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Thematisiert das Leben selbst: Bridget Riley

Bridget Rileys Kunst flimmert und leuchtet - doch sie kann auch Schwindel auslösen. Überprüfen kann man das zur Zeit in der Londoner Tate Britain, die eine große Retrospektive der bedeutendsten Vertreterin der Op Art zeigt. Auch die Deutsche Bank sammelt sie seit langer Zeit und zeigt ihre Arbeiten in den Londoner Geschäftsräumen. Ein Porträt von Marion Löhndorf.


Bridget Riley

Lange bevor der Begriff des "Young British Artist" erfunden wurde, füllte die junge, attraktive und modebewusste Bridget Riley ( Bild) diesen Begriff schon aus und eroberte New York. Der sogenannte große Durchbruch gelang der jungen Engländerin als Teilnehmerin der Gruppenausstellung The Responsive Eye (mehr dazu hier) 1965 im New Yorker MoMA. Bridget Rileys Bilder zeigten – und zeigen - nichts als geometrische Formen: Wellen, Kreise, Scheiben, Streifen, Drei- und Vierecke, Zickzacklinien. Die Ausstellung The Responsive Eye (Brian de Palma drehte darüber einen Kurzfilm) machte die Op Art (Optical Art) mit ihren wissenschaftlichen Experimenten und ihrem Interesse an Mathematik bekannt, und die damals 34jährige hätte eigentlich froh sein können: Eine ihrer Arbeiten prangte auf dem Titel des Katalogs. Die Mode- und Design-Industrie hatte den dekorativen Wert der Op Art erkannt und verleibte sich ihre grafischen, zeichenhaften Muster ein: Op war hip, und Bridget wurde Großbritanniens Kunst-Celebrity Nummer eins.

Die Deutsche Bank wurde früh auf Riley aufmerksam und sammelt seit einigen Jahrzehnten Werke von ihr. Ein Rundgang durch die Londoner Räume der Bank würde leicht zeigen, welche Gegensätze und geheimen Entsprechungen es zwischen Op und Pop gibt, denn die sechziger Jahre bilden einen Schwerpunkt der Sammlung der Bank. Natürlich kommen Rileys komplizierte Muster eher aus dem Konstruktivismus und wissenschaftlichen Wahrnehmungslehren, doch sie haben auch Parallelen im zeitgenössischen Design. Und in den Stichwörtern Design und Warenästhetik könnte einer der geheimen Verbindungspunkte zur gleichzeitigen Pop Art bestehen: Beide interessieren sich für die Wiederholung von Mustern und für psychologische Effekte, die durch sie ausgelöst werden. Ein kurioser, mehr anekdotischer Bezugspunkt lässt sich ebenfalls in der Londoner Sammlung der Deutschen Bank studieren: Dort hängt auch Richard Hamiltons Soft Blue Landscape von 1979, die wiederum die Werbekampagne einer Toilettenpapierfirma aufgriff, deren Entwürfe zum Teil von Bridget Riley aus ihrer Zeit als Designerin stammten. In den siebziger Jahren stand sie selbst schon anderswo. Damals fertigte sie ihre äußerst eleganten, in den Farben aber Hamiltons Soft Blue Landscape ähnlichen Siebdrucke Red, Blue und Green Dominance.

Man sollte allerdings die Entsprechungen zwischen Op und Pop nicht überstrapazieren. Auf der berühmten manifesthaften Liste der Eigenschaften, die Hamilton für die Pop Art reklamierte, finden sich Attribute wie: "Low Cost", "Mass Produced", "Witty "oder gar "Glamorous", die Riley für ihre Kunst weit von sich weisen würde.

Sie akzeptierte auch den Pop-Star-Status für sich nicht. Anders als Künstler späterer Generationen - wie Tracey Emin, Damien Hirst oder auch Jeff Koons - wehrte sich Bridget Riley gegen das ultraschicke Image. Sie distanzierte sich von der Op Art-Bewegung und erklärte, weder habe sie Optik studiert, noch sei sie an Mathematik interessiert. Auch an einer anderen Front kämpfte Bridget Riley gegen die Vereinnahmung ihrer Werke: Sie leitete rechtliche Schritte gegen die Verwendung ihrer Muster in Mode und Kunst ein, allerdings umsonst. Angeblich verabscheut Riley jede Form von Populärkultur. Einer Anekdote zufolge meidet sie selbst das Blättern in Zeitschriften wie eine ansteckende Krankheit: so groß ist ihr Anspruch auf Ernsthaftigkeit.


