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Die Presse zu Tom Sachs' Installation Nutsy's im Deutsche Guggenheim Berlin

McDonald's, Le Corbusier, Skulpturenpark und Rennautos – in Tom Sachs' Installation Nutsy's, die vom 24.7. bis 12.10.2003 im Deutsche Guggenheim Berlin zu sehen war, wurden die gewohnten Grenzen zwischen "High and Low" aufgehoben. Aber bot diese erste Einzelausstellung des amerikanischen Künstlers in Europa nur harmlosen Pop, oder steckte mehr dahinter?

"Modellbau, Krach, Autorennen: das ist mal wieder Jungskunst der Neunziger, klar. Aber immerhin eine, die die Welt mal nicht zerhaut, sondern zur Stiftung von Erkenntnis und guter Laune nachbaut", lobt Peter Richter in der FAZ am Sonntag . "Es ist ein Modell der Welt, die mit weißen Betonvillen in die Zukunft gestartet war und weitgehend unter dem Beton zugiger Autobahnzubringerbrücken gestrandet ist - angenehmerweise gesehen aus der Sicht des Autos und deshalb erfreulich unsentimental."

"Sachs ist ein großer Bastler vor dem Herrn - und seine Motivzitate sind zentrale Urbilder des auslaufenden modernen Zeitalters, die er mit Elementen der globalen Postmoderne konfrontiert", schreibt Johannes Wendland im Handelsblatt. "Während es bei der Moderne noch ernsthaft (erwachsen) zur Sache ging, dominiert inzwischen ausschließlich der (kindliche) Spieltrieb. Sachs selbst bevorzugt eindeutig Letzteren. Im Museum darf also gespielt werden. Sachs' Installation lebt, ist ein variabler Ort für Sonderveranstaltungen verschiedenster Art, darf durchwandert, bewundert - nicht aber mit bedeutungsschweren Interpretationen überfrachtet werden."

Im Tagesspiegel vergleicht Christina Tilmann Tom Sachs' "detailverliebte Hobbybastelei" mit den Modellarbeiten des Schweizer Künstlerduos Fischli & Weiss, der Installation Hell der Chapman-Brüder und den "farbenfrohen, phantasievollen Hochhausbauten aus Uhu-Schachteln und anderem Müll, die der afrikanische Künstler Bodys Isek Kingelez auf der letzten Documenta vorstellte. Hier wie dort herrscht ein ungebremster Basteltrieb, hier wie dort die Entscheidung, mit billigsten Materialien anspruchsvolle Bauten zu verwirklichen, hier wie dort postmoderne Zivilisationskritik. Die Improvisationsfähigkeit von Künstlern hinterfragt die Vorzeigeprodukte westlicher High-Tech-Architektur."

Auch Uta Goridis von der Berliner Morgenpost findet Tom Sachs' Installation alles andere als harmlos. "In der nach einem jamaikanischen Fahrradladen benannten Installation Nutsy's fahren ferngesteuerte Rennautos entweder durch ein unter Beschuss geratenes amerikanisches Ghetto oder durch einen mit Kunstwerken bestückten 'Moderne Park'. Auf diese Weise wird eine spielerische Verbindung zwischen zwei in unserem Bewusstsein existierenden Extremen hergestellt, Extreme, die unsere Welt und unseren Alltag bestimmen: auf der einen Seite das ästhetische, auf der anderen das wirtschaftliche Konzept." Tom Sachs, so Goridis, "macht Schluss mit der Betroffenheit, stattdessen konfrontiert er die kunstbeflissene Spaß-Gesellschaft mit einem intelligenten Mix, den es zu verdauen gilt, ein Mix, der sich (perfiderweise) als amüsante Spielerei präsentiert".

Der "leh." zeichnende Rezensent in der Berliner Zeitung sieht in Nutsy's die Stadtlandschaft "selbst als Produkt" dargestellt, an dem sich "die Stationen wie ein Andenken an die Auf- und Abschwünge der Konjunktur" ablesen lassen: "Illusion und Desillusion wechseln sich ab." Für Audrey Dejardin vom Neuen Deutschland bietet die Installation "eine Vision der kapitalistischen und sozialistischen, der europäischen und amerikanischen, der modernen und postmodernen Welten an". Mit einer Mischung aus "Revolte und Humor" wecke Tom Sachs unsere Kritiklust an den Konventionen der Konsumgesellschaft: "Dank der Maquetten, der Matchbox-Autos und ihrer Laufbahn, der Filme, der Videokameras, die die Besucher filmen, gelingt Nutsy's als eine Inszenierung der Verfremdung. Unsere Sitten und Bräuche als erfahrene Konsumenten scheinen plötzlich nicht mehr selbstverständlich zu sein."

In der Frankfurter Rundschau erklärt Ulrich Clewing, warum Tom Sachs' Installation weit "über das reine, leicht pubertäre große-Jungs-Vergnügen" hinausgeht: Sachs zeige in prototypischen Situationen die unterschiedlichen Bereiche des urbanen Alltags auf: "Handel und Unterhaltung, gesellschaftliche Repräsentation und Kriminalität, Anspruch und Wirklichkeit städtebaulicher Planungen". Vor allem letzteres findet Clewing interessant gelöst. Die Kombination von Corbusiers Villa Savoye und dem Drive-In McDonalds "mag zunächst platt erscheinen. Wenn man jedoch weiß, dass Le Corbusier als Maßeinheit für die Villa Savoye den Wendekreis eines damals gerade auf den Markt gebrachten Autos verwendete (des Citroen Traction), wird daraus ein feinsinniger Kommentar zur Tradition der Idee von der autogerechten Stadt: das Fast-Food-Restaurant als konsequente Weiterentwicklung der Klassischen Moderne." Es kommt nicht oft vor, freut sich Clewing, "dass Utopien aus den luftigen Höhen der Unverbindlichkeit so schön mit beiden Beinen auf den Boden der Tatsachen gestellt werden".

Anja Seeliger