In dieser Ausgabe:
>> Basel hat jetzt einen Strand:
die Art Basel logiert nun auch Miami

>> "Weg mit den Alpen,
freie Sicht aufs Mittelmeer"

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Balthasar Burkhard: Zebra, 1996, Sammlung Deutsche Bank, © Balthasar Burkhard

In einem Siebdruck, von dem ein Abzug heute an der gegenüberliegenden Lobbywand hängt, hat Burkhard auch vier jener klinischen  Aufnahmen von durchleuchteten Schnecken, die er in Vorbereitung dieses Kunst-am-Bau-Projekts angefertigt hatte, künstlerisch bearbeitet: In ihrer Einfärbung scheinen sie zunächst nur die medizinische Praxis des Kontrastmittels zu kommentieren, mit welchem ein bei einfachem Röntgen zunächst verborgener Organismus sichtbar gemacht wird. Da die Bilder jedoch in einem Quartett aus Magentarot, Cyanblau, Gelb und Schwarz angeordnet sind, präsentieren sie sich ebenso ironisch als vier Pseudo-Druckvorstufen zu einem Endbild, das so nie zusammengesetzt werden kann.


Martin Disler: Ohne Titel, 1982,
Sammlung Deutsche Bank

Einem betont unverfremdeten, individuellen Malgestus folgte hingegen der jung verstorbene Solothurner  Martin Disler (1949 Seewen - 1996 Genf). Seine ausdrucksstarken, oft dunklen Bildwelten dokumentieren den intensiven Bildfindungsprozess eines Künstlers, der seine impulsiv geschaffenen Malereien - in Öl, Aquarell, Tusche und Mischtechniken - als Etappen auf einer existentiellen "Reise ins Innere der Dinge" verstand. Mit seinen expressiven Werken betrat Disler schon früh das internationale Kunstparkett, und war bereits auf der Kasseler documenta 7 (1982) an der Seite der deutschen "Neuen Wilden" (Fetting, Immendorff, Lüpertz) zu sehen.


Martin Disler: Ohne Titel, aus "Endless modern licking of
crashing globe by black doggie time-bomb", 1981,
Sammlung Deutsche Bank

Im gleichen Kontext präsentierte auch die gleichaltrige  Miriam Cahn (*1949 Basel) ihre Arbeiten. Gleichsam konträr zu Dislers betont gestischer Malerei - deren scheinbar eruptive Wildheit ja seit Jackson Pollock als spezifisch männlicher Malduktus apostrophiert wurde - stellt Cahn ihre Beschäftigung mit dem Frauenbild und ihre Suche nach weiblichen Zeichen in den Vordergrund. In ihren schattenhaften Zeichnungen, die sie meist in schwarzer, mit den Fingern zerriebener Kreide ausführt, deuten sich archaische Mensch- und Tierwesen an. Mit einem "Körpergedächtnis", sagte die Künstlerin unlängst, arbeite sie, wenn sie "am Boden kauernd mit Händen und Augen im schwarzen Staub lese" - ein meditatives Vorgehen, das in dieser Konzentration nicht nur kulturell unverstellte, sondern auch verborgene oder verdrängte Energieströme für die Kunst zurückfordert. 


Silvia Bächli: Ohne Titel, 1993,
Sammlung Deutsche Bank, © Courtesy Barbara Gross Galerie, München

Silvia Bächli (*1956 Wettingen) bildet Gegenstände aus ihrer Umwelt ab, seien dies Ausschnitte von Straßenzügen oder auch Häuser und Palmen, bis hin zu Einrichtungsgegenständen im Hausinnern. Indem Bächli diese nur allzu vertrauten Dinge - oder noch schmerzlicher in den ebenfalls häufig von ihr aufgegriffenen menschlichen Extremitäten - stumpf beschneidet und zu Fragmenten reduziert, baut sich eine hohe Spannung auf: Die Beschränkung des Blicks auf nur einen Ausschnitt erzeugt eine umso stärkere Kraft im Ausdruck des Ganzen. Spannung mit ähnlich einfachen Mitteln erzeugt auch  Marianne Eigenheer (*1945 Luzern), die in einem Katalog 1987 schrieb: "Mit meinen einfachen Linien, die ich mir nicht zuerst 'absegnen' lassen muss, kann ich ohne Widerspruch das tun, was ich schon lange tun wollte. Ich versuche ganz einfach, Dinge wie Körpergefühle, Sehnsüchte, Bewegungen visuell in Erscheinung treten zu lassen." Es ist von geringem Nutzen, in Eigenheers goldgefassten, roten oder blauen Gebilden, die wie Scherenschnitte auf langen Papierbahnen luftig zu flottieren scheinen, nach konkreten Vorbildern oder gegenständlichen Motiven zu suchen. Hartnäckig behaupten Eigenheers bunte Gebilde ihren Charakter als engimatische Organismen, die sich souverän ihres Umfelds bemächtigen.


links: Sylvie Fleury: Vanity Case Nr. 1, 1995/2001,
rechts: Sylvie Fleury: Vanity Case Nr. 3, 1995/2001,
Sammlung Deutsche Bank,
©Courtesy Sprüth Philomene Magers, Köln - München

Diesen nach innen gewandten Ansätzen setzt  Sylvie Fleury (*1961 Genf) mit ihren Vanity Cases und Shopping Bags - beides Assemblagen von kosmetischen Luxusgütern und anderen Modeartikeln, die Fleury künstlerisch verfremdet - eine betont extra- und konsumorientierte Weiblichkeit entgegen. Mit der virtuosen Aneignung der oberflächlichen Design-Kultur betreibt die Genfer Künstlerin ein doppelbödiges Spiel in ihren Skulpturen und Fotografien: die Betrachter können sich über die hinter Fleurys Arbeiten sichtbar werdenden, kulturelle Kompetenz vermittelnden Werbestrategien der Luxusgüter-Branche mokieren, verfallen aber gleich wieder dem attraktivem Design-Luxus, den Fleurys Kunstwerke so virtuos kolportieren.

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