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Chronist der Pose: Peter Holl

Als "wachgeküsste Art von Ready-Mades" bezeichnete der Wiener Standard die Bilder von Peter Holl. Die fotografischen Motive für seine Aquarelle findet der Künstler in Lifestyle-Magazinen und Werbebeilagen. In seinen Porträts arbeitet er häufig mit der Technik der überblendeten Doppelzeichnung: Er legt Zeitschriftenblätter über eine Lichtquelle. So verketten sich Vorder- und Hintergrund auf einer Bildebene, neue, überraschende Bildräume entstehen - das Gesicht der Vorlage wird bei Peter Holl zum Januskopf. Ein Porträt des Künstlers, dessen Arbeiten auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind, von Richard Rabensaat .


Peter Holl: Ohne Titel, 1997
Sammlung Deutsche Bank
©Courtesy Galerie Rainer Wehr, Stuttgart / Peter Holl


Männer und Frauen posieren in Gruppen. Manchmal birgt der Hintergrund die Andeutung einer Landschaft, oder der Künstler stellt seine Protagonisten in einen überdimensionalen, aus den Fugen geratenen Raum: Polizisten, Hausfrauen, Touristen an einer Uferböschung zeigt uns der 1971 in Heilbronn geborene Maler Peter Holl auf seinen frühen Bildern, meist frontal, selten in Bewegung. Häufig blicken uns die Dargestellten cool und unbeteiligt entgegen. Durch ihren direkten Blick aus dem Bild heraus, treten wir mit ihnen in ein Zwiegespräch. Dennoch bieten ihre aquarellierten Konturen letztlich keinen Halt, die Dargestellten lassen den Betrachter mit seinen Reflexionen allein, obwohl Kleidung und Haltung detailliert gezeichnet sind. Aber die vermeintliche Einzigartigkeit der gemalten Zeitgenossen löst sich auf beim Blick in ihre Gesichter. Sie verschwimmen ebenso wie die Falten der Jeans und Trainingshosen. Es scheint, als wolle Holl in seinen Bildern durch ein Verdampfen der überscharfen Konturen die darunter liegende Vagheit auseinander driftender Charakterstrukturen offen legen.


Peter Holl: Ohne Titel, 1998
Sammlung Deutsche Bank
©Courtesy Galerie Rainer Wehr, Stuttgart / Peter Holl


Dabei wirken die Abgebildeten nicht unbedingt freundlich. Holls Polizisten möchte man lieber nicht begegnen, und der Ballspieler könnte genau so gut eine Bombe in den Händen halten. Selbst auf den Bildern, auf denen Models in Blümchenkleid und Pyjama posieren, wirkt die Szenerie wie eingefroren, die Fröhlichkeit der jungen Mädchen wie erstarrt. So tauchen die namenlosen Schrecken der Gegenwart durch die Hintertür in den Bildern auf. Die alltäglichen Terrormeldungen der Nachrichten spiegeln sich in den Gesichtern, ohne dass Peter Holl sie explizit benennt.

Hier nähern sich seine Zeichnungen den Arbeiten von Marlene Dumas. Die Französin riss mit ihren Porträts den Models, deren Fotos als Grundlage der Zeichnung dienten, die Masken von den raffiniert geschminkten Gesichtern. Das ist zwar sicher nicht die Absicht von Peter Holl, dazu sind seine Blätter zu licht, zu fragil. Aber in seinen aquarellierten Porträts zeigt sich doch die Brüchigkeit postmoderner Persönlichkeitskonstruktionen.


Peter Holl: 12 Inch Lamps, 1999
Sammlung Deutsche Bank
©Courtesy Galerie Rainer Wehr, Stuttgart / Peter Holl


Dass Peter Holl gerade diese Maltechnik wählt, ist sicher kein Zufall. Denn bei der Aquarellmalerei ist das Blatt nicht lediglich Untergrund, sondern wird Teil der Darstellung. Dadurch erhalten die Zeichnungen eine lichte Atmosphäre, die in anderen Techniken ungleich schwerer zu erreichen ist. Holls Aquarelle sind dabei keine singuläre Erscheinung im aktuellen Realismus-Boom. Auch andere Künstler experimentieren mit den lange als altmodisch verpönten Wasserfarben. Erinnert sei hier nur an die Berliner Maler Martin Dammann, Kerstin Drechsel und Caro Suerkemper. Im Unterschied zu Dammann allerdings unternimmt Peter Holl keine Ausflüge in eine expressive Farbgebung. Eine Nähe zwischen Drechsel und Holl findet sich in beider Vorliebe fürs Stilleben. Diese manifestiert sich bei Holl in seinen Zeichnungen von Gläsern und Lampen.

Peter Holl, der an der Kunstakademie Stuttgart bei Moritz Baumgartl und Peter Chevalier studierte, malt jedoch nicht nur sorgsam austarierte Anordnungen, er bedient sich eines zeichnerischen Tricks. Während die Stillleben des mit mehreren Stipendien ausgezeichneten Malers sich um einen klar erkennbaren Mittelpunkt fokussieren, arbeitet er in seinen späteren, 2002 und 2003 gemalten Porträts mit der Technik der überblendeten Doppelzeichnung: Er legt Zeitschriftenblätter über eine Lichtquelle. So verketten sich Vorder- und Hintergrund auf einer Bildebene, neue, überraschende Bildräume entstehen. Weil Vorder- und Rückseite der Fotovorlage sich durchdringen, wird das gezeichnete Gesicht zum Januskopf, manchmal zum Zyklopen.



Peter Holl: Kythera, 2002
Sammlung Deutsche Bank
©Courtesy Galerie Rainer Wehr, Stuttgart / Peter Holl


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