In dieser Ausgabe:
>> Bruce Nauman und die Tänzerin
>> Pioniere der Videokunst
>> Bruce Nauman: Ein Porträt
>> Theater der Grausamkeit

>> Zum Archiv

 


Bruce Nauman
Pearl Masque, 1981
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Bei seinem ersten Besuch in Deutschland präsentierte er die Six Sound-Pieces , fragil unter anderem über Stuhllehnen und Bleistiftspitzen in den Raum gespannte Tonbandschlaufen mit unterschiedlichen Klang- und Alltagsgeräuschfolgen zu den sechs Wochentagen, an denen die Galerie geöffnet hatte. Damals reiste er mit Ideen und Konzepten an, denn Transportkosten waren nicht im Budget.

Er setzte die als Konzept schon existente Idee für den Abguss des leeren Raums unter einem Stuhl um, für die er in Fischers Dachwohnung in Düsseldorf ein geeignetes Möbel-Vorbild entdeckt hatte. Sie fand umgehend einen Abnehmer und wurde in Holland für einen Sammler nach der Zeichnung in Beton gegossen.  A Cast of the Space under My Chair ist eine der bezeichnendsten und einflussreichsten Arbeiten von Nauman und zugleich die praktische Übertragung eines Gedankens des von ihm hochgeschätzten Malers Willem De Kooning: Wenn man einen Stuhl malen will, sollte man den Raum zwischen seinen Teilen malen, nicht den Stuhl selbst.

Eine Art nachdenklicher Überraschung stellt sich ein, wenn man diesem unprätentiösen kleinen Koloss gegenübersteht. Das rechtwinklige Nichts mit seinen Ecken und Kanten erschließt sich erst über den Titel. Der Titel lehrt, das zu sehen, was nicht da ist. Dann aber wird es auf einmal spürbar: das Nichts bekommt Körper und Gewicht, was nicht der paradoxen Komik entbehrt.



Bruce Nauman mit seinen Katzen
Foto: Nauman Studio


Das Bild des untypisch-entspannt gelagerten Bruce Nauman mit Hauskatzen widerspricht ganz und gar einer treffenden Wendung, die auf seine Kunst einmal geprägt würde: Dass sie ein ungleich anderes Erlebnis herbeiführe, als sich im Lehnstuhl der Malerei, zum Beispiel eines Matisse, bequem niederzulassen. Nein, in Naumans Kunst riskiere man, auf den Kopf zu fallen. Was in der englischen Wendung noch auf Verletzung und durch Schock induzierte Überwachheit schließen lässt, verliert sich im Deutschen: Seine Kunst ist alles andere als "auf den Kopf gefallen". Dass er als der bedeutendste Gegenwartskünstler gilt, verdankt er einem vielfältigen, intelligenten und nie beliebigem Werk, das von Künstlern, Kennern und Anhängern mit Begeisterung aufgenommen und goutiert wird.

Wenn der bald zweiundsechzigjährige Künstler da im labyrinthisch vollgestellten Atelier die Beine ausstreckt, geht er einem seiner Rituale nach: dem ausgiebigen Lesen zwischen ausbleibenden Ideen, oder besser: Er entlässt sich in Ruhestrecken zwischen den sich einstellenden Ideen. Das Lesen erlaubt unterschwelliges Nachdenken, lenkt ab und hin zugleich.  Nabokov liest er seit den Sechzigern immer wieder, neben Beckett und Wittgenstein eine der ältesten Verbindungen.


Bruce Nauman
Untitled (draperies), 1965
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Die zurückgelehnte Szene lässt nicht sofort vermuten, dass es sich beim Porträtierten auch um einen "lesenden Cowboy" handelt. Das Atelier steht auf der Ranch inmitten des weiten Galisteo Basin, einer zwischen Bergketten ausgedehnten Senke in der Halbwüste New Mexicos, die in ihren weiten und sanft begrenzten Horizonten prähistorische Meere vorstellbar werden lässt. In der äußerst kargen und klimatisch harschen Umgebung arbeitet Nauman professionell mit Pferden und betreibt dazu eine halbe Tagesreise weiter auf einer abgelegenen Ranch mit Rancher-Kollegen Viehzucht.

Als Nauman vor etwa 25 Jahren aus der Bay Area um San Francisco, wo er studiert und gearbeitet hatte, in die Gegend kam, war das alles nicht geplant. Reiten lernte er erst Anfang vierzig. Sein Interesse für den Umgang mit Pferden, deren Erziehung und Ausbildung zu Reitpferden, erscheint auf dem Hintergrund seiner künstlerischen Arbeit nicht gänzlich abwegig: Reize, Reflexe und Reaktionen spielen insbesondere bei den körperbezogenen Arbeiten, die er seit Mitte der Sechziger Jahre entwickelt, eine Rolle. Zu Beginn seiner Laufbahn setzt er sich monoton anmutenden Übungen aus, springt, rollt oder geht im Atelier herum, und erarbeitet sich so ein hautnahes Bewusstsein für die subjektive und objektive Wirkung körperlicher Aktivitäten.



Bruce Nauman
Untitled (draperies), 1965
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003


[1] [2] [3]