In dieser Ausgabe:
>> Bruce Nauman und die Tänzerin
>> Pioniere der Videokunst
>> Bruce Nauman: Ein Porträt
>> Theater der Grausamkeit

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Voller Zukunft

Als 1967 die tragbare Videokamera in den Handel kam, erkannten Künstler wie Nam June Paik, Richard Serra, Vito Acconci und Bruce Nauman sofort die Möglichkeiten dieses neuen technischen Mediums: Mit dem Video konnten sie auf unkomplizierte Art realitätsbezogene Bilder erzeugen. Bruce Nauman weiterte die Bild- und Projektionsmöglichkeiten der Videotechnik auf ausgreifende Installationen aus, teils unter Einbezug von Objekt und Skulptur. Uwe M. Schneede beschreibt die Anfänge der Videokunst und erinnert sich an seine ersten Begegnungen mit dem amerikanischen Künstler.


Video Corridor for San Francisco (Come Piece), 1969, (92.4169)
Solomon R. Guggenheim Museum, New York, Panza Collection, Schenkung, 1992
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Als am Ende der sechziger und dann im Verlauf der siebziger Jahre die ersten Werke von Bruce Nauman in Europa auftauchten - etwa in Konrad Fischers Düsseldorfer Galerie -, stand man vor einem Rätsel. Jede einzelne Arbeit hatte etwas Einzigartiges, Beeindruckendes, Radikales, aber wie schlossen sich eine Skulptur aus Neonbuchstaben, eine Bodenarbeit aus Eisen, Wachsabdrücke von Knien, Pläne für Korridore, merkwürdige Latexgebilde an der Wand zu einem Ganzen zusammen? Sie hätten von verschiedenen Künstlern stammen können. Wo war das Zentrum oder die Richtung oder gar: der Autor, der Künstler? Dann wurden irgendwann die Videos bekannt, vertrackte Körperübungen des Künstlers im ansonsten leeren Raum. Worauf wollte das alles hinaus?

Nun muss man gleich hinzufügen: Vor einem Rätsel stand man damals eigentlich ständig, wenn man Avantgarde-Veranstaltungen der Zeit verfolgte, etwa die Präsentationen internationaler Galerien auf dem Kölner Kunstmarkt oder auf der Prospekt-Serie (seit 1968) in der Düsseldorfer Kunsthalle. Denn überall war Aufbruch und künstlerisches Neuland. Von Joseph Beuys ein in Filz eingenähter Flügel, von Mario Merz ein Iglu aus Lehm, von Daniel Buren Streifentapeten, von Reiner Ruthenbeck ein Aschenhaufen, von Walter De Maria ein Raum voll Erde, von Dieter Roth ein Gartenzwerg von Schokolade umhüllt, von Wolf Vostell ein einbetoniertes Auto - mit Kunst im herkömmlichen Sinn hatte das im ersten Moment alles nichts mehr zu tun. War aber höchst aufregend, auch ohne dass man bereits viel verstand.

Der "Ausstieg aus dem Bild", wie Laszlo Glozer es später nannte, war in vollem Gange. Eine fremde künstlerische Sprache des Materials wollte gelernt werden. Aufbruch und Neubeginn. Man wurde mitgerissen, wurde Teil des Abenteuers, und die Neugierde wuchs von Mal zu Mal.

In dem einen oder anderen Fall half einem zum Verständnis die Präsenz des Künstlers. So erschloss sich bei Beuys das Einzelne ein wenig durch seine Auftritte, in den sechziger Jahren bei den beeindruckenden Aktionen ebenso wie in den siebziger Jahren bei den öffentlichen Reden. Aber Bruce Nauman, eine Generation jünger als Beuys, blieb als Person stets fern, half nicht weiter. Einmal, zwei Jahrzehnte später, bin ich ihm begegnet, und er erschien mir genau so zurückhaltend, ja scheu, wie er oft beschrieben worden ist. Ein stiller, sympathischer Amerikaner aus dem Südwesten im Outfit eines Ranchers - und dann dieses große, oft aggressive, auch groteske, jedenfalls radikale Werk! Noch ein Rätsel mehr.


Lighted Center Piece, 1967-68, (92.4161)
Solomon R. Guggenheim Museum, New York, Panza Collection
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Heute, da wir einen Überblick über Naumans Werk und über die benachbarten künstlerischen Entwicklungen haben, wissen wir etwas mehr. Als einmal Ende der neunziger Jahre Ausstellungskuratoren und Direktoren zeitgenössischer Museen aus aller Welt zusammensaßen und über die Künstler des 21. Jahrhunderts nachdachten, waren sie in vielem uneinig, aber in einem doch ganz und gar eins, die älteren wie die jüngeren: Der Künstler des beginnenden Jahrhunderts sei Bruce Nauman.

Warum? Weil er seit den sechziger Jahren - und seitdem immer wieder neu - unsere Zeit und ihre Probleme wie kein zweiter treffe, und zwar durch das dauernde Experiment mit Formen, Medien, Gedanken und Gefühlen auf eine oft frappierend einfache, aber auch bewusst kunstlose Art, ohne Umwege. Dennoch sei dieses Werk noch längst nicht ausgelotet und noch immer voller Zukunft.

Wenngleich sich Bruce Nauman in allen bildnerischen Gattungen - außer der Malerei - bewegt, ist doch ein Medium von ihm benutzt und schließlich geprägt worden wie von keinem anderen: das Videobild auf dem Monitor und später, in den neunziger Jahren, als die technischen Voraussetzungen dafür gegeben waren, die Videoprojektion sowie deren komplexe, raumfüllende Ableitung, die Videoinstallation.

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