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Wo sind unsere Rauschenbergs?

"Ich habe eine Brückenfunktion – ich vermittele zwischen der zeitgenössischen Kunst und den Menschen, die hier arbeiten," sagt Liz Christensen über ihre Arbeit für die Sammlung der Deutschen Bank in New York. Im Interview berichtet sie von ihrer Arbeit in der Sammlung, den Beziehungen zur Kunst- und Galerienszene in der Metropole und verrät, warum die Mitarbeiter Robert Rauschenberg ganz besonders mögen.



Liz Christensen 2003
Foto: Hajoe Moderegger

Liz, Sie betreuen die Kunstsammlung der Deutschen Bank in New York. Was genau sind ihre Aufgaben?

Liz Christensen: Ich bin mit der Koordination des Kunstprogamms hier im Haus befasst, das sich in zwei Bereiche gliedert. Zum Einen beinhaltet das die Koordination der Pflege und Hängung von ungefähr 2000 Kunstwerken in der New Yorker Sammlung, die auf sechs Gebäude verteilt ist. Unter dem Motto "Kunst am Arbeitsplatz" ist jedes Stockwerk mit Kunstwerken ausgestattet. Ich koordiniere die Hängung und die Veranstaltungen der Galerie. Einmal im Jahr kuratiere ich eine der Ausstellungen, die hier gezeigt werden. Und etwa zweimal im Jahr präsentieren wir in enger Zusammenarbeit mit unseren Frankfurter Kollegen internationale Ausstellungen mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank in der Lobby Gallery.

Seit wann arbeiten Sie hier?

Ich bin seit 1994 bei der Deutschen Bank. Seitdem ist die hiesige Sammlung beträchtlich gewachsen.

Hat die Deutsche Bank einen Geldtopf, aus dem alle Kunstaktivitäten finanziert werden, so dass jeder mit jedem anderen um seinen Anteil konkurriert - die Kunst-Abteilung mit den Leuten, die zum Beispiel Kultursponsoring organisieren - oder haben Sie ihr eigenes Budget, das unabhängig davon ist, ob die Bank gerade eine große Ausstellung fördern will?

Nein, nein, das läuft getrennt. Sponsoring ist üblicherweise Aufgabe der Deutsche Bank Americas Foundation. Mein Budget ist eher ein Budget für die laufende Arbeit, für die Kunst, die an den Wänden hängt und für die Ausstellungen in der Lobby Gallery. Manchmal allerdings haben wir die Gelegenheit, mit anderen Abteilungen zusammenzuarbeiten – zum Beispiel bei der neuen Ausstellung von Stanley Greenberg, ein Fotograf aus Brooklyn, der 2002 ein Stipendium der Deutschen Bank hatte. Diese Stipendien vergibt die Deutsche Bank Americas Foundation über die New York Foundation for the Arts. Wir stellen die neuen Arbeiten von Stanley Greenberg in der Lobby Gallery aus. Er wird persönlich herkommen, um über seine Arbeit zu sprechen, und außerdem erscheint demnächst ein neues Buch von ihm. Das Stipendienprogramm existiert übrigens seit drei Jahren; die New York Foundation for the Arts hat die Verwaltungsaufgaben übernommen.

Diese Stipendiaten müssen offenbar nicht unbedingt deutsche Künstler sein?

Der Künstler muss nur in New York arbeiten. Die Nationalität spielt keine Rolle.

Das Image der Deutschen Bank ist immer weniger deutsch und immer mehr das einer globalen Institution. Spiegelt sich das in den kulturellen Aktivitäten wider? Oder versteht sich die Bank doch noch als Repräsentantin der deutschen Kultur hier in New York? Arbeitet sie vielleicht sogar mit anderen deutschen Kulturinstitutionen in der Stadt zusammen?

