In dieser Ausgabe:
>> Biennale in Venedig: So reiten wir, so rauchen wir
>> K. R. H. Sonderborg
   >> Künstler des deutschen Informel
   >> K. R. H. Sonderborg - ein Interview

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Koerner von Gustorf: Aber in Ihren Bildern ist zugleich etwas sehr präzises. Sie haben ja manchmal etwas von einer Partitur, etwas Kristallines.

Sonderborg: Das muss immer bezogen sein aufs Innerste, auf dich selbst - wie du bist. Man ist ja auch ganz verschieden zu verschiedenen Zeiten. Ach Gott, irgendwie ist es auch nicht anders als Schlittschuhlaufen. Da ist das ja auch so, wenn man es schön kann, oder heutzutage mit den Skateboards... Kinder sind ja heute so verwöhnt, dagegen bin ich auch.

Bisky: Warum?

Sonderborg: Weil das nicht gut für sie ist.

Bisky: Ich frage mich immer: Wie macht der das? Da ist so ein Spritzer, aber der sitzt genau an der richtigen Stelle. Obwohl es so leicht aussieht, ist da so eine Präzision...

Sonderborg: Das hängt mit dem Empfinden für den Raum zusammen, wo etwas sein muss.

Koerner von Gustorf: Dazu gehört doch bestimmt auch eine Form von Disziplin?



K. R. H. Sonderborg and Oliver Koerner von Gustorf

Sonderborg: Ja. Das sieht man meinen Arbeiten auch an. Ich bin ja deshalb auch kein Tachist. Nach dem Krieg war ich der einzige junge Künstler, der gleich angefangen hat, abstrakt zu malen. Und ich bin zehn Jahre jünger als Emil Schumacher! Ich bin eine andere Generation.

Bisky: Können Sie sagen, welche Bilder Sie lieber mögen? Die, die ganz schnell gehen oder die, für die Sie mehr Zeit brauchen?

Sonderborg: Och, ich mag das auch, wenn ich so ganz, ganz wenig.. mit der Hand... so ganz, ganz wenig... aber das Wenige dann genau da!

Bisky: Geben Sie Ihre Bilder gerne weg, oder würden Sie sie eigentlich lieber behalten?

Sonderborg: Ich behalte sie gerne. Ich habe immer alles weggeben müssen. Die ganzen Hotels, die Flugtickets, das hat alles sehr viel Geld gekostet... Da musste ich die schon verkaufen. Ich war immer froh, wenn ich wenigstens ein Foto hatte. Das ist ja auch schon etwas, an dem ich mich orientieren kann.


Untitled, 1967
©Walter Bischoff Galerie,
Stuttgart


Koerner von Gustorf: Wie war es für Sie, bei der Retrospektive in Emden Ihre Bilder wieder zusammen zu sehen?

Sonderborg: Ach, ich sehe das gerne. Besonders eins, das gehört zur Schenkung, die Otto van de Loo der Stiftung Eske und Henri Nannen gemacht hat. Ein Bild von 58, so ein schmales. Ein junger Mann hatte zu mir gesagt: "Da oben das Bild so und so - das ist ja wahnsinnig!" Das habe ich mir dann mal angeguckt. Eine ganz frühe Sache... Stilmäßig war ich da total in der Fremde... Ich war wahrscheinlich auch depressiv oder so was. Es ist ein ganz kleines, schmales Bild.



Bisky: Sie haben auch viele technische Sachen gemalt, Telegrafen-, Schiffsmasten. Haben Sie je daran gedacht, Skulpturen oder Installationen zu machen?

Sonderborg: In Paris, für das "Musee des Arts Decoratifs", die Ausstellung hieß L'objet . Eigentlich schwebte mir dafür eine Mischung aus Guillotine und Galgen vor... Ich wollte die Transzendenz sichtbar machen, durch den Tod. Es gibt ja Leute, die glücklich wären, wenn sie eine ganz einfache Handhabe hätten, sich das Leben zu nehmen. Sehr viele leiden darunter, dass sie die richtige Methode nicht finden.

Koerner von Gustorf: Das ist ja auch nicht ganz einfach. Mit der Guillotine und dem Galgen wollten Sie diesem Notstand Abhilfe schaffen?

Sonderborg: (lacht) Am Ende habe ich als objet einen Hutständer gemacht: sechs Melonen auf einer Seite, und auf der anderen Seite ein Kardinalshut. Damit war ich eigentlich ganz zufrieden. Es war gar nicht so leicht, einen Kardinalshut zu besorgen. Ich habe in viele Läden gesucht und diese ganzen frommen Paten gesehen, die ganz eitel sind mit ihren Stoffen. Das war interessant für mich, der Weg zu so einer Sache. Auf was man aus Zufall trifft. Das ist oft das Interessanteste im Leben, das, was nicht geplant war.


Paris,
16 ave. Matignon 429,
Entstehungsjahr unbekannt,
Sammlung Deutsche Bank


Bisky: Haben Sie je das Bedürfnis gehabt, Menschen anzudeuten, Figuren zu zeichnen?

Sonderborg: In meinem Studium habe ich Akte gezeichnet - aber auch mit ganz wenigen Strichen.

Koerner von Gustorf: Es gibt ein Selbstporträt von Ihnen.

Sonderborg: Ja genau, der Wirrkopf! Das habe ich in Paris gemacht, das weiß ich noch. Das ist aber auch ein bisschen Dubuffet.

Koerner von Gustorf: Es sieht aus wie eine Karikatur von Dubuffet.

Sonderborg: Ja, genau, genau! (lacht) Das habe ich gemacht. War auch genau richtig und ging alles wie ganz von allein.

Bisky: Wenn so ein ganz junger Mensch zu Ihnen käme und Sie fragte: "Ich will Maler werden. Was soll ich tun und was soll ich auf keinen Fall tun?" Was würden Sie ihm antworten?

Sonderborg: Das Wichtigste war für mich als Lehrer, den Studenten ein Rückrat zu geben. Auf alle Fälle sollte man nicht so malen wie der Lehrer. Einfach drauf los malen, keine Angst haben, dass es schief geht! Das haben wir auch durchgehalten.




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