In dieser Ausgabe:
>> Biennale in Venedig: So reiten wir, so rauchen wir
>> K. R. H. Sonderborg
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So reiten wir, so rauchen wir

Francesco Bonami hat die von ihm kuratierte 50. Kunstbiennale Venedig unter das Motto "Die Diktatur des Betrachters" gestellt. Im Informationszeitalter soll kein Kunstwerk mehr als drei bis fünf Minuten Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Mit über 650 teilnehmenden Künstlern werden die Problemzonen im weiten Feld der Globalisierung abgesteckt, ohne dabei ganz auf Utopien verzichten zu wollen. Harald Fricke machte einen Rundgang durch die Biennale und stellt die aktuellen Arbeiten von Künstlern aus der Sammlung Deutsche Bank vor.


Kunst auf allen Inseln

Die Biennale in Venedig ist über die Jahre zu einem Ausstellungsmonster geworden. Eine Woche vor Beginn der Art Basel ist die Eröffnung nicht nur ein "get-together" des Betriebs, sondern auch eine enorm weitläufige Plattform für die Wirrungen des Marktes. Dieses Jahr rechnete jeder mit einem Boom der Malerei, doch nun stehen in Venedig plötzlich Mixed-Media-Arrangements im Mittelpunkt - schon heißt es für Sammler: umdisponieren.

Allein seit 1993 hat sich die Zahl der an der Biennale teilnehmenden Nationen verdoppelt. Das ist Ausdruck einer sich immer stärker kulturell ausdifferenzierenden Welt - in Zeiten der Globalisierung ist überall Peripherie und Zentrum zugleich. Die neue Kartografie im Großmaßstab hat natürlich auch Folgen für die Repräsentation lokaler Eigenheiten: Weit über die traditionellen Pavillons in den Giardini hinaus wuchert die Kunst in beinahe jeden Winkel und auf jede Insel Venedigs. Dafür hat Francesco Bonami nun ein griffiges Motto gewählt: Die von ihm geleitete 50. Biennale widmet sich "der Diktatur des Betrachters". Die einzelnen Arbeiten sollen, wie er sagt, in "drei bis fünf Minuten" erfahrbar sein, schließlich geht es ihm um konkrete Kommunikation in Zeiten von Zapping und omnipräsenten Informationstechnologien.



Der italienische Pavillon


Nur in dieser Begrenzung, so der feste Glaube des in Chicago lebenden italienischen Ausstellungsmachers, findet die Kunst über die visuelle Verdichtung zu ihren Inhalten zurück. Gleichwohl stellt sich für ihn jede Auseinandersetzung mit Gesellschaft über "Träume und Konflikte" her, beide liefern das Material zum kulturellen Austausch. Es gibt die Unsicherheit nach dem 11. September, es gibt aber auch die Hoffnung auf ein Ende des Nahostkonflikts. Es gibt den Wunsch, endlich mehr über die Gegenwart Asiens zu erfahren (leider konnte China wegen der SARS-Epidemie nicht an der Biennale teilnehmen), es gibt aber auch die Furcht vor einer Rückkehr der sozialen und politischen Krisen, die bereits in den siebziger Jahren den Alltag in Südamerika oder Afrika beherrschten.


Francesco Bonami, Catherine David, Gabriel Orozc

So viel Aufmerksamkeit und Engagement hat seinen Preis. Gut ein Dutzend Kuratoren haben gemeinsam mit Bonami an der Realisierung der Biennale gearbeitet, über 650 Künstler wurden eingeladen. Da kann sich die Diktatur am Ende leicht gegen den Betrachter wenden. Manchmal wünscht man sich auf dem Parcours dann eine Oase der Bedeutungslosigkeit - und findet sie nach einer halben Stunde strammen Fußmarsches bei 35 Grad tatsächlich in der vom Kaffeeunternehmen "illy" eingerichteten Lounge, in der Espresso ausgeschenkt wird. Danach geht die Tour über Catherine Davids Sektion "Contemporary Arab Representations", die sich mit der Dokumentation urbaner Zerstörung in Beirut beschäftigt (mehr hier), über "The Everyday Altered", eine Spurensuche im mexikanischen Alltag, die Gabriel Orozco zusammengestellt hat, bis hin zur "Utopia Station", für die Molly Nesbitt, Hans-Ulrich Obrist und Rikrit Tiravanija fast einhundert Künstler ausgewählt haben.