Ganz bestimmt repräsentieren wir hier in der Bank und auch in der Galerie deutsche Kultur, indem wir Arbeiten von deutschsprachigen Künstlern präsentieren. Die ursprüngliche Idee, die der Sammlung zugrunde liegt, ist den Kulturaustausch zwischen Deutschland und den USA zu fördern. In den siebziger Jahren war die Deutsche Bank in New York vor allem die Niederlassung einer deutschen Bank. Über die Jahre aber ist die Bank gewachsen und hat sich mit anderen Firmen zusammengeschlossen. Sie wird hier in New York nicht mehr nur als eine Bank aus Deutschland wahrgenommen, sondern als weltweit agierendes Bankunternehmen. Dem gemäß präsentierte die New Yorker Sammlung zunächst zeitgenössische deutsche Kunst neben amerikanischer Kunst. Das überwiegt auch heute noch. Doch während die Bank expandiert und mit anderen Unternehmen fusionierte, ist auch die Sammlung gewachsen und wurde um dieses internationale Spektrum erweitert. Heute haben wir unter anderem lateinamerikanische und asiatische Künstler in der Sammlung, darunter Felix Gonzalez-Torres, Gunther Gerszo, Nam June Paik, Hiroshi Sugimoto und Alioune Ba.

Gibt es Unterschiede in der Arbeit eines Kurators, je nachdem, ob er für einen privaten Sammler oder einen internationalen Konzern arbeitet?

Das ist ein riesiger Unterschied. Vor allem, wenn die Unternehmenssammlung zum Bestandteil des Arbeitsumfelds wird. Bei uns ist jedes Stockwerk mit einer bestimmten Auswahl von Kunst ausgestattet, und sehr unterschiedliche Menschen müssen mit ihr leben. Ich habe da eine Brückenfunktion – ich vermittele zwischen der zeitgenössischen Kunst, die schwierig und manchmal auch heikel sein kann, und den "ganz normalen" Leuten, die hier arbeiten, seien es Angestellte oder Besucher. Wir bieten Führungen an, und wir haben eine interne Webseite, auf der die Werke in den Lobby-Ausstellungen und aus der Sammlung vorgestellt werden. Es gehört für uns einfach dazu, unseren Mitarbeitern Wissen über Kunst zu vermitteln.

Bieten Sie auch Vorträge und Seminare an?

Ja, und ich wünschte, wir könnten das häufiger anbieten. Manchmal gibt es Vorträge und Führungen in der Mittagspause, und etwa fünfmal im Jahr laden wir die Angestellten zu einer Führung durch die Sammlung ein. Vor zwei Wochen hat die Gastkuratorin Holly Block eine sehr interessante Führung durch die aktuelle Ausstellung Dreamspaces/Entresuenos geleitet - zusammen mit Javier Tellez (mehr hier), einem der ausgestellten Künstler, der mit einer ortsbezogenen Installation im Fenster vertreten ist, die wirklich sehr zum Nachdenken anregt.

Wonach suchen Sie bei der Auswahl der Werke für New York?

Vor allem suchen wir nach qualitativ hochwertigen Arbeiten, die Ideen und Entwicklungen auf dem aktuellen Kunstmarkt reflektieren. Da der Schwerpunkt unserer Sammlung bei Arbeiten auf Papier liegt, wird das Feld etwas kleiner. Außerdem sammelt die Deutsche Bank nur Kunst nach 1945, was heute zwar schon ein langer Zeitraum ist, aber immer noch im Rahmen zeitgenössischer Kunst liegt.

Wir versuchen bei der Auswahl der Kunst für die einzelnen Stockwerke bestimmten Themen zu folgen, so dass die Mitarbeiter ein Organisationsprinzip erkennen können. Es gibt eine Etage, die der Fotografie gewidmet ist, eine Etage mit Zeichnungen von Bildhauern, eine andere, die sich mit den verschiedenen Darstellungsformen des menschlichen Körpers beschäftigt. Für unser Gebäude in der Wall Street, das wir in diesem Jahr beziehen, entwickeln wir gerade neue Themen. Das ist eine großartige Gelegenheit, die Themenpalette zu erweitern und vielleicht auch neue Künstler in die Sammlung aufzunehmen, deren Arbeiten gegenwärtige Kunstströmungen aufzeigen. In Themen zu denken erleichtert es, über Ankäufe zu entscheiden.

