In dieser Ausgabe:
>> Interview mit Andrea Zittel
>> Miwa Yanagi: Die Schönheit des Kerkers
>> Nenn mich nicht Stadt
>> Neue Formen der Governance
>> Arbeit am Mythos

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Franz Ackermann: Ohne Titel (mental map: nearest coast airport), 1994,
©Franz Ackermann, Sammlung Deutsche Bank

Dann aber fällt es immer schwerer, sich in den nervösen Mustern, Linienfolgen und getuschten Flächen zurecht zu finden. Beim ersten Betrachten mag man die kleinformatigen Aquarelle und Gouachen für Studien halten, als Ausgangspunkte des noch zu ordnenden Materials. Auf keiner der in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Mental Maps erkennt man jedoch konkrete Städte wieder, die Ackermann zuvor bereist hat. Stets scheint das in roten oder braunen Schlängelspuren wuchernde Straßennetz zu zerfasern, überlagern sich die sonst auf Karten fein säuberlich erfassten Wohn- und Industriebereiche, wirken die getuschten Gebäudekomplexe oder anfangs als variable Leerstellen eingeklebten Pflasterstreifen wie radikal subjektive Zeichen. Dahinter mag man einen Hang zum expressiven Drama vermuten, schlimmstenfalls das Klischee eines psychedelisierten El Dorados für Aussteiger, wie es etwa in dem Film The Beach noch als Stimmung einer fernöstlichen Metropole suggeriert wird, die dem jungen Leonardo DiCaprio aufregend fremd erscheint.


Franz Ackermann: Choose Wisely, 2003 © Franz Ackermann,
Mit freundlicher Genehmigung von Sammlung Scharpff

Bei Ackermann hingegen ist das fiebrige Chaos kein Spezial-Effekt zum Beleg eines sich im Rausch der exotischen Großstadt verlierenden Ichs. Er sieht seine Untersuchungen als urbane Feldforschung, ohne dafür jedoch nach einer konkreten Übersetzung des städtischen Raums in die zweidimensionale Fläche des Papiers zu suchen. Von der Sinnenfreude eines Flaneurs weit entfernt, verliert er sich bei der Darstellung nicht in Details und überlässt sich nicht den Ablenkungen unbekannter Orte. Seine Herangehensweise ist immer touristisch geerdet: Vom Zentrum aus wandert er die Städte in Kreisen ab, bis sich die Erkundungen nach einiger Zeit in die Randgebiete ausdehnen. Mit dieser Methode gleicht Ackermann einem beharrlichen Strukturalisten, wenn er in einer Projektbeschreibung seine Erfahrungen bei der Arbeit notiert: "Es interessiert mich dabei die Fragestellung, in wieweit sich heute noch Wirklichkeit aneignen und transformieren lässt (z.B. in ein Kunstwerk), ohne vorhandene, hochkomplexe Gestaltungsmechanismen auszuklammern, bzw. zu negieren. So sind in allen Städten, die ich besuchte, die Errungenschaften der Moderne vor mir angekommen - und geblieben, was wohl dazu führte, sich in der Ferne manchmal heimischer zu fühlen als Zuhause."


Franz Ackermann: Mental Map (clever shopping), 2002 © Franz Ackermann,
Mit freundlicher Genehmigung von Sammlung Harald Falckenberg, Hamburg

Vielleicht ist das verwirrende Geflecht seiner Zeichnungen dennoch Zeugnis einer unterschwelligen Melancholie - das Ich ist auch auf Reisen kein anderer, sondern ein Ich, das sich durch das Andere erkennt. Dann gibt es eben selbst in Bangkok, Lagos oder Los Angeles nichts festzuhalten außer der Flüchtigkeit der Eindrücke, die in der Erinnerung diffuse Spuren hinterlassen. Deshalb braucht Ackermann auch zwischen dem Zauber noch so fremder Metropolen und dem daheim entstandenen Blatt Hoch über Bad Reichenhall keinen Unterschied zu machen. Hier eine graubraune Schlucht umgeben von einem Knäuel aus weißen Feldern, dort ein verschlungenes Adernetz auf dunkelrotem Grund: Die Mental Maps sind eine abstrakt und zugleich extrem diszipliniert ins Bild gesetzte Selbst-Orientierung, ohne Legende.

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