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Den Geheimnissen New Yorks auf der Spur: "Waterworks" in der Lobby Gallery


New Yorks Wassersystem ist in der Tat überwältigend: Täglich versorgt es über neun Millionen Menschen mit annähernd fünf Milliarden Liter Wasser. Der Fotograf Stanley Greenberg hat den Weg des Wassers in der Metropole dokumentiert. Oliver Koerner von Gustorf über Greenbergs Exkursionen, die auch kollektive Erinnerungen, Sehnsüchte und Ängste der Millionenstadt sichtbar machen.



Spillway, Pepacton Reservoir & Watering Facility, Tunnel No.2,
New York, Gelatin Silver Print, 1997
©Stanley Greenberg

Manchmal genügt ein Schritt ab vom Weg, um eine sonst nur beiläufig wahrgenommene Umgebung mit anderen Augen zu sehen. So begann für die Kuratorin Liz Christensen der erste Besuch in Stanley Greenbergs Atelier mit einer unerwarteten Entdeckungsreise – ganz einfach weil sie sich beim Verlassen des Fahrstuhls im Ausgang irrte: "Als ich den Weg durch das Labyrinth aus Gängen in diesem riesigen Gewerbehof im Brooklyner Bezirk DuMBo suchte, war es fast, als würde ich mich durch einen Bienenstock bewegen, durch ein unübersehbares Gewimmel aus Druckereiarbeitern, Maschinisten und Mechanikern, vorbei an einer Vielzahl unterschiedlicher Werkstätten und Hallen, aus denen Radiogeräusche plärrten, Rapmusik und Nachrichten in allen möglichen Sprachen.

Schließlich fand ich die Tür zu Stanleys Studio, den Zugang zu seinem Teil dieses Universums, aber kurz darauf wurde mir plötzlich bewusst, wie gut dieses Erlebnis zum Anlass passte. Mein Streifzug durch das Gebäude ließ etwas von dem anklingen, das auch Stanley mit seiner Arbeit verfolgt, seine Faszination von jenen Strukturen, die sich hinter den Dingen verbergen und die als fester Bestandteil zu den Abläufen des ganz gewöhnlichen Alltagslebens gehören."


Stilling Basin, Neversink Reservoir
New York, Gelatin Print 1999
©Stanley Greenberg

Die Pforten zu New Yorks Unterwelt finden sich hinter Backsteinfassaden von Pumpstationen, Schachteinstiegen von Großbaustellen oder unter spiegelnden Wasseroberfläche eines Stausees im Umland: Während die meisten Fotokünstler das Leben in der Millionenstadt dokumentieren, indem sie die Menschen, Gebäude oder bekannte architektonische Wahrzeichen festhalten, richtet Stanley Greenberg sein Augenmerk auf eher entlegene Motive.

Wie schon Vergil Dante durchs Totenreich geleitete, nimmt der New Yorker Fotograf den Betrachter an der Hand und führt ihn in eine Art urbanes Schattenland - zu Orten seiner Heimatstadt, die entweder verborgen unter der Erde liegen oder unserer Beobachtung entgehen, weil wir kein Verhältnis zu ihnen haben.

Es sind "Nicht-Orte", über deren architektonische Beschaffenheit sich kaum jemand Gedanken macht, und die unzugänglich für die Öffentlichkeit ihre Funktion ausüben: Stromwerke, unterirdische Tunnel, Maschinenhallen, Staudämme, Gräben, Kabelschächte, Gasanlagen. Als Bestandteil der städtischen Infrastruktur gehören sie zu einem gigantischen System, das die Metropole wie ein Adernetz durchzieht und mit lebensnotwendiger Energie ausstattet.


City Tunnel No. 3
New York, Gelatin Silver Print, 1998
©Stanley Greenberg

Nach Invisible New York – The Hidden Infrastructure of the City (1998) erschien soeben Greenbergs Fotobuch Waterworks: A Photographic Journey through New York’s hidden Water Systems . Die im aktuellen Band versammelten Arbeiten sind nun in der gleichnamigen Ausstellung in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York zu sehen. Als diesjähriger Stipendiat des von der New York Foundation of the Arts und der Deutschen Bank vergebenen Architecture and Environmental Structures Fellowship stellt der Künstler seinen Werkkomplex vor, der die Wasserversorgung New Yorks fokussiert.

Vordergründig bietet die versteckte Welt, die in gestochener Schärfe auf Greenbergs Schwarz-Weiß-Aufnahmen sichtbar wird, eine distanzierte Bestandsaufnahme urbaner Architektur. Sie lädt aber auch zu einer Reise durch jene großstädtischen Mythen und Legenden ein, die durch die technologischen Entwicklungen hervorgebracht wurden.


New Yorks Wassersystem ist in der Tat überwältigend: Täglich versorgt es über neun Millionen Menschen mit annähernd fünf Milliarden Liter (1.3 Billion Gallons) Wasser. Seine Aquädukte, Auffangbecken, Leitungen und Pumpstationen werden seit 1830 kontinuierlich ausgebaut, der jüngste Tunnelbau ist das weltweit größte städtische Bauvorhaben und wird nicht vor 2020 fertiggestellt sein.

Während Greenberg den Weg des Wassers von den Staudämmen und Seen auf dem offenen Land bis zu den Tunneln verfolgt, die sich über 250 Meter (800 feet) tief unter den Straßen Brooklyns oder Queens entlang ziehen, erscheinen die urbanen Wasserwelten zugleich in einem merkwürdig entrückten Licht. Menschenleer und verlassen zeugen sie zugleich von Fortschritt und Untergang, von gegenwärtigen Veränderungen und den vergessenen Hoffnungen vergangener Generationen.


Croton Dam
New York, Gelatin Silver Print, 1999
© Stanley Greenberg

Zwischen der Entstehung der einzelnen in Waterworks dokumentierten Bauwerke liegt weit mehr als ein Jahrhundert. Dennoch ähneln sich auf Greenbergs Bildern die Strukturen von zeitgenössischen Baustellen und dem Verfall ausgesetzten Anlagen auf verblüffende Weise. Auch wenn formale Bezüge zu O. Winston Links (mehr hier) Aufnahmen der letzten amerikanischen Dampfeisenbahnen oder den kühlen Architekturfotografien der deutschen Fotografen Bernd und Hilla Becher deutlich erkennbar sind, entwickelt Greenberg seine eigene subtile Ästhetik.

Das unterirdische New York lässt trotz der distanzierten Präzision seiner Kamera auch an das romantisch-düstere Film-Szenario von Gotham City denken, dessen verlassene Kanalisation in Tim Burtons Batman Returns (1993) von den Kreaturen des rachsüchtigen "Pinguin" bevölkert wird.


Es mag kein Zufall sein, dass die Gewölbe des Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts errichteten Croton Dammes wie das Innere einer dämmerigen Kathedrale erscheinen, und die monumentalen Stahlträger des noch für die nächsten Jahrzehnte im Bau befindlichen City Tunnels No. 3 an das Innere eines archaisch-technologischen Bauwerkes erinnern, das einem phantastischen Film entstammen könnte.

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