In dieser Ausgabe:
>> Interview mit Andrea Zittel
>> Miwa Yanagi: Die Schönheit des Kerkers
>> Nenn mich nicht Stadt
>> Neue Formen der Governance
>> Arbeit am Mythos

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Franz Ackermann: Ohne Titel (Mental Mapno.54, beauties with kitchen), 1994 © Franz Ackermann, Sammlung Deutsche Bank

Tatsächlich reagiert Ackermann auf die vorgebliche Unübersichtlichkeit moderner Stadträume mit einer, wie er sagt, "vergleichenden Topografie". Es gibt keine Hierarchien, die das Allover aus Gebäuden, farbigen Flashs und blockartig gesetzten Architekturen ordnen könnten. Darin ist Ackermann jedoch alles andere als ein naiver Tourist, der die Sehenswürdigkeiten bestaunt; ihm geht es um einen Bezug zur sozialen Realität, der jeder ausgesetzt ist - egal an welchem Ort der Welt. Trotzdem wurden seine skizzenhaften Erkundungen im Ungefähren zum Symbol einer allgemeinen Rastlosigkeit, mit der in den Neunzigern zumindest die Kunstwelt von Biennale zu Biennale in Bewegung blieb. Es passte überhaupt zur Vorstellung einer Welt auf Draht, deren permanente Mobilität sich auch im Wirtschaftsleben mit provisorisch eingerichteten Konferenzräumen auf Flughäfen spiegelte.Dass man dabei am Ende immer mehr einem Hamster im Laufrad ähnelt, ist für Ackermann ein Paradox, das sich in seiner Arbeitweise niedergeschlagen hat: "Die Idee vom Büro am Strand, das hat nie funktioniert. Das Einzige, was ich bei alledem gelernt habe, ist die Tatsache, dass man ständig handlungsbereit sein muss. Dann wird eben das Hotel zum Atelier, dann wird die Ablage neben dem Bett zum Zeichentisch. Im Grunde bin ich vor allem eins - nicht zu Hause, und das überall auf der Welt."


Franz Ackermann: Permanent Departure, 2003 © Franz Ackermann,
Mit freundlicher Genehmigung von neugeriemschneider, Berlin

Erst die Ereignisse vom 11. September haben der Verfügbarkeit von Zeit und Raum wieder Grenzen gesetzt. Für Ackermann war die Katastrophe ein dramatischer Einschnitt, plötzlich zeigte sich, dass immer noch um Territorien gekämpft wird, was im Taumel der Globalisierung längst aus dem Blick geraten zu sein schien. Die Bedrohung hat sich bei Ackermann bis in die Suche nach Sujets ausgewirkt, immer häufiger tragen neue Mental Maps Titel wie just more riots oder incredible terrible beautiful. Es wäre aber falsch, wollte man die Gefahr vor allem in der Unwägbarkeit aktueller politischer Auseinandersetzungen verorten. Ein Zyklus mit Zeichnungen und Gemälden, den er im Sommer 2003 im Kunstmuseum Wolfsburg ausgestellt hat, hieß nicht von ungefähr Naherholungsgebiet. Freizeit findet hier ihr Pendant in aggressiv aufgewühlten Tuschelandschaften, in denen Helikopter und Hochhäuser sich vom Rand der Zeichenblätter her wie ein Kragen um eine weiße Leerstelle auf dem Papier legen. Dann wieder drängt sich alles in der Mitte zusammen, bildet unförmige Knoten, aus denen einzelne Farbfäden lappen, als wäre der imaginäre Ort der Begierde ein herausgetrenntes Herz.


Franz Ackermann: Ohne Titel (golf), 1993
©Franz Ackermann, Sammlung Deutsche Bank

Der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie rückt näher, das ist die Kartografie der Krise, für die Zeichnungen wie permanent departure oder clever shopping einstehen. An Stelle der früher noch romantischen Idee, auf Reisen im Labyrinth eines veränderten Alltags aufzugehen, nimmt Ackermann jetzt viel mehr die Veränderungen wahr, die sich aus der angespannten Weltlage ergeben: "Seit dem 11. September spricht kein Mensch noch von der Lust an ferner Exotik, Wellness direkt vor Ort ist gefragt." Gleichwohl ist der Rest einer Sehnsucht verschwunden, das Andere mit den eigenen Erwartungen zu koppeln: Diese Enttäuschung ist bei ihm auch eine Nebenwirkung der Globalisierung, da sich "die Parks und Shopping-Malls von Hongkong bis Südafrika immer weiter einander angleichen". Dafür aber braucht es, so Ackermann, keine spezifische Ikonografie, die irgendwelche Eigenheiten hervorholt, denn "in der Angleichung ist alles dasselbe abstrakte Material". In einem Punkt jedoch hat sich Ackermanns Neugierde nicht gelegt. Während er früher tagelang mit dem Flugzeug auf Reisen war, immer ein entfernteres Ziel vor Augen, so ist er jetzt selbst auf kurzen Strecken ein aufmerksamer Beobachter geworden. Wenn er mit dem Fahrrad von seiner Wohnung ins Atelier fährt, nimmt er Berlin als Ansammlung von Schrebergärten und verödeter Brachflächen wahr, die sich rings um die Ufer der Spree erstrecken. Die Stadt wuchert in beide Richtungen - weiter ins urbane Chaos und postindustriell zurück zur Terra Incognita.


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