In dieser Ausgabe:
>> Francis Bacon: ein Porträt
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Auch wenn er sich von der Vorlage alter Meister inspirieren ließ, legte Bacon, der übrigens ausschließlich in Öl malte, keinen Wert darauf, die Originale gesehen zu haben. Reproduktionen genügten ihm auch hier. Bacons Auseinandersetzung mit großen Meistern der Vergangenheit sind berühmt. Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien stellt seine Werke erstmals im Kontext der Bildtradition aus.

Obwohl er ein Erneuerer der Tradition der europäischen Malerei zu sein schien, bediente er sich nur sehr selektiv aus ihrem Fundus. Manche seiner Arbeiten haben direkte Bezüge zu denen anderer Künstler: Bacon liebte den frühen Van Gogh, dessen Painter on the Road to Tarascon er als Vorbild für eines seiner eigenen Gemälde ( Study for Portrait of Van Gogh I, 1956) nahm.



Francis Bacon: Study for a Portrait of Pope, 1989
Sammlung Deutsche Bank. © The Estate of Francis Bacon / VG Bild Kunst Bonn 2003


Sein Porträt von Papst Innocent X (Study for a Portrait of Pope, 1989, Lithographie auf Papier, Sammlung Deutsche Bank) entstand nach einem Vorbild von Velazquez. Er schätzte aus unterschiedlichen Gründen so unterschiedliche Künstler wie Courbet, Ingres und Duchamps . Manchmal aber interessierte er sich auch nur für Einzelaspekte, so für die Darstellung von Körpern im Raum bei Degas; die Art, wie Velazquez Haare malte und Seurat Gras; oder die Bewegung, in der Constable das Pferd in The Leaping Horse festhielt. "Die großen Porträts der Vergangenheit haben für mich immer ein Seiten-Bild neben dem direkten Bild. Jedes Bild wirft seinen Schatten in die Vergangenheit, und ich könnte mich nie von den großen europäischen Bildern der Vergangenheit lossagen", sagte er über sein Verhältnis zur Tradition.

Bei seinen Rückgriffen auf die Kunstgeschichte war die Darstellung von Päpsten nach der Vorlage alter Meister ein langjähriges Lieblingsthema (so etwa Study after Velazquez's Portrait of Pope Innocent X von 1953, eine Serie von sechs Päpsten 1963, und Study for a Portrait of Pope , 1989, Lithographie auf Papier, Sammlung Deutsche Bank): der historische Papst als mächtigster Mann seiner Zeit, war doppeldeutig als Inbegriff einer – heute nicht mehr vorhandenen – Macht in Bacons Bildern zu lesen, aber auch als Träger einer Robe, die heute zugleich als Verkleidung und Maske gelesen werden kann. (Bacons Papst-Porträts finden Sie hier.)


Francis Bacon :
Study after Velázquez's Portrait of Pope Innocent X
(Studie nach Velázquez' Portrait Papst Innozenz` X.),
1953
Des Moines, Iowa, Des Moines Art Center,
erworben durch den Coffin Fine Arts Trust,
Nathan Emory Coffin Collection of

the Des Moines Art Center, 1980
©The Estate of Francis Bacon / VBK, Wien, 2003


Neben der bildenden Kunst und Fotografie gehörten auch Dichtung und Film zu Bacons Inspirationsquellen. Er war beeindruckt von den Sowjetfilmen der zwanziger Jahre, besonders von Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin, auf den Study for the Nurse in Battleship Potemkin (1957) zurückgeht: Es zeigt eine Frau mit einem weit - wie zur Formulierung eines "O" - aufgerissenen Mund. Nach seiner Lektüre von T.S. Eliots The Waste Land entstand Painting 102 (1978), das ein Zitat des Texts direkt ins Bild übersetzt. Bacons Gemälde zeigt einen Mann, der eine Tür mit den Zehen auf- oder zuschließen will. Bacon war fasziniert von der Unterstützung, die T.S. Eliot beim Schreiben und Redigieren von The Waste Land ( audio) durch seinen Schriftstellerkollegen Ezra Pound erhielt. (Er selbst, der nie einer Künstlergruppe oder Kunstströmung angehörte, hatte sich einen solchen Kollegen vergeblich gewünscht. Seine Freundschaften zu Lucian Freud, Richard Hamilton und Frank Auerbach und auch sein Kontakt zu Picasso konnten diesen Wunsch nicht befriedigen.)

Neben allen Anregungen aus der europäischen Malerei, Literatur, Fotografie, aus Zeitungen, Büchern und Magazinen gehörte immer ein visionäres Element zu Bacons Inspirationen. Er ließ auf sich wirken, was andere nicht sahen, blieb empfänglich für Tagträume, Eingebungen, Intuitionen. "Wenn die Menschen nur frei genug wären, alles in sich aufzunehmen, könnte Außergewöhnliches dabei herauskommen", sagte er einmal und trat dafür selbst den Beweis an.

Marion Löhndorf lebt als freie Autorin in London.

Francis Bacon und die Bildtradition. Vom 15.Oktober 2003 bis 18. Januar 2004 im Kunsthistorischen Museum in Wien.

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