Contemporary Arab Representations

"Utopia Station" ist ein faszinierendes Sammelsurium, irgendwo zwischen Kommune, Laboratorium und Künstlerrepublik. Hier endet der Pfad mit einer Installation von Tobias Rehberger. Der in Frankfurt lebende Bildhauer hat einen Fountain mitten in einen Kubus aus bunt leuchtenden Tüchern montiert. Ein Geflecht aus Gartenschläuchen sprenkelt fortwährend Wasser aus zweieinhalb Meter Höhe und greift so zwei verschiedene Motive auf: Zum einen wird ein sonst privater Vorgang wie das Duschen öffentlich gemacht; zum anderen ist Rehbergers funktionaler Entwurf eine dynamisch changierende Skulptur, die Wasser als natürliche Ressource mit Stoffdesign und Baumarkt-Ästhetik kurzschließt. Darin nimmt sich sein Fountain ein wenig wie das späte Erbe russischer Revolutionskunst nach Art Alexander Rodtschenkos aus, für den Gestaltung ein Symbol der werktätigen Massen sein sollte. Rehbergers Dusch-Installation ist in diesem Sinn eine Beschäftigung mit Utopie: als Ort kollektiver, aber doch auch sehr banaler, weil alltäglicher Erfahrung.


Ilya Kabakov, Levlvovich's "Coincedences", 1998
©Sammlung Deutsche Bank


Für Emilia und Ilya Kabakov ist die Utopie gerade in der Erinnerung an die Sowjetunion verloren gegangen. In den eleganten Räumen der Fondazione Querini Stampalia hat das in New York lebende russische Künstlerehepaar mit Where is our place? ein Gesamtkunstwerk installiert, in dem sich Menschen, Riesen und Zwerge ( Bilder) begegnen können - so will es das Konzept. Hier wird der Schauplatz Museum zum "totalen Theater" (Kabakov), zur melancholischen Zeitreise: Als Hommage ans 19. Jahrhundert stehen überdimensionale Hosenbeine vor überdimensionalen Bildfragmenten, die als golden gerahmte Zitate bürgerlicher Salonmalerei aus einem Spalt in der Decke ragen. Übermächtig schiebt das Vergangene sich stets in den Blick der Gegenwart. Im Fußboden sind umgekehrt winzige Landschaften mit menschenleeren Dörfern eingelassen, als Modell "einer Welt, von der wir nichts wissen können, weil sie sich unserer Wahrnehmung entzieht wie die Zukunft". Auf Augenhöhe wird der Betrachter dagegen mit Fotos aus den achtziger Jahren konfrontiert: sozialistischer Alltag, Militäridyllen, Kultur und Technik in der Frühphase der Perestroika. Dieser Bilderreigen ist für Emilia und Ilya Kabakov bloß ein Beleg für die Flüchtigkeit der Zeit, längst vergangen wie das zaristische Russland auf den Ölgemälden. So überlagern sich zwar alle drei Schichten als historisches Vexierspiel, doch die dazugehörigen Welten bleiben voneinander getrennt. Sanft und ein wenig sentimental erzählt Where is our place? davon, dass im "allover" der Erinnerung auch der eigene Standpunkt nicht vor Vergänglichkeit geschützt ist.


Peter Fischli / David Weiss, Untitled (Questions), 1981-2003
courtesy David Weiss, Peter Fischli and Matthew Marks Gallery, New York;
Galerie Hauser & Wirth & Presenhuber, Zürich;
Monika Sprüth Galerie, Cologne

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