In dieser Ausgabe:
>> Basel hat jetzt einen Strand:
die Art Basel logiert nun auch Miami

>> "Weg mit den Alpen,
freie Sicht aufs Mittelmeer"

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Der Versuch, mit Variationen eines geometrischen Themas zu einer intellektuellen Systematisierung des schöpferischen Prozesses und damit zu einer objektivierten, nicht länger der individuellen Handschrift eines Künstlers unterworfenen Formensprache zu gelangen, erweist sich auch in Max Bills umfangreichen Grafikzyklen. Ein frühes und besonders seltenes Beispiel stellt hier der in einem Kundenzimmer in Zürich ausgestellte Lithografie-Zyklus 15 variations sur un meme theme (1938) dar, wo Bill seine Abwandlungen des mathematischen Grundproblems der Spirale zu einem Kaleidoskop künstlerischer Inspiration werden lässt. Max Bills programmatischer Text Konkrete Gestaltung von 1936 hatte nicht nur ein theoretisches Fundament zu dieser gestalterischen Praxis gelegt, sondern auch den Namen der für die Entwicklung der Schweizer Nachkriegskunst bedeutenden  "Zürcher Schule der Konkreten" bereit gestellt.


Gottfried Honegger: Kreisbogen und Winkel 1-2-3-4, 1991,
Sammlung Deutsche Bank, © Gottfried Honegger

Die abstrakten Prinzipien in dieser "Konkreten Kunst", welche hinter den seriellen Variationen von Farb- und Formprogressionen standen, wirkten im Zürich der Nachkriegszeit stark nach, etwa in den Werken Gottfried Honeggers (*1917 Zürich). Doch noch in den neunziger Jahren scheint der in Zürich lebende  Markus Weggenmann (*1953 Singen/D) mit seinen bunten "Streifenbildern" auf die Erbschaft der "konkreten Kunst" zu reagieren. Seine unruhigen, irritierend bunten Farbstreifen setzen, nicht zuletzt durch ihre auffällig unregelmäßigen Ränder, eine koloristische Eigenwilligkeit an die Stelle der strengen Abwandlung einer mathematischen Regel.


Markus Weggenmann: Tribute to the Stripes, 1996,
Sammlung Deutsche Bank, © Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich/Markus Wegenmann

Ganz von der makellosen Glätte der "Konkreten" wenden sich auch jene Arbeiten auf Papier ab, welche seit den sechziger Jahren vermehrt die eigene, persönliche Befindlichkeit als Künstler zum Thema erhoben. Die den Kunstbetrieb aus ironischer Distanz kommentierenden oder gar parodierenden Werke von Jean Tinguely (1925 Freiburg i. Ue. - 1991 Bern) und  Markus Raetz (*1941 Büren a. d. Aare) wären etwa hier anzuführen, aber auch die verspielt-frechen Zeichnungen und Aquarelle von  Andre Thomkins (1930 Luzern - 1985 Berlin). Das Ensemble von Thomkins Arbeiten zeigt den Entwicklungsgang des mit Wort- und Bildwitz operierenden Exponenten dieser "kunst-anarchistischen" Richtung. Thomkins selbst bezeichnete sich als Retroworter, als einen spielerischen Menschen, der sich etwa in seinen Palindromen - Wortfolgen, die sowohl vor- als auch rückwärts gelesen werden können ( mehr) - des schmalen Grats zwischen Sinn und Unsinn innerhalb unseres Sprachsystems annahm. Seine Vorliebe für das Wortspiel ließ Thomkins sogar Wortmaschinen erfinden. Deren variable Schieber, wie zum Beispiel in wortflechten (1965), gaben Thomkins' mit Buchstaben jonglierendem Prozess der kreativen Findung stets neuer Kombinationen eine visuelle Form.


Markus Weggenmann: Tribute to the Stripes, 1996,
Sammlung Deutsche Bank, © Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich/Markus Wegenmann

Eine nationale Eigenständigkeit des schweizerischen Kunstschaffens kann in neuerer Zeit kaum mehr beobachtet werden. Im Gegenteil würde die erkennbare Dominanz einer bestimmten Richtung im Heimatland der Konkordanz und des Ausgleichs wohl sofort Misstrauen hervorrufen. Ein Phänomen wie die  Young British Artists - welche als homogene, auf eine schockartige Wirkung abzielende Gruppierung das Bild der britischen Kunst der neunziger Jahre fast exklusiv prägte - würde in der Schweiz bald der Vorwurf der einseitigen Begünstigung treffen. Weniger als unter einer eidgenössischen Perspektive positioniert sich die neuere Schweizer Kunst im internationalen Kontext, wie bereits ein kurzer Blick in den Katalog der Stipendien für schweizerische Künstler zeigt: Nicht in Genf oder sonstwo in der französischsprachigen Romandie, und auch nicht in Lugano stellen die Städte Bern und Zürich zwei Künstlern jährlich ein Atelier zur Verfügung, sondern im Kunstschmelztiegel New York. Die Stadt Luzern unterhält ein Künstleratelier in Chicago, die Stadt Zug eins in Berlin, und das Kunstkuratorium des Kantons Aargau schickt seine Stipendiaten nach Paris. Auch die Zuger Maschinenbaufirma  Landis & Gyr bietet schweizerischen Kulturschaffenden ihre fünf Wohn- und Arbeitshäuser in London an, während die schweizerische Kulturstiftung Pro Helvetia unter anderem sogar drei temporäre Studios in Kairo bereithält.


Andre Thomkins: backboard - bockbart, 1973,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Ein Künstler, der sich stets in diesem Spannungsfeld des grenzüberschreitenden Austauschs begriffen hat, ist der nach vielen Jahren in Frankreich heute wieder in Bern lebende  Balthasar Burkhard (*1944 Bern). Der Berner Künstler arbeitet vorwiegend im Medium der Fotografie, doch findet sich neben großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen auch eine der wenigen installativen Arbeiten Burkhards in der Lobby des Zürcher Sitzes der Deutschen Bank. Burkhard hat die mit Durchleuchtung betitelte Arbeit 1994 ausgeführt, und zwar als Gewinner eines beim Einzug der Deutschen Bank in ihr jetziges Gebäude ausgeschriebenen Kunst-am-Bau-Wettbewerbs. Sie besteht aus zehn raumhohen, semitransparenten Milchglaspanelen, welche hinter die sich zum belebten Zürcher Bahnhofquai hin öffnende Schaufensterfront der Eingangshalle montiert wurden. Analog zu Röntgenbilden sind sie in Reih und Glied aufgespannt, wobei in der Durchleuchtung des hell einströmenden Tageslichts einige in das Milchglas geätzte Wirbel- und Schneckenformen von monumentaler Größe sichtbar werden. Das Leuchtpult, auf dem sonst Röntgenbilder - aber auch Fotonegative - betrachtet werden, zeigt sich durch einen realen Leuchtraum ersetzt: Grüppchen von Passanten huschen auf dem Trottoir vor dem Schaufenster vorbei und schreiben sich, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, ähnlich schemenhaft wie die Fossilien in Burkhards "Röntgenbilder" ein.

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