Gibt es Grenzen dafür, was Sie in die Sammlung aufnehmen?

Die gibt es. Wir wollen niemanden abschrecken, und wir wollen keinesfalls feindselig gegenüber irgendeiner Gruppe oder Organisation erscheinen. Aber das ist auch schon alles. In der Sammlung gibt es ein paar Aktdarstellungen, was, soweit ich von Kollegen höre, in einer Firmensammlung eher ungewöhnlich ist.

Welche Reaktionen bekommen Sie auf das Projekt der "Kunst am Arbeitsplatz"?

Ich bekomme viele Rückmeldungen, sowohl zu den Ausstellungen in der Lobby Gallery als auch zu den Arbeiten an den Wänden. Die Mitarbeiter entwickeln sogar manchmal einen richtigen Besitzanspruch an "ihre" Kunst. Als zum Beispiel die Serie von Robert Rauschenberg-Arbeiten nach Zürich in das neue Bankgebäude gebracht wurde, erhielt ich sofort Anrufe und Emails mit Anfragen, was denn mit "unseren Rauschenbergs" passiert sei – es handelte sich um eine äußerst beliebte Pop Art-Arbeit, eine Art "Erkennungszeichen" für die Menschen in der Bank. Wenn eine Gruppe von Mitarbeitern oder die ganze Abteilung umziehen, fragen sie mich häufig, ob sie die Kunst in ihre neuen Büros mitnehmen können. Ich kann ihren Wünschen nicht immer nachkommen, denn normalerweise hängt dort, wohin sie umziehen, ja auch wieder Kunst. Natürlich ändert sich die Hängung, wenn das Mobiliar umgestellt wird. Ich warte, bis das alles fertig ist, und mache dann einen Plan dafür, wo die Bilder hängen sollen.

Die Leute hier sind im allgemeinen sehr aufgeschlossen. Als Banker interessieren sie sich natürlich auch für den Wert eines Kunstwerks. Sie stellen Fragen, sind neugierig, und wenn ich einmal angefangen habe, etwas zu erklären, wollen sie mehr wissen. Manchmal passiert es natürlich auch, dass sich jemand über ein Bild beklagt, das ihm gegenüber an der Wand hängt. Das ändern wir dann, soweit es möglich ist – es gibt keinen vernünftigen Grund, warum man mit Kunst irgendjemanden unglücklich machen sollte. Aber im Großen und Ganzen sind die Mitarbeiter stolz auf die Sammlung und auch darauf, dass sie so fortschrittlich ist, ein bisschen kantig, und vor allem eben sehr zeitgenössisch. Ich glaube, dass die Beschäftigung mit Kunst die Menschen offener macht. Die Reaktionen auf die "Kunst am Arbeitsplatz" beweisen das.

Ist die New Yorker Sammlung unabhängig, oder ist sie Teil der weltweiten Sammlung der Deutschen Bank?

Sie ist Teil der weltweiten Sammlung, die inzwischen etwa 50.000 einzelne Werke umfasst. Insgesamt ist die Sammlung Deutsche Bank die größte Firmensammlung der Welt. Jeder einzelne Teil der Sammlung weltweit hat sein eigenes Gesicht.

Welche Verbindungen haben Sie zur New Yorker Kunstszene? Sehen Sie sich und die Sammlung als einen Teil davon?

Unbedingt. Ich gehe regelmäßig in die Galerien, zu Künstlergesprächen, Museumsausstellungen und auf Kunstmessen. Ich versuche wirklich am Ball zu bleiben. Hier ist rund um die Uhr etwas los. Ich begreife mich selbst durchaus als Teil dieser Welt. Außerdem sind gute Kontakte zu den Galerien für unsere Ausstellungen unerlässlich.

Wissen Sie, wie die Öffentlichkeit auf die Ausstellungen in der Lobby reagiert?

