und sagte: "Welcome home, Mr. Sonderborg!" und ich dachte: "Och Gott, stimmt ja, is' ja wahr!" Das war so fabelhaft. Ich konnte ein Appartement mit zwei Räumen mieten. Im größeren habe ich gemalt, vorher Zeitungspapier ausgebreitet, die Herald Tribune, alles abgedeckt, die Leute vom Hotel haben mir noch so einen alten Teppich gegeben für den Grund... In der Nacht habe ich dort meine Bilder gemalt und bin dann in die Jazz-Keller gegangen. Das ist natürlich das Schöne an New York, ich wusste, auch wenn ich bis spät arbeite, kann ich danach noch Musik hören,  Thelonious Monk zum Beispiel. Der Jazz ist ja im Grunde genommen die klarste, die künstlerischste Musikform.

Bisky: Haben Sie auch beim Malen Jazz gehört?

Sonderborg: Hier in Deutschland habe ich zusammen mit einer Band, mit  Günter Christmann und Lenny Robinson, eine Aktion oder besser  "Action Painting" gemacht. Absolute Improvisation - das ist gar nicht so einfach. Weil man leicht zu sehr in den Rhythmus des Anderen hineinrutscht.. Jeder soll etwas anderes tun, aber es muss trotzdem zusammengehen. Das hat mir viel Spaß gemacht. Ich weiß noch, die erste Sache haben wir in Stuttgart gemacht, auf Anregung einer Studentin. Ich hatte natürlich Bammel, denn ich hatte so etwas noch nie gemacht. Das war in den Achtzigern.

Man ist ja viel wacher, wenn man in Amerika ist. Man ist wirklich hellwach. Immer, wenn man in die Fremde geht, wahrscheinlich...




Koerner von Gustorf: Ist Ihnen Amerika fremd geblieben? Sie haben soviel im Ausland gelebt, dass es wahrscheinlich schwer ist zu sagen, was die Fremde und was die Heimat ist...

Sonderborg: Genau! Mein Vater kommt aus Ostpreußen, Masuren. Mütterlicherseits kommen wir von Husum, von den Friesen. Ich habe mich nie ganz als Deutscher empfunden. Meine Familie ist so am Rande des Deutschen. Nein, mir hat es sehr gefallen dort, einfach die Mentalität der Menschen: Ich sitze im Flugzeug nach New York und erzähle, dass etwas mit meiner Freundin schief gelaufen ist. Und der Mann neben mir sagt: "So what?" Fantastisch! Ich war geheilt. Das ist Amerika, dieses Spielerische...

Koerner von Gustorf: ... und das Pragmatische. Es geht eigentlich immer gleich um die Sache, nicht darum, was es bedeuten könnte. Die praktische Lösung zählt.

Sonderborg: Ja, genau. Und alles funktioniert! Später war ich Professor in Chicago. Die Leute, die meine Abrechnungen machten, mir also mein Gehalt gaben - das waren meine Studenten. So war es organisiert, ganz locker und offen. In Deutschland sitzt jeder Beamte in seinem Zimmer, schließt ab und macht sonst was da. Das ist in Amerika anders. Es war ein Fehler, das ich nicht geblieben bin.

Bisky: Wo wären Sie am liebsten geblieben?

Sonderborg: Wohl doch in New York. Ich war ja nachher auch in Paris. Ich war viele Jahre lang im Winter in New York - ich flog immer am 21. Dezember, weil ich die deutschen Weihnachten vermeiden wollte - und im Sommer in Paris, am 21. Juni. Da wurde es zu heiß in New York.

Koerner von Gustorf: Warum sind Sie nach Deutschland zurückgekommen?



Sonderborg and the Stuttgarter "Lehrstuhl", 1965/66

Sonderborg: Wegen meiner Professur an der Akademie in Stuttgart 1965. Sonst wäre das nie passiert. Da hatte ich ja auch viel Glück. Die haben mir sehr viel Freiheit gegeben. Ich konnte machen, was ich wollte, und es war zugleich möglich, auch in Paris zu sein. Sie haben mir wie einem kranken Gaul zugeredet, bis ich den Vertrag unterschrieben habe. Ich hatte das Gefühl, ein Verräter an der Malerei zu sein. Dann hab ich mir gesagt, der Beuys, der war ja schließlich auch an der Akademie.

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