In dieser Ausgabe:
>> Rundgang Deutsche Bank Tokio
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Naoya Hatakeyama: Lime Works (Factory-Series), 1991-94
©Naoya Hatakeyama, Courtesey L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt

Das visuelle Gegenstück zu Hatakeyamas Beobachtungen im Underground sind die beängstigenden Bilder, die der Fotograf bei Sprengungen in Kalksandsteinhalden gemacht hat. Jedes Bild zeigt hunderte oder tausende fliegender Keile und Brocken in der vollen Dynamik ihrer nach außen gerichteten Bewegung. Während die Underground-Sequenz den Betrachter an die Grenzen dessen führt, was man zu schauen bereit ist, geht er beim Projekt Blast an die Grenzen dessen, was man mit einem stehenden Kamerabild überhaupt fixieren kann. Allein aus Sicherheitsgründen dürfte ein Zuschauer dort nicht stehen, wo die Kamera steht; und das, was sie mit kaltem Auge gefrieren lässt, könnte ein menschliches Auge unmöglich erfassen.

Naoya Hatakeyamas Fotografie handelt also von einer gigantischen Konstruktion, die man als Zivilisation bezeichnet. Er fragt, wo sie beginnt und wo sie endet, woraus sie besteht und ob das Bild, das sie von sich selbst entwirft, vor ihren Abgründen standhält. Dabei hat er die klassischen Genres der Fotografie – Landschaft und Straße – verlassen, bei der Installation, der Videokunst, der Land Art vorbeigeschaut und somit seine fotografische Konzeption gut fundiert und konzeptionell ausgefächert. Dennoch, ein Rest von Rätsel bleibt, und diesen Umstand hat Hatakeyama genutzt, um eigene Erläuterungen hinzuzufügen. Bei einem Vortrag im Londoner Victoria and Albert Museum am 9. November 2001 kommentierte er seine erste international bekannte Werkgruppe – die Ansichten von Kalkwerken – mit folgenden Worten:

"Wenn alle aus Beton gebauten Häuser und Straßen, die sich bis an den Horizont erstrecken, aus dem Kalkstein sind, der aus den Bergen gebrochen wurde, und wenn alle diese Häuser und Straßen zu Staub zermahlen würden und diese ungeheure Menge Kalk an ihren genauen Herkunftsort zurückgebracht würde, dann wären mit der letzten Schaufel die Bergkämme in ihren ursprünglichen Dimensionen wiederhergestellt."



Naoya Hatakeyama: Blast, 1995-
©Naoya Hatakeyama, Courtesey L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt

Hinter einer solchen tabula rasa-Phantasie scheint das Motiv der Verdammnis auf: die Schuld der Zivilisation, ihr Eingriff in die Elemente, ihr Hang zur Selbstzerstörung.

In seiner Beschreibung River Series hat Hatakeyama diese Vision ausgebaut. Seine Rolle als Fotograf in den Kanälen beschreibt er so:

"Ich wate allein durch den stillen Fluss. Fünf Meter über mir sind Hunderttausende von Leuten, die hierhin und dorthin laufen, telefonieren oder einkaufen, aber hier unten ist nichts, was mich daran erinnert. Ich bewege mich wie ein Astronaut, der auf einem unbewohnten Planeten gelandet ist. Früher muss es auf diesem Planeten eine Zivilisation gegeben haben, aber die Bewohner, die diese Zivilisation errichtet hatten, sind eines Tages spurlos verschwunden." Der Gedanke vom großen Ende wird dann auf die Anschauung übertragen, wenn Hatakeyama behauptet, "die Perspektive" sei "fast völlig zerfallen, und die Horizontale ist aus ihrem Bann in die Freiheit entkommen".


Naoya Hatakeyama: River-Series, 1993-96, Sammlung Deutsche Bank
©Naoya Hatakeyama, Courtesey L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt

In Deutschland, wo die Kritik der Zivilisation – Repräsentation, Waren, Maschinen, Unüberschaubarkeit – romantisch verbürgt ist, wurde Hatakeyama alsbald zu einem naturphilosophischen Künstler befördert. Dabei ist der ironische Unterton seiner Selbstbeschreibung möglicherweise überhört worden. Denn die Betrachtung kulminiert in einer Reflexion über die Linie, in der das Stadtbild und das Spiegelbild der River Series aneinander stoßen: "Sowie ich auf der Linie bin, erkenne ich, dass sie keinen Raum einnimmt, und als würde ich von ihr verschlungen, verschwinde ich ebenfalls. So wie die Menschen der vergangenen Zivilisation." Hier haben wir also den Untergang des Untergehers vor uns, das Verschwinden des Weltenrichters in der schwarzen Wabe seiner Imagination vom Ende aller Zeiten. Die Grenze zur Satire ist offensichtlich überschritten.

Aus Osaka hat Hatakeyama ein merkwürdiges Diptychon mitgebracht, datiert 1998 und 1999. Es zeigt zweimal in der Aufsicht ein Stadion. Im ersten Bild, anbrechende Nacht, ist alles intakt. Merkwürdigerweise steht aber mitten im Stadion eine Siedlung mit 21 Häusern und einem Parkplatz. Im zweiten, späteren Bild ist nicht nur die Siedlung völlig, sondern auch das Stadion halb abgerissen. Sanftes Abendlicht gräbt sich in den hellen Sand der Riesenbaustelle. Augenzwinkernd teilt uns der Fotograf mit, dass seine Vision vom Rücktransport des Kalksandsteins in die Wunden der Gebirge bereits begonnen habe.



Naoya Hatakeyama: River-Series, 1993-96, Sammlung Deutsche Bank
©Naoya Hatakeyama, Courtesey L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt

Mit der Gruppenausstellung über japanische Fotografie unter dem Titel Lust und Leere ist Naoya Hatakeyamas Werk in Deutschland zuerst wahrgenommen worden. In der schrillen Karnevalerie seiner Zeitgenossen sah Hatakeyama merkwürdig deplaziert aus. Inzwischen könnte man ihn als Antipoden sehen, als einzigartig produktiven Dokumentaristen, der es wagt, die japanische Metropole in einen Kontext zu stellen. Statt auf dem Vulkan zu tanzen, beobachtet er ihn. Hatakeyama interessiert alles, was konstruktiv und stofflich ist. Seine Bildformate sind bescheiden geblieben, seine Fotografien sind sorgsam ausgearbeitet bis ins Detail. Sein phantastisches Buch über die Lime Works, lange vergriffen, ist letztes Jahr in Japan wieder aufgelegt worden. Mit Mitte vierzig ist Hatakeyama ein Klassiker, aber niemand kann wissen, was er als nächstes tun wird.

Ulf Erdmann Ziegler, Jahrgang 1959, lebt in Frankfurt am Main. Kritiker, Kurator, Lehrer. Zuletzt erschienen: "Die Welt als Ganzes. Fotografie aus Deutschland nach 1989".

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