In dieser Ausgabe:
>> Roth-Zeit: Die Dieter Roth Retrospektive im Schaulager Basel
>> Die Rückkehr der Giganten in Sao Paulo

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Roth-Zeit: Die Dieter-Roth-Retrospektive im Schaulager Basel


Mit dem unkonventionellen Schaulager der Architekten Herzog & de Meuron wird die Dimension einer neuartigen Institution sichtbar, die seit Mai diesen Jahres das kulturelle Leben des Kunstraums Basel erweitert und mitprägt. Einmal im Jahr wird das Schaulager mit einer Ausstellung die verschiedenen Aspekte seiner Tätigkeit der Öffentlichkeit vorstellen. Den Anfang dazu macht eine Retrospektive von Dieter Roth, die am 24. Mai eröffnet wurde, und noch bis zum 14. September 2003 zu sehen sein wird.



Schaulager Münchenstein/Basel
Herzog & de Meuron, Architekten
Foto: Adrian Fritschi, Zürich


"Roth-Zeit. Eine Dieter Roth Retrospektive" ist die erste große Überblicksausstellung nach dem Tod des Künstlers im Jahr 1998. Mit weit über 500 Leihgaben aus 55 Sammlungen wird im Baseler Schaulager das fünfzig Jahre umfassende Schaffen Dieter Roths vorgestellt. Auch die Sammlung Deutsche Bank ist als Leihgeber vertreten. Im Schaulager wird es nun erstmals möglich, die Vielfalt von Roths Werkes als großartigen und spannungsvollen Gesamtentwurf zu erleben. Für db-art.info hielt eine enge Freundin Dieter Roths ihre Eindrücke von der Eröffnung und der Ausstellung fest: Mit der amerikanischen Künstlerin Dorothy Iannone verband Dieter Roth von 1967 bis 1974 eine Liebesbeziehung, die als Freundschaft bis zu seinem Tod währte.(Eine Rezension der Korrespondenz des Paares finden Sie hier) "Dieter Roth ist hier gegenwärtig" schreibt Dorothy Iannone in ihrem Beitrag zur Retrospektive, der zugleich auch eine Liebeserklärung an ihren Freund und sein Werk ist.


Schaulager Münchenstein/Basel
Herzog & de Meuron, Architekten
Foto: Adrian Fritschi, Zürich


Der König ist tot - lang lebe sein Werk!

von Dorothy Iannone

Die lang erwartete, definitive Retrospektive des gewaltigen und majestätischen Dieter Roth ist in Basel eröffnet worden. Die Schönheit und Mannigfaltigkeit dieser Ausstellung ist überwältigend. Dieter Roth war ein Meister in allem, was er tat. Die Könnerschaft, mit der er seine Visionen umsetzte, ist ebenso erstaunlich wie ihre Erscheinungsvielfalt. Sein Erfindungsreichtum ist beispiellos. Nachdem ich erst die Hälfte der Ausstellung gesehen hatte, überfiel mich ein Hochgefühl, das nur die Begegnung mit dem großartigsten aller Künstler hervorrufen kann.



Dieter Roth, Motorradrennfahrer III,
1970/1994 (Rekonstruktion) Dieter Roth Foundation, Hamburg
Foto: Heini Schneebli, Hamburg

Im wirklich sensationellen Schaulager, der neuen von Herzog und de Meuron entworfenen und von Maja Oeri in Auftrag gegebenen Kunststätte, wurden über fünfhundert Arbeiten aus der fünfzigjährigen Schaffenszeit Dieter Roths zusammen getragen und von der Kuratorin Theodora Vischer zu einer umfangreichen Ausstellung vereint. Die gezeigten Werke umfassen Zeichnungen, Grafiken, Bücher, Gemälde, Objekte, Installationen, Audio- und Videoarbeiten. Noch nie zuvor hatte man Gelegenheit – zumindest nicht in diesem unglaublichen Ausmaß – die Gesamtheit von Dieter Roths Schaffen zu erfahren. Und es kann noch lange Zeit dauern, bis so viele seiner Werke wieder an einem Ort versammelt sind.


Schaulager Münchenstein/Basel
Herzog & de Meuron, Architekten
Foto: Adrian Fritschi, Zürich


1997, ein Jahr vor seinem Tod, lud mich Dieter Roth ein, an seiner Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Marseille teilzunehmen. In einem Katalogbeitrag über meine Kunst schrieb er:" Je besser die (künstlerische) Arbeit der/des Geliebten ist, um so besser kann man sie/ihn lieben, und um so besser kann man selbst (als Künstler) wachsen. Gute Arbeit der/des Geliebten bietet ausgezeichneten Gesprächsstoff für den Partner." .Niemand konnte jemals über ein besseres Werk schreiben, als die Autorin zum jetzigen Zeitpunkt. Ein Universalkünstler läuft uns im Leben nicht so oft über den Weg.

Dieter Roth,
Portrait of the Artist
as Vogelfutterbüste, 1968
Foto: Martin Bühler,
Öffentliche Kunstsammlung Basel


Der Empfang für die Leihgeber fand an einem klaren, sonnigen Samstagmorgen statt. Die offizielle Eröffnung war für den frühen Abend anberaumt, danach gab es ein Essen für die Freunde des Künstlers im Restaurant Kunsthalle, das neben Donati's Dieters Lieblingsrestaurant in Basel war. Alte Freunde aus ganz Europa und Amerika trafen ein, um jenen Mann zu feiern, "den zu kennen", so Richard Hamilton "eine besondere Ehre gewesen ist". Ich hatte in Erwartung des Ereignisses nicht viel geschlafen, denn ich war mir darüber im Klaren, dass dies eine Art Abschied von Dieter bedeutete. Bislang waren alle seine großen Ausstellungen von ihm aufgebaut worden. In Marseille wurde er sogar selbst zum Teil der Ausstellung, als er mitten in der Schau einen Schreibtisch und einen Arbeitsraum installierte, und dort häufig saß, um den zweiten Band des Ausstellungskatalogs vorzubereiten. Nun würde die Gestaltung nicht mehr dem Künstler obliegen.Nach dieser Retrospektive würde Dieter Roth – und das zu Recht – der Welt gehören.


Dieter Roth, Flacher Abfall, 1975-76/1992
Flick Collection
Foto: A. Burger, Zürich


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