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Grenzgänger: Bruce Nauman

Das Deutsche Guggenheim präsentiert Bruce Naumans erste Einzelausstellung in Berlin. Berlin sagt "Welcome"- und wie grüßt Bruce Nauman zurück? Ein essayistisches Porträt des Künstlers von Christine Hoffmann .

Im Deutsche Guggenheim unter den Linden macht der hoch geschätzte, heiß umstrittene Künstler seinem Ruf wieder aller Ehre: Was ist von dem Trotz-Stück im Straßenfenster des Museums  zu halten, in dem ein "No, no, no" schreiender Clown unablässig aufstampft, dazu auch noch gedoppelt und verkehrt herum auf einem zweiten Monitor: ist das genial oder wahnsinnig?



Bruce Nauman
Mean Clown Welcome, 1985
Brandhorst Collection, Köln


Die Begrüßung im Innenraum fällt auch nicht eben schmeichelnd aus: In einem lebensgroßen Mean Clown Welcome (Gemeines Clown-Willkommen) in buntem Neon strecken sich zwei fiese Kerle zwar die Hände zur Begrüßung entgegen, verfallen aber dabei unanständiger Weise in Erektionen, auch so eine Sache, die man im zivilisierten Umgang miteinander lieber übersieht. Die Tragikomik von Mechanik und Wiederholung, von unwillkürlicher Reaktion und gewolltem Verhalten  löst ein von Gruseln nicht ganz freies Lachen aus.

Dass ein derart multimedialer, stilistisch höchstens via negationis eindeutiger Künstler, der zudem noch ein relativ normales Leben führt, sich seit Beginn der neunziger Jahre durchgängig am oberen Ende der Kunst-Charts hält, verwundert. Mit Sigmar Polke und Gerhard Richter rangiert er seit Anfang der neunziger Jahre ganz oben, aber auch als Feindbild ist er nicht zu unterschätzen, wenn bedeutende Kritiker und Theoretiker ihn als arroganten Klugscheißer, Menschenhasser oder Fall für die Psychiatrie abstempeln. Die Extreme in Lob und Tadel, hymnischer Hochschätzung und verachtender Geringschätzung entrollen sich in Schüben seit Anfang der siebziger Jahre, als der damals 31-Jährige seine erste Retrospektive in Amerika und Europa zeigte.



Bruce Nauman
Mean Clown Welcome, 1985
Brandhorst Collection, Köln


Bei genauer Betrachtung wird aber deutlich, dass dieser Erfolg sich konsequenter Arbeit verdankt. Seit fast vierzig Jahren schafft er es, Kunst zu machen, die straightforeward ist, die direkt ist, ohne in Spontaneismen zu verfallen, die Ideen, auch wenn sie abwegig scheinen, auf den Punkt bringt und in Konfrontation mit dem Betrachter geht. Dennoch bleibt dabei ein "Geheimnis", die Kunst, wie er es schafft, sein Grenzgängertum formal immer wieder neu zu verorten. Er konstruiert und erfindet Situationen, die sich zwar in ihren Komponenten, nicht aber in ihrer Wirkung gänzlich beschreiben lassen.

Dass von Nauman in Berlin bisher nur wenige Arbeiten in Sammlungen und Gruppenausstellungen zu sehen waren, verwundert etwa genauso wie das derzeitige Fehlen einer Direktverbindung von New York oder Chicago nach Tegel. Aber zumindest das erstere wird sich ändern, da nun mit der Flick Sammlung und dank des Deutsche Guggenheim ein ansehnliches Konvolut an Arbeiten näherrückt. Der künstlerischen Sozialisation in der Stadt wäre mehr Nauman nicht schlecht bekommen - "Maß nehmen an Bruce Nauman" hieß ein Text von Franz Meyer von 1986, ein Titel, der auch als höflicher Wegweiser heraus aus den stockenden Kunstdebatten und hin zu neuen Horizonten zu verstehen war.

In Berlin hörte man nicht hin. Von hier aus dauerte der Weg zu seinen Ausstellungen ein paar Stunden länger, es ging nach Hamburg oder Karlsruhe, Köln oder Wolfsburg, nach Wien oder in die Schweiz, wo er wie nirgendwo sonst in Europa präsent war und ist. Umfassende und retrospektive Ausstellungen gab es auch in Paris, London und Madrid zu sehen, und seit dem Frühwerk wurden seine Arbeiten regelmäßig in Düsseldorf gezeigt, wo seine deutsche Galerie ansässig ist. Bruce Nauman war durch Konrad Fischer früh in der europäischen Kunstszene bekannt geworden. Er lud 1968 Nauman in seine neue Galerie ein.


Bruce Nauman
Untitled, 1991
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Da war Nauman gerade 27 Jahre alt. Geboren 1941 in Fort Wayne, Indiana, als Sohn eines Ingenieurs, der für General Electric arbeitete, hatte er sich schon früh für Kunst interessiert. Als Kind nahm er Klavierstunden und Unterricht in klassischer Gitarre, spielte auch in der Schulband Jazz, und begann 1960 ein Studium der Mathematik und Physik, mit Kunst im Nebenfach, das er 1964 an der University of Wisconsin mit einem Bachelor of Arts abschloss. Nauman beschäftigte sich viel mit Musik (vor allem Berg, Webern und Schönberg ) und Philosophie (vor allem Ludwig Wittgenstein). 1964 trat er im Graduiertenprogramm der University of California in Davis ein und studierte Kunst bei Robert Arneson und William T. Wiley, der ein offenes und experimentelles Kunstverständnis förderte. Zu Beginn des Studiums gab Nauman die Malerei auf und begann, Fiberglasskulpturen zu machen. Er arbeitete an Filmprojekten mit Robert Nelson und William Allen, die unspektakuläre Abläufe wie zum Beispiel das Fangen eines Fischs zum Thema haben.

1966 schloss er das Studium mit einem Master of Fine Arts ab und zog nach San Francisco, wo er sich ein Atelier in einem ehemaligen Laden nahm und in Teilzeit am San Francisco Art Institute Zeichnen unterrichtete. Er hatte seine erste Einzelausstellung in der Nicholas Wilder Gallery in Los Angeles, wo er so seltsame skulpturale Objekte wie Device to Hold a Box in a Slight Angle (Vorrichtung, um eine Box in einem schrägen Winkel zu halten), oder Platform Made Up of the Space between Two Rectilinear Boxes on the Floor (Plattform, gemacht aus dem Raum zwischen zwei rechtwinkligen Kartons, die auf dem Boden stehen) zeigte. Er nahm

1966 an der New Yorker Ausstellung Eccentric Abstraction teil. Er las Beckett , Robbe-Grillet und beschäftigte sich mit Gestalttherapie. Er lernte Meredith Monk, Steve Reich, die Arbeiten von John Cage und Merce Cunningham kennen. 1968 ermöglichte ihm ein Stipendium einen Aufenthalt in New York, wo er mit Video Arbeiten beginnt. In Leo Castellis Galerie zeigte er die erste New Yorker Einzelausstellung, in der er die Kunstwelt unter anderem mit einem spiralförmigen Neonobjekt überraschte. Es verkündete den Satz: The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths (Der wahre Künstler hilft der Welt durch die Enthüllung mystischer Wahrheiten). Noch im selben Jahr reiste er nach Europa, zeigte in Düsseldorf bei Konrad Fischer die erste Einzelausstellung und war auf der vierten Dokumenta vertreten.

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