In dieser Ausgabe:
>> Candida Höfer: Die Realität des Funktionalen
>> Tobias Rehberger
   >> Tobias Rehberger: Großer Akt in Schneelandschaft
   >> Tobias Rehberger: Fotodokumentation

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Die Realität des Funktionalen:
Candida Höfers fotografische Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank

Museum für Völkerkunde
Dresden I, 1999
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank
Museum für Völkerkunde
Dresden II, 1999
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank

Neben Martin Kippenberger, dem ein großer Magazinbeitrag in der letzten Ausgabe von db-art.info gewidmet war, vertritt Candida Höfer die deutsche Kunst auf der diesjährigen Biennale in Venedig. Im Schirmer/Mosel Verlag erschien soeben der opulente Band: Candida Höfer- Monographie. Maria Morais stellt die Arbeiten der prominentesten deutschen Fotografin aus der Sammlung Deutsche Bank vor.

1931 stellte Bertolt Brecht den Wert der Ablichtung von Wirklichkeit mit folgender Überlegung in Frage: "Die Lage wird dadurch kompliziert, dass weniger denn je eine einfache Wiedergabe der Realität etwas über Realität aussagt. Eine Fotografie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in das Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus. Es ist also tatsächlich etwas aufzubauen, etwas 'Künstliches', 'Gestaltetes'. Es ist also ebenso tatsächlich Kunst nötig."


Rückblickend erscheint Brechts Feststellung zur Rolle der Kunst in der Fotografie wie ein Diktum, das den Arbeiten Bernd und Hilla Bechers vorangestellt werden könnte. Ihre von jeglicher Expressivität und fotografischer Selbstdarstellung befreiten seriellen Dokumentationen von Industrie- und Siedlungsgebäuden wurden zum Ausgangspunkt einer neuen Künstlergeneration in Deutschland, die sich der Fotografie als künstlerisches Medium verschrieben hatte. Zu den bedeutendsten Vertreterinnen dieser Fotografie-Schule zählt Candida Höfer - eine Becher-Schülerin der ersten Stunde: Bereits 1976, Bernd Becher war an der Düsseldorfer Kunstakademie gerade die erste Professur für Fotografie in Deutschland verliehen worden, bewarb sich die damals 32-jährige, die zuvor als Werbefotografin gearbeitet hatte, um eine Aufnahme in die Klasse.

Türken in Deutschland, Rudolfplatz Köln, 1975
Sammlung Deutsche Bank

Vorgestellt hatte sie sich mit ihrer 1972 in Köln begonnenen großen Foto-Serie über das Leben von türkischen Gastarbeitern in Deutschland. In diesem erst 1979 abgeschlossenen Zyklus manifestiert sich bereits ihr großes fotografisches Thema, das auch für alle nachfolgenden Arbeiten bestimmend bleibt: Die Diskrepanz zwischen dem Fremden und dem Vertrauten, der Anonymität und Individualität des aufgenommenen Motivs.

Im Gegensatz zu den Bechers, die für ihre Architektur-Fotografien schon früh den Begriff "Anonyme Skulpturen" verwendeten und damit eine Neudefinition der öffentlichen Skulptur anvisierten, wandten sich ihre Schüler, zu denen neben Candida Höfer auch Andreas Gursky, Axel Hütte, Thomas Ruff und Thomas Struth zählen, architektonischen Situationen zu. Ausgehend von der Idee, dass diese Räume die Verfassung der Öffentlichkeit prägen und von ihr geprägt sind, zielen ihre Aufnahmen von Architekturräumen darauf, die Bedingungen des öffentlichen Bewusstseins sowie kollektive Befindlichkeiten aufzunehmen und in der Art eines Archivs verfügbar zu machen.


Festspielhaus Recklinghausen I, 1997
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank

So ähneln Höfers fotografierte Räume zuweilen archäologischen Bestandsaufnahmen, in denen der Betrachter vermeintliche Spuren einer kollektiven Verfassung auszumachen meint. Es ist wohl nicht zuletzt dieser Aspekt des "Sichtbarmachen-Wollens", des im Bekannten verborgenen Fremden, der auch für die Sammlung Deutsche Bank zum entscheidenden Kriterium für den Ankauf von Höfer-Arbeiten wurde. Seit 1990 stellt die Bank kontinuierlich einen repräsentativen Querschnitt des Werkes der Fotografin zusammen. Sinnbildlich und fast schon als Reflexion auf das eigene Selbstverständnis als Institution ließe sich dabei auch die in der Sammlung befindliche Arbeit Bank Oldenburg I von 1998 verstehen. Ist der so klare und scheinbar leere Tresorraum doch in Wahrheit ein Container unzähliger kleiner Fächer, die mit den in ihnen verschlossenen Wertgegenständen zugleich die Wünsche, Hoffnungen und Ängste ihrer Besitzer zu hüten scheinen.