In Interviews lässt sie stets durchblicken, dass ihr die Arbeit über alles geht. Die Konsequenz, mit der sie ihr eigenwilliges und einzigartiges Werk entwickelte, spricht dafür. Rileys Kunst flimmert und leuchtet. Die mathematische Ordnung ihrer geometrischen Arrangements wird immer wieder durch kleine Unebenheiten unterbrochen, Wahrnehmungserwartungen werden unterlaufen. So entstehen optische Täuschungen. Das Auge glaubt, Dinge zu sehen, die auf der Leinwand nicht existieren. Weiße Schatten erscheinen neben schwarzen Scheiben, Spiralen sehen aus, als drehten sie sich. ( Bilder)

Bridget Riley geht es, wie sie sagt, nicht um unbewegte Oberflächen, sondern um Dynamik: "Für mich ist die Natur nicht Landschaft, sondern die Energie visueller Kräfte – mehr ein Ereignis als eine Erscheinung. Diese Kräfte können nur in Angriff genommen werden, indem man Farbe und Form als letztgültige Einheiten (ultimate identities) behandelt und sie von allen beschreibenden und funktionalen Aufgaben befreit." Die Schönheit der Geometrie oder die Abstraktion der Mathematik sind für sie entgegen allem Anschein nicht von Interesse. Ihre Bilder, die oft auf Bewegungen bezogene Titel wie Tremor (1962), Burn (1964), Breathe (1966) und Descending (1965) tragen, thematisieren das Leben selbst, wie sie sagt: "Ein Künstler hat das Bedürfnis, sich zur Tatsache des Lebendigseins zu äußern, so wie ein Vogel das Bedürfnis verspürt zu singen."

In ihren Anfängen beschränkte sich Riley ausschließlich auf die Verwendung der Farben Schwarz und Weiß. Als sie für sich die Möglichkeiten dieses Themas durchgespielt hatte, ging sie zur Benutzung von – zuerst wenigen – Farben über. Die Anzahl der Farben nahm mit den Jahren langsam zu. Werktitel wie Red Dominance (1977) und Blue Dominance (1977) belegen ihre obsessive Beschäftigung mit dem Thema Farbe.

Erst 1978 erweiterte sie ihr Repertoire von drei auf fünf Farben. In diesen wohl überlegten Schritten durchmisst sie ihr eigenwilliges und einzigartiges künstlerisches Universum, das sie nie verlässt. Sie legt bestimmte Themen, Formen und Farben oft nur beiseite, um sie später noch einmal wieder aufzunehmen.


Bridget Riley

Bridget Rileys Biografie liest sich so stringent wie ihre künstlerische Kompromisslosigkeit: Sie wurde 1931 in London geboren und studierte Kunst zunächst am Goldsmiths College, das später als Talentschmiede für die "Young British Artists" noch einmal in den Blickpunkt der Kunstwelt rücken sollte. Von dort aus ging Riley ans Royal College of Art, das sie aber vorzeitig verließ, um sich um ihren schwer kranken Vater zu kümmern. Sie erlitt in ihren zwanziger Jahren einen Nervenzusammenbruch, der dem Ende einer unglücklichen Liebe zugeschrieben wurde. Heute lebt sie allein und sagt: "Mein Privatleben ist überhaupt nicht aufregend. Es war eine Zeitlang so, aber ich habe festgestellt, dass es schlecht für meine Arbeit war." Nach ihrer Genesung nahm sie verschiedene Jobs an, unter anderem als Kunstlehrerin. Ihr Stil, den sie beharrlich und mit ununterbrochener Konsequenz bis heute fortentwickelte, formte sich gegen Ende der fünfziger Jahre. Als Einflüsse werden neben anderen immer wieder der Pointillismus von Georges Seurat und der Futurismus vor allem von Giacomo Balla genannt.

Eines der immer wiederkehrenden Urteile über Rileys Kunst besagt, dass sie die Mechanismen des Sehens so bewusst gemacht habe, wie kein anderer Maler vor ihr. Doch Erkenntnis hat ihren Preis, und die Effekte, die sie erzielt, können weh tun. Denn Rileys Bilder wirken nicht nur auf Auge und Geist. Betrachter klagten, sie könnten tatsächlich, - darüber ist schon oft geschrieben worden - Kopfschmerz, Schwindel oder Übelkeit auslösen. Riley erklärte einmal, dass man von ihren Werken "heimlich eingenommen und entwaffnet" werde. Mehr als vierzig Jahre lang hat die Künstlerin in ihren Bildern das Thema Wahrnehmung verfolgt. Es ging ihr, sagte sie einmal, um das Verhältnis von "Stabilität und Instabilität, Sicherheit und Unsicherheit".

