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"In fantastischer Gesellschaft"

Was macht den Menschen aus? Im Neuen Museum Weserburg Bremen zeigt Die Ausstellung
Blick aufs Ich bis zum 15. Juni künstlerische Menschenbilder des 20. Jahrhunderts.

Mit achtzig Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen und Fotografien aus der Sammlung Deutsche Bank dokumentiert Blick aufs Ich das sich wandelnde Menschenbild von der Moderne bis in die unmittelbare Gegenwart. Die vielfältigen künstlerischen Positionen, die im Neuen Museum Weserburg in Bremen vorgestellt werden, eröffnen die Sicht auf eine Epoche, die wie keine andere gleichermaßen von kollektiven Visionen und dem Ringen um individuelle Selbstbestimmung geprägt ist. Nach der Ausstellung Landschaften eines Jahrhunderts, die seit 1999 durch Deutschland tourte und zuletzt 2002 in der South African National Gallery in Kapstadt zu sehen war, konzentriert sich jetzt Blick aufs Ich als thematische Ausstellung der Sammlung Deutsche Bank auf den künstlerischen Entwurf des Menschen im 20. Jahrhundert und den kulturellen Wandel, der sich in seinen unterschiedlichen Abbildern wiederspiegelt.


Otto Dix, Großstadt (Entwurf zu Großstadttriptychon), 1926
© VG Bild-Kunst, Bonn 2002

Von den Vertretern des deutschen Expressionismus wie Ludwig Ernst Kirchner oder Max Beckmann, die mit ihrem formalen Bekenntnis zum Primitiven ursprüngliche existenzielle Werte einforderten, bis zu den Autogrammkarten von Superstars, die der Amerikaner Richard Prince unter dem Motto "all the best"


Richard Prince, Courtney Love, Fred Savage, Keanu Reeves (all the best), 2000
© Galerie Jablonka, Köln

als coole Devotionalien des Medienzeitalters reproduziert: Die künstlerischen Umbrüche, welche Blick aufs Ich über den Verlauf eines Jahrhunderts markiert, machen den Zwiespalt deutlich, der sich in jedem Abbild des Menschen verkörpert. So sehr wir uns auch bemühen, in immer wieder neuen Entwürfen von uns selbst das Gemeinsame zu suchen und zu formulieren, so fragwürdig erscheint es, ob dieser Versuch tatsächlich eine gültige Definition des Menschlichen hervorbringt.

Chris Ofili, Untitled, 2000
©Victoria Miro Gallery, London

Sammlung Deutsche Bank
Chris Ofili, Untitled, 2000
©Victoria Miro Gallery, London

Sammlung Deutsche Bank


War für das von Mechanisierung bestimmte 20. Jahrhundert das konzentrische Modell des Atoms das Symbol für den Fortschritt, wird dieses im digitalen Zeitalter vom Symbol des Netzes abgelöst, welches kein eindeutiges Zentrum mehr erkennen lässt. Die Suche nach identitätsstiftenden Werten in Kultur, Wirtschaft und Politik, nach einer authentischen "Mitte" des Menschen innerhalb der ihn umgebenden Gesellschaft, ist angesichts der Auswirkungen der Globalisierung offenbar mehr denn je von Unsicherheit begleitet. Während sich Kommunikation und Handel zunehmend in den virtuellen Raum verlagern und die Bindung an fixe Orte, Zeitzonen und persönliche Begegnungen zunehmend überflüssig machen, ändert sich auch der Begriff individueller und kultureller Identität. Wirkten Rockstars wie David Bowie im Popzirkus der siebziger Jahre als chamäleongleiche Kunstfigur, die mit jeder äußeren Transformation zugleich in eine andere Identität schlüpfte, ist heutzutage jeder aufgefordert, sich tagtäglich neu zu erfinden.

Angesichts der Möglichkeiten digitaler, chirurgischer und gentechnischer Manipulation sowie einer unerschöpflichen medialen Bilderflut erklärt sich der Mensch des neuen Millenniums selbst zum formbaren Material.



Franz West, Studie, 1999
©Atelier Franz West, Wien


Brachen die androgynen Selbstinszenierungen von Künstlern wie Katharina Sieverding oder Jürgen Klauke zu Beginn der siebziger Jahre noch subversiv mit etablierten Rollenbildern, bestimmen heute bio-technologische Innovationen die Maßstäbe für gesellschaftliche und individuelle Veränderungen. Nicht mehr das subversive Experiment, sondern die Sehnsucht nach körperlicher Vollendung und absoluter Selbstkontrolle zählen.



