In dieser Ausgabe:
>> Die Pierogi Flatfiles
>> Kunst auf allen Etagen
>> Der Stoff, aus dem Träume sind
>> Fotografie im Umbruch

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Kiki Smith, Sueno, 1992, Sammlung Deutsche Bank

Die ausgewählten Themen sollen den oft nicht einfachen Zugang zur modernen Kunst erleichtern. Viermal im Jahr finden über das Intranet der Deutschen Bank angekündigte Führungen durch die Sammlung statt, die so genannten "employee tours". Organisierte Ausstellungsbesuche werden auch für die Lobby Gallery während der Mittagspause und nach der Arbeitszeit angeboten. Oft ist man darum bemüht, beteiligte Künstler dafür einzuladen. Nach Absprache können Führungen auch für Kunden oder besondere Gästegruppen veranstaltet werden.


Juul Kraijer, Ohne Titel, 1997, Sammlung Deutsche Bank

Für das Kunstengagement und -verständnis der Deutschen Bank ist von Bedeutung, dass Kunst nicht nur als Teil der Innenarchitektur verstanden wird, als schöne Bilder an der Wand. Darüber hinaus kann die thematische Präsentation der Werke zu konzeptionellen Überlegungen sowie zur intellektuellen Auseinandersetzung einladen. Überall im Haus finden sich in den Warte- und Konferenzräumen Bücher und Informationen zu den vertretenen Künstlern. Von Andy Warhol bis Gerhard Richter, von Sol LeWitt und Richard Serra bis Dieter Roth. Kataloge von Ausstellungen, die von der Deutschen Bank gesponsert wurden - etwa 2001 Modern Art and America in der National Gallery of Art in Washington, DC sowie zahlreiche Ausstellungen der Deutsche Guggenheim Berlin - liegen ebenfalls aus.


Deutsche Bank New York, 2003

Früher als viele andere Unternehmen hat die Deutsche Bank internationale zeitgenössische Künstler zu sammeln begonnen und damit verschiedene Strömungen von Pop Art bis Minimalismus unterstützt. Auf das breitgefächerte Spektrum der Sammlung sind auch viele Angestellte stolz. "Viele von ihnen gehen nicht regelmäßig ins Museum. Wenn es aber vorkommt, dann berichten mir viele Mitarbeiter von Künstlern, die sie außerhalb des Hauses wieder entdeckt haben, weil unsere Sammlung sie seit langem repräsentiert. Es ist natürlich schön zu hören, dass wir so eine Wirkung haben", erzählt Christensen. Andere dagegen danken der Kunst aus ganz praktischen Gründen. Dem eindringlichen Blick einer Frau – porträtiert vom Fotografen Thomas Ruff im gewohnten close-up Großformat, Elke Benzenberg – verdankt es ein Angestellter nach eigenen Angaben, dass er in besonders anstrengenden Zeiten die Ruhe bewahrt. Liz Christensen selbst hat sich in ihrem eigenen Büro mit einem kleineren Foto des deutschen Megastars Andreas Gursky angefreundet, dessen Arbeiten vor kurzem das Museum of Modern Art in einer wichtigen Retrospektive feierte. Die Bedeutung der Sammlung Deutsche Bank ist den Museen weltweit bekannt, und oft werden Werke für Ausstellungen angefragt und verliehen. James Rosenquists großformatiges Mirage with Bedsheet Escape Ladder von 1975 wird bald den 28. Stock des Bankgebäudes verlassen und auf eine große Retrospektive des Künstlers geschickt. Ebenso heiß begehrt ist Lee Krasners Hauptwerk Untitled von 1953/54, eine nur zwei Jahre nach ihrer ersten Einzelausstellung in New York im Stile des Abstrakten Expressionismus entstandene Leinwand.

Zur Information ist neben jedem Kunstwerk im Haus der Deutschen Bank ein Etikett angebracht, das über Künstler, Werk, Medium und Entstehungsjahr informiert. Eben ist man dabei, sie gegen neue Kärtchen auszutauschen, die außerdem über Herkunftsland und Geburtsdatum des Künstlers aufklären.