Bank Oldenburg I, 1998
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank

Candida Höfers ( Interview mit Christiane Hoffmans für die Welt am Sonntag) Aufzeichnungen zielen nicht auf das serielle Prinzip der Variation. Vielmehr sucht sie in ihren Einzelaufnahmen Motive, die sich gegenseitig erklären und kommentieren, um beim Betrachter ein Reflektieren des Abgebildeten zu provozieren. Nicht nur persönliche Erfahrung prägt die Bilder der Künstlerin an dieser Stelle, sondern eine nach wissenschaftlichen Prinzipien geleitete Untersuchung des gewählten Motivs.

Ihre Fotografien öffentlich zugänglicher Innenräume, mit denen sie sich seit den achtziger Jahren beschäftigt, sind fast immer menschenleer. Konzert- und Hörsäle, Bibliotheken, Cafés, Sporthallen, Museen, Foyers und Wartesäle werden von Höfer bewusst aus Augenhöhe fotografiert: Der Standpunkt im Bild bleibt nachvollziehbar. Formal legt sie sich jedoch auf keine Perspektive fest, gerne variiert Höfer die Ausschnitte oder lässt auch diagonale Raumaufnahmen zu. Die scheinbar beiläufig ausgewählten Motive spiegeln deutlich das Interesse der Künstlerin an artifiziellen Situationen wieder. Einmal mehr treffen in ihren Innenaufnahmen verschiedene Welten aufeinander, die Reibung erzeugen: In den von ihr fotografierten Räumen mischt sich die Alltagskultur unter die Hochkultur.


Bibliothèque Nationale de France, Paris XIII
1998
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank
Bibliothèque Nationale de France, Paris XVIII
1998
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank

"Für mich ist es schon sehr wichtig, dass ich konstant beim Thema bleibe", kommentierte Candida Höfer 1996 in einem Interview mit Gerda Breuer die Kontinuität ihrer Arbeitsweise. Auch die zunächst ungewöhnlich erscheinende Serie der Zoologischen Gärten ist eine Weiterführung der Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Fremden im Vertrauten, das hier allerdings in der Gegenüberstellung von künstlichem Artefakt (Architektur) und Natur einer Betrachtung unterzogen wird.

Zoologischer Garten Amsterdam III, 1993
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Deutsche Bank Collection
Zoologischer Garten Stuttgart I, 1993
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Deutsche Bank Collection


Stehen die Innen- und Außenräume der früheren Arbeiten Höfers trotz der Abwesenheit des Menschen dennoch im Einklang zur menschlichen Atmosphäre, die sie erfüllt, so führen die Zooaufnahmen das genaue Gegenteil vor. Die moderne und für den Besucher inszenierte Architektur der Zoologischen Gärten erscheint hier in dem Maße funktionslos und deplaziert, wie die Tiere regungslos, denaturiert und entfremdet wirken. Das Thema des Raumes wird so um eine weitere Facette erweitert: Im Zoologischen Garten bewegen sich die Besucher und die Tiere in einem gemeinsamen Gehege, das sowohl ein Innen wie ein Außen beschreibt. Doch die Gegensätze, die hier vereint werden, erzeugen Unruhe. Die auf reine Schauobjekte reduzierten Tiere kontrastieren mit den Würdeformen der landschaftlichen und architektonischen Inszenierung.



Zoologischer Garten Stuttgart I, 1993
©VG Bild Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank

Auf dem ersten Blick mögen die Fotografien Candida Höfers mit ihrer vordergründigen Beiläufigkeit den Betrachter täuschen. Dann aber treten Brüche zutage, die den besonderen Blickwinkel der Künstlerin offenbaren. "Es kommt mir nicht darauf an, den Raum möglichst nah an der Wirklichkeit zu zeigen", sagt Höfer. Ihre Sicht auf die Wirklichkeit verzichtet auf den Effekt, auf die Interpretation, sie ist jedoch niemals gleichgültig. Ihre Wiedergabe der Realität zielt auf das offensichtlich Verborgene, auf die Entfremdung, die sich im scheinbar Funktionalen verbirgt.


Publikationen:
Candida Höfer – Monographie, mit einem Text von Michael Krüger, Schirmer / Mosel, München 2003.
Katalog Candida Höfer – Zoologische Gärten, Hamburger Kunsthalle/ Kunsthalle Bern, Schirmer / Mosel, München 1993.