In dieser Ausgabe:
>> Bruce Nauman und die Tänzerin
>> Pioniere der Videokunst
>> Bruce Nauman: Ein Porträt
>> Theater der Grausamkeit

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Schon bei seinen ersten Fiberglasskulpturen sind solche Körperbezüge zu erahnen. Wenn er in seinen Installationen den Betrachter zum Zentrum macht, so legt er präzise die Situation der machbaren Selbsterfahrung fest. Diese ist für ihn kein selbstbezüglich-emanzipatorisches Projekt, sondern ein Experiment mit konkreten Aktivitäten, eine systematische Durchmessung der den Körper umfangenden Räume, eine Auslotung der problematischen Antagonismen in unseren Konzeptionen von Körper und Geist. Alle raumbezogenen Arbeiten Naumans lassen sich auf den intensiven Bezug zur Körperwahrnehmung in ihrem Wechselspiel mit dem mentalen und psychischen Gegenpart zurückführen, ohne sich darauf reduzieren zu lassen. Das Nervensystem ist also ein zentraler Akteur im Gefüge, in das wir durch die Arbeiten Naumans gestellt sind. Das Nervensystem ist das verbindende, unhintergehbare Bindeglied, das den Betrachter mit dem Werk zusammenführt. Deutlich und bewusst wird es allerdings erst, wenn es in die Falle und in Konflikt mit den zugeführten Inhalten gerät.

Um Schönheit geht es ihm nicht, damit beliefert er sein Publikum nur über Umwege. Sein Werk verdankt sich nicht subtiler Weltbetrachtung, sondern vitaler Frustration, die er nun seit etwa vierzig Jahren unablässig produktiv macht. Damit hält er die Temperamente seines internationalen Publikums in Gang, vom cholerischen über das melancholische bis hin zum phlegmatischen. Aus all den Reizen, Provokationen und Erschütterungen, die er in uns hineintreibt, bildet sich allerdings nie ein überdrüssig-graues Einerlei heraus, sondern erstaunliche Zustände im Spektrum zwischen Klarheit und Berührung, die letztlich als eine kompliziert gewonnene Freude in Seele und Hirn hängen bleiben.

Dass nicht nur das Machen, sondern auch die Aufnahme von Kunst mit einem gewissen Maß von strukturierter Aktivität, also Arbeit, einhergeht, garantiert eine produktive Beziehung zwischen Werk und Betrachter. Das Werk hat bei Nauman seit langem schon die Grenzen der einseitigen Rezeption überschritten. Seine Kunst arbeitet mit uns, deshalb bekommen wir es mit ihm zu tun. Deshalb lässt sich auch das Konzept des Betrachters in den Konstellationen, die das Werk anbietet, nicht mehr aufrecht erhalten.



Lighted Center Piece, 1967-1968
Photo: David Heald
©VG Bild - Kunst, Bonn 2003 / 2004


Die Berliner Ausstellung zeigt einige der entscheidenden Werke für diese Neudefinition der Betrachterrolle durch Nauman. Das sind die Korridore, deren erster, der  Performance Corridor von 1969, als Aufbau für die Performance Walk with Contrapposto im Atelier entstand. Die Situation, die Nauman ursprünglich für sich konstruiert hat, wird für den Betrachter als Erfahrungsraum zugänglich. In weiteren Korridoren variiert und präzisiert Nauman seine Architekturen, um die spezifische Erfahrung, die sich darin ereignen kann, einzugrenzen: Er zieht zum Beispiel Spiegel hinzu, wie in der Corridor Installation with Mirror von 1970. Die zwei sich leicht verengenden Korridore führen auf eine durch einen Spiegel verstellte Spitze, an der sie zusammenlaufen. Wer sich hineinbewegt, erlebt irritiert die Beschränkung der Situation auf den eignen Körper, und wird an einem bestimmten Punkt von der Begegnung mit dem eignen Bild im Spiegel überrascht. Der Videocorridor for San Francisco stellt durch zwei Videokameras und zwei Monitore einen Gang ohne Wände her: Wenn der Besucher sich von hinten auf dem Bildschirm erkennt, und versucht, im angenommenen Gang zwischen Kamera und Monitor weiterzugehen, gerät er wieder aus dem Blickfeld der Kamera. Und je näher er dem Monitor kommt, desto kleiner wird sein Bild, bis es fast zu verschwinden droht.


Bruce Nauman
Untitled (Hands), 1991
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Das Bewegungsgefühl wird hier mehrstufig durcheinandergebracht. Mit seinem Vorwärts-, Rückwärts- oder Seitwärts-Treten ist der Betrachter, bevor er darüber nachdenkt, unfreiwillig in Paartanz mit der Kamera geraten.

