In dieser Ausgabe:
>> Basel hat jetzt einen Strand:
die Art Basel logiert nun auch Miami

>> "Weg mit den Alpen,
freie Sicht aufs Mittelmeer"

>> Zum Archiv

 


Fischli & Weiss: Ohne Titel, 1991, Sammlung Deutsche Bank, © courtesy Monika Sprüth Philomene Magers, Köln - München

Ein starkes Standbein der neueren Schweizer Kunst ist die von der Videotechnik beeinflusste Kunst. Zwei ihrer bewährtesten Exponenten vereinen sich im Künstler-Duo Peter Fischli & David Weiss (*1952, bzw. 1946, beide Zürich). Gut eidgenössische Gewissenhaftigkeit spricht aus den Foto- und Filmserien, in welchen  Fischli/Weiss ihr heimisches Lebens- und Arbeitsumfeld, aber auch ihre Ferien und andere Aufenthalte in der Fremde dokumentieren - in der Absicht, das wirklich Erhabene gerade im Banalen aufzuspüren. Der zwölfteilige C-Print Ohne Titel (1991) in der Sammlung der Deutschen Bank etwa wird zu einem Jahreskalender, der seine ungleichen Monatsmotive, die vom romantischen Sonnenuntergang am Palmenstrand hin zu saftig roten Äpfeln und einem jungen "Busi" (dt. Tigerkätzchen) reichen, kommentarlos nebeneinander stellt. In dieser zufällig wirkenden Konstellation entwickeln sich innere Bezüge, die in ihrer überaus bunten Aufreihung eine ironische Skala möglicher Regeln und Vorlieben vorführen, nach denen eine allgemein verbindliche Geschmacksnorm von "schönen Motiven" individuell angeeignet wird.


Pipilotti Rist: O Ewigkeit, du Donnerwort, 1999, Sammlung Deutsche Bank, © Courtesy Pipilotti Rist and Hauser & Wirth, Zürich London

Die Ironie ist auch der spitzeste Pfeil im Köcher der wohl berühmtesten schweizerischen Exponentin der Video- und Computerkunst, der St. Gallerin  Pipilotti Rist (*1962 Grabs). Legendär ist ihr Videofilm Ever is Over All (1997), in dem eine junge Frau (sie selbst) im Zeitlupentempo, doch höchst beschwingt eine Reihe von geparkten Autos entlang schlendert und mit größtem sinnlichen Genuss mit einem robusten Blütenstengel deren Scheiben einschlägt.

In neuerer Zeit hat sie, die als "directeur artistique" die nationale kulturelle Selbstdarstellung in einer auf später verschobenen schweizerischen Landesausstellung 2001 hätte gestalten sollen, vermehrt auch Stills aus ihren Videoarbeiten abgekoppelt. Stärker noch als ihre Videobänder hat sie diese "malerisch" nachträglich verfremdet. In diesen elektronisch erzeugten und manipulierten Bildern - zwei "Selbstporträts" hängen in der Deutschen Bank in Zürich - bilden horizontale "Störungsstreifen" eine weitere Irritation, so als ob man einem Videoband beim Schnellvorlauf zuschaue.


Pipilotti Rist: Zu deinem Tische treten wir, 1999, Sammlung Deutsche Bank, © Courtesy Pipilotti Rist and Hauser & Wirth, Zürich London

Reminiszenzen solcher Art zeigen auch die Faszination, welche das Medium Fernsehen, als das Herzstück einer zeitgenössischen Populärkultur, auf Pipilotti Rist so wie auf viele andere Künstler der Generation X ausübt.

Dieser Abbau von Berührungsängsten geht mit der künstlerischen Arbeit in den neuen Technologien einher. Die implizite Forderung nach einer Offenheit - die Jugendbewegung der achtziger Jahre stellte sie unter das flapsige Motto "Weg mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer" - ist mit Sicherheit das bezeichnendste Merkmal der heutigen Kunst in einer auch wirtschaftlich engmaschig mit der Welt vernetzten Schweiz. 

Andre Rogger ist Dozent an der Hochschule für Gestaltung & Kunst Luzern, und freier Mitarbeiter des Zürcher Tages-Anzeigers.

[1] [2] [3] [4]