In dieser Ausgabe:
>> Francis Bacon: ein Porträt
>> Bauhaus Künstler in der Sammlung Deutsche Bank

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"Ich will absolut keine Freaks malen"

Francis Bacon (1909-1992) zählt zu den bedeutendsten britischen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Zeit seines Lebens hat er sich mit Künstlern unterschiedlichster Epochen auseinandergesetzt - angefangen von alten Meistern der Renaissance bis zu seinen Zeitgenossen im 20. Jahrhundert. Mit Werken auf Papier ist er auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien zeigt Bacons Werk erstmals im Kontext der Bildtradition. Ein Porträt des Malers von Marion Löhndorf.

Mit großer Geste, in immer neuen künstlerischen Anläufen und in einem Oeuvre, das rund ein halbes Jahrhundert umspannt, setzte Francis Bacon den Schrecken in Szene. Schmerz, Verzweiflung, Gewalt und Einsamkeit waren seine immer wiederkehrenden Bildthemen: So jedenfalls wurden seine Ölgemälde von der Kritik gelesen. Bacons Figuren, oft den Mund weit zum Schrei geöffnet, scheinen unsichtbaren Katastrophen ausgeliefert zu sein. "Wir alle müssen uns der möglichen Katastrophe bewusst sein, die uns jeden Moment des Tages auflauert", sagte er einmal. Bacon fand, dass Humor und Cleverness in der Kunst keinen Platz haben. Dabei galt er selbst als ausgesprochen geistreich und witzig, genoss das Leben, und fühlte sich, wie er sagte, in der Gosse so wohl wie im Ritz. Er trank und spielte exzessiv und bot Anlass zu Anekdoten. Seine Karriere führte er geschickt, obwohl er behauptete, sich nicht dafür zu interessieren. Drei große Ausstellungen konsolidierten seinen Ruf als vielleicht größter Maler seiner Zeit: Die Londoner Tate Gallery ehrte ihn 1962 und 1985 mit zwei Retrospektiven, ebenso wie das Pariser Grand Palais 1971. Im April 1992 starb er im Alter von 82 Jahren dank des in den achtziger Jahren einsetzenden Booms auf dem Kunstmarkt als reicher Mann.



Schwarz-Weiß-Photographie von Francis Bacon
in der Reece Mews Nr. 7
Photo von Peter Stark, Frühe siebziger Jahre
©The Estate of Francis Bacon / VG Bild Kunst, Bonn 2003
Collection Dublin City Gallery The Hugh Lane


Als Francis Bacon am 28.Oktober 1909 in Dublin geboren wurde, deutete allerdings noch nichts auf seinen künftigen Status als Ausnahmeerscheinung in der Kunstwelt. Interesse an der Malerei lag nicht in seiner Familie – der Vater war Pferdezüchter- und Trainer – und Francis Bacon genoss nie eine formale Schulausbildung, geschweige denn eine Ausbildung als Maler. Die englischstämmige Familie mit fünf Kindern zog häufig um, oft von Irland nach England und umgekehrt. Sie wechselten Häuser und Wohnorte und blieben in engem Kontakt zu einer weitläufigen, exzentrischen Verwandtschaft, die Bacon reiches Anschauungsmaterial zur Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen und Schwächen bot: ein Interesse, das ihm zeitlebens erhalten blieb und das er – wie er behauptete – über das Interesse an der Kunst stellte. (Ein Interview mit Francis Bacon von 1963 in der BBC.)

Der Vater, ein Abkömmling des elisabethanischen Namensvetters von Francis Bacon, war ein Spieler, diktatorisch, intolerant und in ständiger Geldnot. Als Bacon selbst sich seinem 16 Lebensjahr näherte, bestand sein Zukunftsplan aus "Nichtstun". Sein Freiheitsdrang, genährt durch die häufigen Umzüge seiner Familie, war groß. 1928 verbrachte er zwei prägende Monate in Berlin, das ihm wie eine Fortsetzung der Unabhängigkeit und Befreiung von Zwängen der englischen Etikette und Zurückhaltung, wie er sie in Irland erlebt hatte, erschien. Von Berlin aus ging er nach Paris, das ihn zu diesem Zeitpunkt seines Lebens wenig beeindruckte. Erst in späteren Jahren wurde die französische Hauptstadt so etwas wie eine zweite Heimat: nichts erschien ihm erstrebenswerter als in Paris ausgestellt zu werden.



Francis Bacon: Oedipus and the Sphinx after Ingres
(Oedipus und die Sphinx nach Ingres), 1983
Lissabon, The Berardo Collection - Sintra Museum of Modern Art
©The Estate of Francis Bacon/VBK, Wien, 2003 / VG Bild Kunst, Bonn 2003


Einen ersten Erfolg als Maler erlebte er, als eines seiner Bilder in Herbert Reads Buch Art Now reproduziert und von einem bedeutenden Sammler gekauft wurde. Nach diesem aussichtsreichen Beginn, den Bacon selbst allerdings als Fehlstart charakterisierte, hörte er wieder mit dem Malen auf. Die einzige Ausnahme bildeten drei Gemälde, die er 1937 zu einer Ausstellung beisteuerte. Er nahm Gelegenheitsjobs an und spielte. Am Krieg nahm er als Asthmatiker nicht teil. Erst 1944 begann er wieder mit der Malerei, und bemerkte schließlich, dass sie zu einer Obsession für ihn geworden war.

Im April 1945 stellte Bacon in einer Gruppenausstellung zum ersten Mal seit 1937 wieder neue Ölbilder vor. Die Arbeit, die den Grundstein zu seinem Ruhm legte, Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion (1944) zeigt drei Figuren, halb Mensch, halb Tier, halb Fabelwesen. Sie winden sich in verrenkten Positionen und sind augenlos; eine der Figuren ist bandagiert, zwei von ihnen scheinen zu schreien. Der Raum hinter ihnen ist mit geometrischen Linien angedeutet. Diese Schmerzenswesen fielen aus dem Kontext der Ausstellung, deren andere Objekte – darunter Werke von Henry Moore – dem Glauben an eine schnelle Rückkehr zur Normalität nach dem Krieg anzuhängen schienen. Sie fielen auch aus dem Kontext eines Zeitgeists, der sich in England in Kunst und Literatur mehr mit der Vergangenheit als mit der unmittelbaren Gegenwart, dem Krieg und dem Zustand des Landes nach dem Krieg, auseinander zu setzen schien.



Jean-Auguste-Dominique Ingres :
Oedipus und die Sphinx, ca. 1826
London, The National Gallery
©London, The National Gallery / VG Bild Kunst, Bonn 2003


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