In dieser Ausgabe:
>> Man in the Middle - Menschenbilder
>> Haiku-Meister der amerikanischen Psyche
   >> Rosenquist: die Retrospektive
   >> Ein Interview mit James Rosenquist

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"In fantastischer Gesellschaft"

Was macht den Menschen aus? In der Kunsthalle Tübingen zeigt die Ausstellung Man in the Middle - Menschenbilder vom 13.9.-2.11.2003 künstlerische Menschenbilder des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung Deutsche Bank.

Im Herbst 1912 besuchten Constantin Brancusi, Marcel Duchamp und Fernand Leger den Luftfahrtsalon im Pariser Grand Palais. Plötzlich sagte Duchamp zu Brancusi: "Die Malerei ist am Ende. Wer kann etwas Besseres machen als diese Propeller? Du etwa?" Angesichts all der neuen glänzenden Automobile, Flugzeuge, Maschinen – was konnte ein Künstler darauf antworten? Welche Bedeutung hatte überhaupt noch ein einzelner Mensch? Wie konnte er mit der Schönheit und Nützlichkeit der Apparate konkurrieren? Der Erste Weltkrieg, der zwei Jahre später ausbrach, sollte zeigen, dass die Apparate nicht nur schön, sondern auch tödlich waren.



Karl Hofer, Arbeitslose, 1932, Sammlung Deutsche Bank

Der Krieg konnte das Individuum nicht auslöschen, auch wenn für einen Maler wie George Grosz der Mensch nur noch als "kollektivistischer, fast mechanischer Begriff" denkbar war. Die fünf Arbeitslosen etwa in Karl Hofers gleichnamigem Bild mag ein ähnliches Schicksal verbinden. Doch sieht man genauer hin, fällt auf, dass jeder abwesend in eine andere Richtung starrt. Auch in der Gruppe ist jeder für sich allein – ein eigenes Individuum mit einem eigenen Schicksal und seinen eigenen Gedanken. Erich Heckel, der sich freiwillig zum Roten Kreuz gemeldet hatte, zeichnete beispielhaft für das einsame Sterben in der Masse einen einzelnen toten Soldaten in Flandern. Neben seinem Gesicht mit dem verzerrten Mund sieht man einen Fußabdruck - als sei jemand ohne anzuhalten an dem Toten vorbeigelaufen.

Oder man betrachte Max Pechsteins Große Mühlgrabenbrücke. Pechstein malte das Bild 1921 in dem Dorf Leba in Hinterpommern, wo er den Sommer verbrachte. Das Dorf liegt wie ausgestorben da. Nur ein einziger Mensch ist mitten auf der Landstraße zu sehen. Die Isoliertheit dieser Figur mag auch Pechsteins eigene Situation widerspiegeln. Als Mitglied der Brücke hatte er sich gegen den tradierten Malstil der Akademien gewandt. Doch schon 1912 trat er aus der Brücke wieder aus, weil er ihren Entschluss, nur noch gemeinsam auszustellen, als Einschränkung empfand. Nach einer Reise zu den Palau-Inseln (Südpazifik) und einem Jahr an der Front, gründete er 1918 zusammen mit Erich Mendelsohn und Rudolf Belling die Künstlervereinigung "Novembergruppe", die sich politisch zur Novemberrevolution bekannte und deren Impulse in den Bereich der Kunst übernehmen wollte. Aber auch hier trat er 1920 wieder aus. 1933 fand sich Pechstein erneut in einer "Gruppe" wieder: Er gehörte zu den vielen Künstlern, deren Bilder von den Nationalsozialisten verfemt wurden. 1937 wurden seine Werke, wie auch die von Schmidt-Rottluff, Kirchner, Beckmann und vielen anderen, in der Münchener Ausstellung Entartete Kunst verhöhnt.


Max Pechstein, Große Mühlgrabenbrücke - Leba/Hinterpommern, 1921
Sammlung Deutsche Bank

Der Bann traf auch Emil Nolde, obwohl er ein offener Befürworter der Nationalsozialisten war. Noldes humorvoll überzeichnete Frauenfiguren, wie er sie etwa in seiner Phantasie von 1931 mit spitzer Nase und formlosen Körpern gemalt hatte, wurden zum Anlass genommen, ihn des Rassenverfalls zu bezichtigen. 1933 wurde Nolde aus der Preußischen Akademie ausgeschlossen, 1941 erhielt er Malverbot.

Mit knapp hundert Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen und Fotografien aus der Sammlung Deutsche Bank dokumentiert die Ausstellung Man in the Middle - Menschenbilder, die zuvor schon in der Eremitage in St. Petersburg und der Neuen Weserburg in Bremen gezeigt wurde, das sich wandelnde Menschenbild von der Moderne bis in die unmittelbare Gegenwart. Die vielfältigen künstlerischen Positionen, die ab 13. September in der Kunsthalle Tübingen vorgestellt werden, eröffnen die Sicht auf eine Epoche, die wie keine andere gleichermaßen von kollektiven Visionen und dem Ringen um individuelle Selbstbestimmung geprägt ist. Nach der Ausstellung Landschaften eines Jahrhunderts, die seit 1999 durch Deutschland tourte und zuletzt 2002 in der South African National Gallery in Kapstadt zu sehen war, konzentriert sich jetzt Man in the Middle - Menschenbilder als thematische Ausstellung der Sammlung Deutsche Bank auf den künstlerischen Entwurf des Menschen im 20. Jahrhundert und den kulturellen Wandel, der sich in seinen unterschiedlichen Abbildern wiederspiegelt. Dabei setzt sie einen Schwerpunkt auf die klassische Moderne.



Otto Dix, Großstadt (Entwurf zu Großstadttriptychon), 1926,
©VG Bild-Kunst, Bonn 2002

Von den Vertretern des deutschen Expressionismus wie Ludwig Ernst Kirchner oder Max Beckmann, die mit ihrem formalen Bekenntnis zum Primitiven ursprüngliche existenzielle Werte einforderten, bis zu Cornelia Schleime, die ihr Selbstbild ironisch in ihre Stasiakten montierte und damit eine neue Reflexion der deutschen Geschichte einleitete:

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