Jeder Versuch, das Betrachten dennoch "rein" durchzuhalten, scheitert und perlt ab in Langeweile oder Ablehnung. Die Videos und Filme mit den repetetiven Abläufen wie Art Make-Up oder Walk with Contrapposto verändern sich beim Wahrnehmen, ihre lange Dauer ist Kondition, um an der Wahrnehmungsveränderung, die sie auslösen, teilzuhaben. Um teilzuhaben, gilt es, aus der distanzierenden Zuschauerattitüde hinüberzugleiten in den pathos-artigen, passiv-aufmerksamen Zustand, in dem Denken und Fühlen sich paradox verstricken. Das Werk ist immer um einen herum, man steht also mittendrin. Die Geburt eines neuen Konzepts des Zuschauers, für den es noch keine griffige Benennung gibt, da sich diese erst nach einer längerfristigen Gewöhnung ergibt, ist im Geist dieses Werks konkret geworden. Offenkundig aber sind die kunsthistorischen Synapsen, die es mit dem Theater der Antike und den umwälzenden Eingriffen von Künstlern wie zum Beispiel Beckett und  Artaud verbindet.

In der neuesten Arbeit von Nauman, die zuletzt in Köln zu sehen war, geht es um das Atelier. Nauman offeriert das reine Faktum seines Arbeitsraums, allerdings, wie gewohnt, nicht in minimalistischer oder spiritueller Leere, sondern ganz pragmatisch vollgestellt. Er hat eine Infrarotkamera aufgestellt und nimmt über mehrere Monate die nächtliche Szenen in dem zu diesem Zeitpunkt von ihm verlassenen Raum auf. Die daraus erwachsene Arbeit heißt: Mapping the Studio. Fat Chance John Cage (Bild).


Bruce Naumans Studio
Foto: Nauman Studio


Über weite Strecken passiert eigentlich nichts. Dann fegt eine Katze gelegentlich zwischen den Kisten und Stapeln auf der Mäusejagd hin- und her, und wird ebenso aufgezeichnet wie Motten, Insekten und Kojotengebell. Es gibt eine lange und eine kurze Version aus mehr oder weniger gerafften Zusammenschnitten. Die Arbeit zieht, unwillkürlich vielleicht, nach vierzig Jahren eine Art imaginären Kreisschluss und weist zurück auf das Atelier der sechziger Jahre, damals ein eher leerer Raum, in dem der Künstler seine Forschungen begann.

In die nächtlichen Aufzeichnungen graben sich die Spuren der Zeit in den Raum, in dem niemand da ist. Wenn wir außerhalb eines Raums sind, tragen wir doch ein Bild anderer Räume in uns. Im Raum zu sein, ist intensivste Präsenz und zugleich vergängliche Hülle der Erfahrung. Vielleicht bleiben auch deshalb die Abgüsse der Leerräume, dieser oft belanglosen Zwischenräume, so gut im Gedächtnis. Das "Abtasten" der beiläufigen Geschehnisse im unbewohnten Raum ist wie ein Blick ins All, wie eine Vorschau in die Räume, in denen wir gewesen sein werden. Denn das All ist der unbewohnte Raum per se. Nicht weniger bemerkenswerte, lächerliche oder peinliche Kollisionen ereignen sich dort, Zusammenstöße von Müll und/oder Materie, ferngesteuerte Jagden, Wettläufe auf abstrakter Basis.

In Naumans Arbeit sind die nächtlichen Atelier-Bilder rund um den Betrachter, in einem Wandpanorama angeordnet. Das schafft einen abgründigen Zwischenzustand. Die Projektionen sind ein Hautfilm des Raums, auf dem sich Gegenwart bildet, automatisch aufgenommen wie durch einen neutralen Camera-Obscura-Gott. Eine Zwischenwand für die Projektionen unseres Sehens, aber gleichzeitig eine doppelseitige Reproduktion des Nichts. Taucht er uns in die Dunkelheit des Ateliers?


Christine Hoffmann ist Kuratorin. Sie hat die Ausstellung Samuel Beckett - Bruce Nauman in der Kunsthalle Wien betreut und ist Herausgeberin des Bandes Bruce Nauman: Interviews 1967-1988 (1996). Einen Auszug aus einem Interview mit Nauman lesen Sie hier.


Bruce Nauman: Theatres of Experience ist vom 31.10. bis 18.1.2004 im Deutsche Guggenheim Berlin zu sehen. Neben der Ausstellung gibt es zahlreiche Sonderveranstaltungen.

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