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Knott: Künstler wie Beatriz Milhazes, die auch in Europa bekannt sind, erscheinen einem viel barocker, verglichen mit den Neo-Expressionisten. In ihren Werken spielen Natur und Lebensfreude eine weitaus größere Rolle..

Cintrao: Beatriz ist aus Rio, wo die Künstler sehr farbig arbeiten. Die Bilder aus Sao Paolo sind düsterer und offener für Konzeptualismus oder konstruktivistische Ansätze, wie man beispielsweise an den Arbeiten von Nuno Ramos sehen kann. Die heutige brasilianische Kunst ist meines Erachtens von zwei Strömungen geprägt: einerseits das Barock und andererseits die aus dem Konstruktivismus hervorgegangene "konkreten Kunst" – auch wenn es schwer scheint, diese beiden antagonistische Tendenzen zu vereinigen. Milhazes' Arbeiten sind ein Beispiel dafür: Man kann von einen konstruktivistischen Konzept sprechen - damit meine ich die Art und Weise, wie sie Farben und Formen auf der Fläche anordnet - und gleichzeitig malt sie barock geschwungene Blumen und organische Formen. Auch bei Nuno Ramez gibt es eine Kombination aus Barock und Konstruktivismus.




Ausstellungseröffnung

Knott: Glauben Sie, das die Rückkehr zur figurativen Malerei Teil einer politischen Entwicklung war? Die Bilder der Neuen Wilden waren voller Anspielungen auf Politik und Geschichte wie etwa Jörg Immendorffs Café Deutschland . Hat es in der brasilianischen Kunst auch eine ähnliche politische Dimension gegeben?

Cintrao: Die Geracao 80 interessierte sich nicht für politische Fragen, das einzige, was sie suchte, war Freiheit: Freiheit der Meinung, der Liebe, der Kunst und der Musik. Deshalb verschwanden so viele dieser Künstler später von der Bildfläche. Sie interessierten sich für das Mitmachen, nicht so sehr für das Ergebnis.


Knott: In Deutschland kann man nach dem letzten Jahrzehnt, in dem Videokunst, Installationen und Fotografie die Kunstlandschaft beherrschten, in letzter Zeit eine Rückkehr zur Malerei beobachten. Gibt es in Brasilien eine ähnliche Tendenz? Und wenn ja: ist das der Grund, warum die Neo-Expressionisten und die Neuen Wilden heute wieder ausgestellt werden?

Cintrao: Nein, in Brasilien gibt es zwar auch Maler, aber nach wie vor dominieren Videos, Performances und Installationen. Wie in den Siebzigern gibt es heute auch wieder Künstlergruppen, die Gemeinschaftsarbeiten machen.. Ich vermute, das hat damit zu tun, dass die Zeit der Kuratorendiktatur zu Ende geht. Aber das ist nur so eine Idee.



Georg Baselitz: Adler, 1977, Sammlung Deutsche Bank

Knott: Ich habe gehört, dass Sie derzeit im Museo de Arte Moderna auch zeitgenössische brasilianische Kunst ausstellen. Gibt es eine Verbindung zur Rückkehr der Giganten?

Cintrao: Es handelt sich um eine kleine Retrospektive über Candido Portinari, der in den 1940er und 1950er Jahren der bedeutendste Künstler in Brasilien war. Er ist einer der brasilianischen "Giganten", wie man an den dreißig Werken sehen kann, die wir ausgestellt haben. Auf den Zeichnungen und Gemälden sieht man vor allem brasilianische Frauen und Kinder - es ist eine Allegorie Brasiliens und eine Hommage an den Künstler, der 2003 hundert Jahre alt geworden wäre.

Das Interview führte Marie Luise Knott. Sie schreibt als freie Journalistin u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Kunst und betreut die deutsche Ausgabe von Le Monde Diplomatique.

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