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"Es kann Freude machen, wenn man anderen folgt und dadurch Teil einer Gruppe wird," bemerkte Yanagi in warholesker Manier in einem Interview. "Für mich war es ein angenehmes Gefühl, Teil einer Gruppe zu werden. Ich wollte, dass das auch andere sehen... Das Aussehen ist wichtig. Es zeigt etwas..." Das Leben vermittelt sich an der Oberfläche, dennoch sind Yanagis Fotografien trotz ihrer Perfektion und Brillanz auf gewisse Weise "Alltagsbilder", die keinen Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Leben kennen.

Auch die 1965 geborene amerikanische Malerin Elisabeth Peyton findet die Vorlagen für ihre Gemälde in sowohl "öffentlichen", weit verbreiteten Bildern, die sie Büchern, Magazinen, Plattencovern oder Stills von Musikvideos entnimmt, als auch in eigenen, von ihr selbst aufgenommenen, "privaten" Fotos. Sid Vicious, Oscar Wilde, Jarvis Cocker, David Hockney und Leonardo di Caprio: Historische Gestalten und lebende Menschen erscheinen als zerbrechliche Wesen mit hellen Augen und scharlachroten Lippen, eher androgyn als einem Geschlecht angehörig.

Elisabeth Peyton, Little Em (Eminiem), 2002
©Elisabeth Peyton
Courtesy of Sadie Coles HQ, London
Elisabeth Peyton, Kirsty Navigating,2001
©Sadie Coles Gallery, London; Sammlung Deutsche Bank

"Ich denke darüber nach, wie bestimmte Leute das Leben anderer beeinflusst haben," sagte die Künstlerin 1996 in einem Interview mit Francesco Bonami. "Es ist nicht entscheidend, wer sie sind, oder wie berühmt, eher wie schön der Weg ist, den sie in ihrem Leben beschritten haben und wie inspirierend sie für die anderen waren. Und ich finde das bei Leuten, die ich oft sehe, wie auch bei jenen, denen ich nie begegnete". Ebenso fragil wie ihre Gemälde erscheint Peytons im Gebäude am Roßmarkt gezeigte Zeichnung Kristy Navigating (2001). Angesichts der jungen Frau, die auf dem Beifahrersitz eines Autos sitzt und in einen Straßenatlas versunken ist, erscheint es, als habe die Kunst die selbe Funktion wie die aufgeschlagene Karte auf dem Schoß der Abgebildeten.


Der festgehaltene Moment dient nicht nur der Erinnerung, sondern gleichermaßen der Navigation durch eine Flut divergenter Eindrücke, Beziehungen, privater Erlebnisse und medialer Images. Das künstlerische Nachvollziehen von "Realität" verbindet sich mit der Archivierung und Transformation von vorgefundenen Bildern. So bemerkte Peter Doig zu den Fotovorlagen, die er in Ordnern und Skizzenheften sammelt: "Ich benutze sie gewissermaßen wie einen Landkarte, als ein Mittel, den Fuß in jene Art von Realität zu setzen, die ich mir wünsche."



Frank Bauer, Abwasch, 1997
©Galerie Voss, Düsseldorf; Sammlung Deutsche Bank


Der Alltag scheint viele der jüngeren zeitgenössischen Kunstwerke im Bankgebäude am Roßmarkt zu durchdringen, und ganz gleich, ob er nun magisch erscheint wie bei Peyton oder Doig, digital aufbereitet und manipuliert wie bei Yanagi, oder als abfotografiertes und zur Malerei interpretiertes Design wie bei den Deutschen Kocheisen+Hullmann – stets eröffnet seine Darstellung ein Arsenal von Deutungen und Projektionen. "Es ist immer hundert Jahre her", schrieb Adrian Searle im Guardian über Peter Doigs Ausstellung One Hundered Years Ago, "und es ist immer heute - Wow." Wer sich von aktueller Kunst eindeutige Aussagen und klare Position zu gesellschaftlichen Fragen erhofft, den mögen die Arbeiten von Künstlern wie Peyton, Doig oder Yanagi enttäuschen. Wer jedoch etwas über die Zukunft der Gesellschaft erfahren will, die man Tag für Tag hinter sich lässt, dem mögen diese Arbeiten vielleicht als Markierungen in einer faszinierenden und unberechenbaren Welt dienen.


Thomas Kocheisen/ Ulrike Hullmann, Ohne Titel, 1997
©Kocheisen + Hullmann, Seelbach; Sammlung Deutsche Bank


Oliver Koerner von Gustorf



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