Als corporate citizen und global player, den die Deutsche Bank mit ihrer weit verzweigten Unternehmensstruktur verkörpert, ist es wichtig, diesen weltweiten Anspruch auch in den ausgewählten Werken für die Sammlung zu reflektieren. Mit verstärkter Präsenz in Asien, Lateinamerika und Osteuropa gilt es auch, Künstlern und Künstlerinnen aus diesen Ländern entsprechend Tribut zu zollen. Fernab von jedem Quotendenken werden hierbei vor allem junge Künstler auf dem Weg nach oben unterstützt. Dazu zählen Nina Bovasso und Marc Brandenburg, Mel Chin, Jose Bedia und Ricardo Mazal – ein globales Crossover. Namen freilich, die zwar noch nicht denselben Wohlklang erzeugen mögen wie Ellsworth Kelly, Bruce Nauman, Keith Haring oder Jasper Johns, die allesamt gleichwertig in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind.

Roy Lichtenstein, The Couple, 1980, Sammlung Deutsche Bank Roy Lichtenstein, Student, 1980, Sammlung Deutsche Bank



Jasper Johns, After Holbein, 1993, Sammlung Deutsche Bank

Außerdem sollen die im Gebäude präsentierten Werke auch die Dynamik und Internationalität des Standorts New York als Kunst- und Finanzzentrum der Welt auffangen. Wie sich die Positionierung der Bank selber in den letzten Jahrzehnten verändert hat, so hat sich auch die beim Bilderwerb zugrunde liegende Strategie gewandelt. Zu Beginn des neuen Jahrtausends ist der Markt dezentralisiert und der Kunstbegriff erweitert. Die Stärke und das Credo der Sammlung aber bleibt es nach wie vor, deutsche und amerikanische Nachkriegs- und Gegenwartskünstler miteinander in einen kreativen Dialog zu setzen. Hier liest sich die Liste der vertretenen Kunstschaffenden wie ein Who's Who der bedeutendsten Macher und Wegbereiter. Neben den bereits erwähnten Künstlern fallen vor allem die im Executive Floor konzeptionell intelligent zueinander in Bezug gesetzte Bilder, Skulpturen und Fotografien von Roy Lichtenstein und Blinky Palermo, Günther Förg und Lawrence Weiner, Louise Nevelson und Irving Penn auf. Und bei den großzügig mit weiten Fenstern durchbrochenen Wänden ist der Blick auf die einzigartige Skyline New Yorks ein fester Bestandteil dieser außergewöhnlichen Kunstbetrachtung.


Louise Nevelson, Maquette for Sun Disc/Moon Shadow V,
1976-78, Sammlung Deutsche Bank


Im Trading Floor der Deutschen Bank hängt inmitten des geschäftigen Betriebs fuchtelnder Arme, lautstarker Kommunikation und flirrender Computerbildschirme ein Silkscreen von Neo Rauch, dem Leipziger Shooting Star unter den Malern. Akademie heißt das in leuchtendem Rot gehaltene Werk von 1997, fern jeder Ironie. Einen Treppenabsatz weiter oben, fast gestreng auf das Geschehen herabblickend, ein Diptychon der 1944 geborenen Künstlerin Katharina Sieverding. Der doppelte Screenprint des Gesichts einer sehr ansehnlichen jungen Frau, unterkühlter Blick inklusive, ist 1998 entstanden – ein Jahr nachdem die Wahlberlinerin Deutschland auf der Biennale von Venedig vertreten hatte. Es muss ernsthaft bezweifelt werden, dass es irgendwo sonst auf der Welt jenseits der Mauern der Deutschen Bank einen Trading Floor gibt, in dem international renommierte Kunst sich nicht als Screensaver, sondern zum Greifen nah derart vorteilhaft präsentiert. Und wenn die Bank in wenigen Monaten von Midtown Manhattan nach Downtown an die Wall Street umzieht, dann wird der Kunst neuer Raum zur Verfügung stehen.

Thomas Girst schreibt als freier Autor unter anderem für das NY Art Magazine und ist Manager des Art Science Research Laboratory in New York.

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