In dieser Ausgabe:
>> Biennale in Venedig: So reiten wir, so rauchen wir
>> K. R. H. Sonderborg
   >> Künstler des deutschen Informel
   >> K. R. H. Sonderborg - ein Interview

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Koerner von Gustorf: Aber in dem Fernsehporträt "Unterwegs" sind Sie, was Stuttgart angeht, ganz schön kritisch. Sie haben gesagt, die imposanteste Figur in Stuttgart sei der Orang-Utan im Zoo, und es würde Ihnen weh tun, die Stadt anzusehen. Haben die Stuttgarter Ihnen das verziehen?


At the Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart, in the 60ies

Sonderborg: Mir wurden sämtliche Staatspreise verliehen: der Hans-Molfenter-Preis (1987), der Hans-Thoma-Preis (1989)... Ich kann mich nicht beklagen. Ich bin wahrscheinlich so ein Meckerer. Es kommt selten vor, dass ich etwas wirklich mag. Deshalb habe ich auch gesagt, dass man in Stuttgart einen Damm bauen sollte und den Neckar stauen. (Gelächter) Dann hätte man einen See im Tal von Stuttgart. Die Weinberge, die da rausgucken würden, wären die Küste, der Fernsehturm wäre ein Leuchtturm... Ist natürlich alles nur Spaß! Wenn ich hier bin, oder auch woanders, denke ich gern an Stuttgart zurück. Die haben mich wirklich sehr gut behandelt.

Koerner von Gustorf: Was haben Sie eigentlich mit Ihren Studenten an der Hochschule gemacht?

Sonderborg: 1968 war ich Professor. Und unsere Klassenzusammenkünfte waren politische Veranstaltungen. Die Studenten wollten, so wie Beuys auch, echte Demokratie. Das war meine schönste Zeit, muss ich sagen, mit den Studenten 68, es war genau so, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich kam an und wir begannen erst mal mit einer Reihe von Installationen.

Elektrischer Stuhl, 1974
©Walter Bischoff Galerie,
Stuttgart


Koerner von Gustorf: Sehen Sie eigentlich einen Zusammenhang zwischen dem Politischen und Ihrer Malerei? Es hört sich so an, als ob Sie die Ziele der Studentenrevolten von 68 begrüßt haben. Und später, in den Achtzigern, haben Sie dieses Fragment aus Andreas Baaders Zelle in Stammheim nach einem Foto im Spiegel gemalt, auch elektrische Stühle, Gewehre. War das ein Kommentar zur politischen Situation in Deutschland? Oder war es ein rein formales Interesse, das die Auswahl der Motive bestimmte?

Untitled, 1984
©Walter Bischoff Galerie, Stuttgart
"Baader's prison cell in Stammheim:
Pulver an der Hand", in: Der Spiegel, 6.2.1978


Sonderborg: Das hat mich fasziniert. Man sieht und staunt. Das geht sofort ein, das musste ich irgendwie machen. Politisch war es bei mir natürlich auch. In den Gremien saßen viele ehemalige Nazis.

Bisky: Ist es nicht immer gut, wenn ein Künstler ein bisschen Distanz zur Macht hat?

Sonderborg: Als Künstler ist man ein bisschen großzügiger, man liebt einfach die Freiheit - und das ist ja schon sehr viel. Aber ich finde, in der DDR ist es sehr gut gelaufen. Die haben sich selbst von den Sowjets befreit.

Bisky: Aber es ist auch schade: In den ersten Jahren nach der Wende gab es so eine gute Stimmung. Diese Aufbruchsstimmung ist schon wieder weg, finde ich. Jetzt suchen alle wieder Sicherheit.

Koerner von Gustorf: Am Anfang gab es ja die Idee, das es zwei deutsche Staaten geben könnte, ohne Mauer...

Sonderborg: Dafür war ich auch. Genau wie der Lafontaine. Man hätte die Sache ganz langsam, behutsam in Angriff nehmen sollen, eins nach dem anderen. Stattdessen hat man den Menschen im Osten den Boden unter den Füßen weg genommen - typisch deutsch! "Roh-Land" nenne ich Deutschland. Und dann tun wir im Westen so, als wären das alles die ganz Bösen, Kommunisten! Das ist doch Quatschkram! Die standen doch unter Druck, wie bei den Nazis. Ich bin oft in den Osten gefahren. Ich hab mich dort wohlgefühlt. Weil die Menschen herzlicher waren. Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber da gibt es so einen ganz besonderen Ton. Ich liebe das Sächsische.



K. R. H. Sonderborg and Norbert Bisky

Bisky: Nachdem die Mauer auf war, dachte ich: "Jetzt ist Freiheit", und dann war ich so enttäuscht, weil die Bundesrepublik so langweilig war. Ich dachte: Das soll es jetzt sein?

Sonderborg: Für mich war das auch einer der Gründe, aus Deutschland wegzugehen. Es ist ein langweiliges Land, oder besser- es ist immer wieder langweilig geworden. Als der Krieg zu Ende war, als alles kaputt war, war es für ganz kurze Zeit ein abenteuerliches Land. Ich mochte Berlin lieber, als es noch kaputt war. Ich finde Deutschland im Augenblick eigentlich sehr hässlich.

Bisky: In Ihre Bilder strömt sehr viel Kraft und Bewegung ein - wo nehmen Sie die her?

Sonderborg: Ach, ich weiß nicht. Ich bin gar nicht so stark...

Koerner von Gustorf: Das sieht man Ihren Bildern aber nicht an.

Bisky: Sind Sie auch aggressiv?

Sonderborg: Ich bin gar nicht aggressiv, das ist eher eine rhythmische Geschichte.




Koerner von Gustorf: In dem Video unterscheiden Sie zwischen Ihren Bildern. Sie sagen: Ich mache ganz spontane Bilder, spontane Bilder, Bilder nach Fotos und realistische Malerei. Was ist denn der Unterschied zwischen einem ganz spontanen und einem spontanen Bild?

Sonderborg: Es gibt für mich Bilder, die aus dem Augenblick entstehen, bei denen der Ausgang offen ist - und solche, wo vor dem Malbeginn bereits eine ganz vage Vorahnung besteht, was man machen will.



Detail from Sonderborg's studio.

Koerner von Gustorf: Die ganz spontanen Bilder entstehen also ohne Idee?

Sonderborg: Ja, da kannst du einfach so machen (stimmt eine Jazzmelodie an): Ba ba di ba da......

Das ist ja auch das Tolle, dass es gelingen muss. Ich habe noch nie ein Bild weggeschmissen. Wenn etwas misslingt, gehe ich da wieder und wieder drüber, bis es stimmt. Ich zwinge mich auf Leben und Tod, bis ich zufrieden bin. Dann kommen die Psychologen, Freud und Kram, die versuchen das zu erklären, aber das ist doch egal. Auf alle Fälle ist es eine spontane Sache. Das spricht so sinnliche Dinge an. Gerade in Deutschland sind wir ja so pragmatisch - bloß keine Experimente!


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