Dieses Thema setzt sich in gewisser Weise auch in ihrer Arbeitspraxis fort. Denn ein Riley ist nicht, was er scheint: Obwohl ihr Name am Außenrand vieler ihrer Bilder steht, hat sie doch keines von ihnen selbst gemalt. Seit den frühen sechziger Jahren beschäftigt sie Assistenten, die sie mit genauen Anweisungen, Maßangaben und millimetergenauen Skizzen versieht (mehr hier). Hätte auch irgendjemand anderes ihre Bilder danach anfertigen können, und wäre es dann immer noch ein "echter Riley"? Es bleibt offen, ob sie mit ihrer Methode solche Fragen provozieren will. Bekannt aber ist, dass ihr der künstlerische Herstellungsprozess an sich nicht wichtig ist. Vielmehr interessiert sie die gedankliche und intuitive Arbeit, die ihm vorangegangen ist: "Mir scheint, dass die tiefere, wirkliche Persönlichkeit des Künstlers nur im Treffen von Entscheidungen – im Zurückweisen und Akzeptieren, Verändern und Revidieren - zum Vorschein kommt."

Zu Beginn ihrer Karriere war Bridget Rileys Rang in der Kunstwelt noch umstritten. Doch ihr unermüdliches Bestehen auf Anerkennung als unabhängige, eigenständige Künstlerin zeigte schließlich Wirkung. Als erste Frau gewann sie den Internationalen Preis für Malerei bei der 34. Biennale in Venedig 1968, Ehrendoktorate in Cambridge und Oxford wurde sie offiziell zur Companion of Honour ernannt. Heute gilt die 72-jährige, die immer noch in London lebt und arbeitet, als eine der bedeutendsten englischen Künstlerinnen.

Dieser Einschätzung trägt die große Retrospektive Rechnung, die derzeit in der Tate Britain zu sehen ist: es ist die erste große Riley-Schau, die vierzig Jahre ihrer Arbeit bis zur Gegenwart umfasst. (Ein Gespräch über die Ausstellung mit Germaine Greer, Kirsty Wark und Charles Saumarez-Smith hier.) Die Ausstellung, bei deren Zusammenstellung sie selbst maßgeblich beteiligt war, ist auch insofern bemerkenswert als andere Riley-Retrospektiven (etwa in der Serpentine Gallery 1999 in London) eine gewisse Scheu vor ihren Arbeiten aus jüngster Zeit an den Tag gelegt hatten. Ihre neueren Werke wie Frieze (2000) oder Blue and Pink (2001), das wie ein rosafarbenes Blättertreiben aussieht, sind sanfter, vielfarbiger, weniger aggressiv - ein Blue and Pink -Siebdruck aus dem Jahr 2001 gehört zur Sammlung der Deutschen Bank in London. "Unser Bild von ihr ist vor allem mit ihrem ersten lautstarken Erscheinen verbunden. Ihre frühen Bilder aus den sechziger Jahren gehören zu den Ikonen des Jahrzehnts", schrieb die London Review of Books in diesem Zusammenhang. Doch ein Gang durch die Tate-Schau lässt die Genese ihrer Kunst erscheinen wie eine schrittweise, unausweichliche Entwicklung von dem Minimalismus ihrer Anfänge zu immer mehr Offenheit und zum vielfarbigen Strahlen ihrer späteren Arbeiten.

Marion Löhndorf lebt als freie Autorin in London.

Die Ausstellung Bridget Riley ist noch bis zum 28. September in der Londoner Tate Britain zu sehen.

Lektüre:
"The Eye's Mind: Bridget Riley". Collected writings 1965-1999. Edited by Robert Kudielka. Thames and Hudson, London 1999. ISBN: 0500281653
"Bridget Riley: Dialogues on Art". Based upon edited transcripts of the BBC series 1992. Edited by Robert Kudielka. With essays by Neil MacGregor, E. H. Gombrich, Michael Craig-Martin, Andrew Graham-Dixon und Bryan Robertson. Thames and Hudson, London 2003. ISBN 0500976279