Katharina Sieverding, Transformer, 1973
©VG Bild-Kunst, Bonn 2002

Der moderne Mensch zwischen Wunschtraum und Alptraum: Ein "chamäleonartiges Wesen mit sisyphushaften Zügen" hat Veit Loers in seinem Katalogbeitrag zur Ausstellung das künstlerische Menschenbild des zwanzigsten Jahrhunderts genannt (Katalogbestellung hier). Der Einblick in die Sammlungsgeschichte der Deutschen Bank fordert zur Gegenüberstellung heraus - denn mit der formalen Darstellung der menschlichen Figur verknüpfen sich Bezüge zu persönlicher und gesellschaftlicher Existenz: "Ich bin blöde genug, trotz aller Erfahrungen immer noch zu glauben, dass es doch noch Menschen gibt", erklärte die Dresdner Malerin Elfriede Lohse-Wächtler,


Elfriede Lohse-Wächtler,
Selbstportrait (in fantastischer Gesellschaft), 1931
©Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler, Hamburg

die 1940 als Insassin einer sächsischen Heilanstalt nach einer Zwangssterilisation in der anstaltseigenen Gaskammer ermordet wurde. (Einen Essay über Lohse-Wächtler und George Grosz finden Sie hier.) In ihrem 1931 entstandenen Selbstportrait (in fantastischer Gesellschaft), manifestieren sich die Ängste und Zweifel einer Epoche, die von innerer und äußerer Emigration gekennzeichnet war. Dennoch ist Wächtlers abgewendeter Blick der einer Rebellin, die sich radikal über das tradierte Frauen- und Künstlerbild ihrer Zeit hinwegsetzt und ihre behütete bürgerliche Existenz für das raue Leben des Hamburger Rotlichtmilieus eingetauscht hat. Ihr Aufbegehren bezahlte die Künstlerin nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten mit dem Leben (mehr über Lohse-Wächtlers Schicksal erfahren Sie hier und hier).

Wenngleich zwischen dem Ende der Weimarer Republik und dem New Yorker East Village der achtziger Jahre Lebenswelten zu liegen scheinen, begegnen wir in Blick aufs Ich auf kürzestem Abstand einer ähnlich "fantastischen Gesellschaft", zum Beispiel in Nan Goldins Porträt



Nan Goldin, April in the window, 1983
©Nan Goldin, New York

von April in the Windows, das 1983 im Hinterzimmer eines New Yorker Clubs entstand. Goldins Aufnahmen von Freunden, Außenseitern, Szenegängern, Drag Queens und Junkies, die sie über Jahrzehnte mit der Kamera begleitete, haben sie weltberühmt gemacht. Wie schwierig auch dieser Weg zuweilen war, erzählt Goldin in einem Interview, das sie 1999 dem Harvard Advocate gab: Am Ende eines fünfmonatigen Drogen- und Alkoholentzugs in einer Bostoner Klinik sollte sich Goldin um einen Job kümmern, denn obschon sie bereits ihr Buch The Ballad of Sexual Dependency veröffentlicht hatte, wurde in der Klinik Kunst nicht als ein Beruf angesehen. So kam es, dass die Fotografin im Untergeschoss einer Universitätsbücherei Dias rahmte, während im Stockwerk darüber über ihre Arbeit doziert wurde.


Tim Stoner, Rebirth, 2001
©The Approach Gallery, London

Sammlung Deutsche Bank

So wie sich hier Bezüge zwischen unterschiedlichen Werken und Biografien eröffnen, bietet Blick aufs Ich im wahrsten Sinne des Wortes den Anreiz, "Gesellschaft" zu suchen. Dass wir bei unseren Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschenbildern unter Umständen nicht nur auf Fremdes, sondern auf den Schrecken unserer eigenen Klischees und vorgefertigten Entwürfe stoßen, verdeutlicht der junge britische Künstler Tim Stoner mit seinen Aquarellen, die ironisch-programmatische Titel wie Rebirth (2001) oder Study for Highlife (2000) tragen. Der vermeintlich idyllische Eindruck von Wohlstand und Zivilisation trügt: Aus dem Becken eines Hallenbades steigt ein junges Paar, das nur noch durch die Umrisse der Silhouetten Zweisamkeit verkündet. Die Wiedergeburt vollzieht sich in der Anonymisierung. Bar jeden Ausdrucks blickt uns Stoners telefonierender Mann an: Der Schatten, der sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit überzieht, erscheint wie eine Projektionsfläche für die Hoffnungen und Ängste des anbrechenden neuen Jahrhunderts.

Tim Stoner, Study for Highlife, 2000
©The Approach Gallery, London
Sammlung Deutsche Bank
Tim Stoner, Birthday Party, 1998
©The Approach Gallery, London
Sammlung Deutsche Bank

Oliver Koerner von Gustorf