Die Lobby ist ein ganz spezieller Ort, er ist gleichermaßen öffentlich und privat. Die Leute können einfach von der Straße aus hereinkommen, sehen dann aber auch unsere Sicherheitskräfte. Der Raum hat wegen seiner Deckenhöhe etwas höhlenartiges an sich und ist durch Stellwände gegliedert. Es erfordert natürlich eine gewisse Logistik, um für diesen besonderen Ort Ausstellungen zu konzipieren. Ich kann nicht genau sagen, was die Leute, die unsere Mitarbeiter besuchen, von den Bildern halten. Ich weiß nur, dass sie sie anschauen. Wir haben in der Bank täglich etwa 500 Besucher. Es werden also nicht wenige sein, die sich die Ausstellungen ansehen. Es kommen aber auch am Wochenende viele Besucher, obwohl wir nicht viel Werbung machen. Wir veröffentlichen Pressemitteilungen und lassen uns in Veranstaltungskalendern aufführen. Gelegentlich werden wir auch in der Presse besprochen, und das ist großartig. Die Ausstellungen sind ja eigentlich für die Menschen gedacht, die hier arbeiten. Wenn darüber hinaus Leute kommen, um sie zu sehen, ist das wunderbar, aber doch ein Nebeneffekt.

Arbeiten Sie mit örtlichen Kulturinstitutionen zusammen?

Ja, von sechs Ausstellungen im Jahr entstehen drei in Zusammenarbeit mit örtlichen Kunsteinrichtungen. Wir erarbeiten zum Beispiel gerade mit dem Museum of Arts & Design eine Ausstellung für diesen Sommer unter dem Titel US Design from 1975-2000. Im Rahmen dieser Ausstellung werden in der Lobby Gallery Architekturmodelle prominenter Architekten wie Steven Holl , Peter Eisenman, Maya Lin und Robert Venturi gezeigt. Außerdem haben wir zusammen mit dem Guggenheim Museum eine Schau mit frühen Arbeiten der Klassischen Moderne aus ihrer Sammlung organisiert sowie einige Projekte mit der Creative Time, einer öffentlichen Kunstorganisation, und der New York Foundation of the Arts realisiert. Die aktuelle Ausstellung der Lobby Gallery entstand in Zusammenarbeit mit Art in General, einer nicht-kommerziellen Kunsteinrichtung in Manhattan. All dies ist Teil unseres Bemühens, eine Verbindung zur hiesigen Kunstszene herzustellen. Ich glaube auch, dass all diese Aktivitäten von den Menschen, die bei uns arbeiten, als Bereicherung wahrgenommen werden.

Wie sieht ihr nächstes Projekt aus?

Der Umzug dieses ganzen Gebäudes in die Wall Street! Das ist eine wirkliche Herausforderung, denn die gesamte Lobby ist mit mittelgrauem Granit ausgestattet. Das ist ein bisschen einschüchternd, aber gemeinsam mit meinen Kollegen Dr. Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte gestalten wir einen sehr attraktiven Ort, an dem man gleich beim Betreten des Hauses einen Eindruck von der wirklich hervorragenden Sammlung der Bank bekommt.

Können Sie eine Arbeit speziell für die Lobby in Auftrag geben, oder bedienen Sie sich aus der bereits existierenden Sammlung?

Zur Zeit brauchen wir keine Neuerwerbungen, weil wir mit dem arbeiten können, was bereits vorhanden ist – mit den Beständen der weltweiten Sammlung. Die Sparmaßnahmen lassen im Augenblick niemanden unberührt, das trifft die Kunst-Abteilung ebenso wie alle anderen. Man neigt dazu, vor allem in jenen Bereichen zu kürzen, die als nicht unbedingt notwendig angesehen werden. Ich glaube fest daran, dass die Kunst gebraucht wird und für unsere Lebensqualität notwendig ist, heute mehr denn je.


Das Interview führte Verena Lueken. Sie ist Korrespondentin des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in New York. Zuletzt erschien von ihr "New York - Reportage aus einer alten Stadt", DuMont Verlag, Köln 2002, ISBN 3832178082.