In dieser Ausgabe:
>> Das MoMA in Berlin: Knowing Alfred H. Barr Jr.
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Mythos MoMA:
Alfred H. Barr Jr. und der Aufbruch der Moderne in Amerika

Vom 20. Februar bis zum 19. September 2004 zeigt die Neue Nationalgalerie in Berlin als einzige Station in Europa über 200 Meisterwerke aus dem Museum of Modern Art. Als exklusiver Sponsor unterstützt die Deutsche Bank dieses einmalige Ereignis. Anlässlich der Ausstellung "Das MoMA in Berlin" stellt unsere Artikel- Serie "Mythos MoMA" Menschen und Kunstwerke vor, die dazu beigetragen haben, die Institution zum weltweit berühmtesten Museum für moderne Kunst zu machen.
Wo liegen die geistigen Ursprünge des MoMA.? Wie wird ein Museum gemacht? Oliver Koerner von Gustorf über den Geist Princetons und Harvards, den Einfluss des Bauhauses und die Visionen Alfred H. Barr Jr.'s , der als Gründungsdirektor des MoMA die Museumsgeschichte des 20.Jahrhunderts prägte.



Ein Kunstquiz in der Vanity Fair
"Was ist die Bedeutung der nachfolgend aufgeführten Personen und Begriffe in Bezug zum modernen künstlerischen Ausdruck?" Nicht etwa die Studenten eines kunsthistorischen Seminars sollten im August 1927 diese Frage beantworten, sondern die Leser des amerikanischen Magazins Vanity Fair, die in einem Kulturquiz ihre Kenntnisse über moderne Kunst testen konnten. Henri Matisse, George Gershwin, Gertrude Stein, Frank Lloyd Wright, Le Corbusier, Das Kabinett des Dr. Caligari, die Skulpturen Aristide Maillols, Kasimir Malewitsch: Wenngleich die Personenliste des legendären Ratespiels sich heute wie ein "Who's Who" der Avantgarde des 20. Jahrhunderts liest, vermittelt sie ein Gefühl für die kreative Aufbruchstimmung, mit der die Kunst Grenzen zwischen Fachgebieten, Denkrichtungen und Ausdrucksformen sprengte. Sie zeugt auch davon, dass die Bewegung der Moderne im öffentlichen Bewusstsein Amerikas endgültig angelangt war. Und etwas anderes wird sichtbar - die Vision einer interdisziplinären Gesamtkultur, die bildenden und angewandten Künsten, Design, Architektur und Fotografie, einen ebenbürtigen Rang einräumt. Es muss radikal angemutet haben, dass der damals 25-jährige Alfred H. Barr Jr. als Verfasser des Fragebogens auch die Schaufensterauslage von Saks Fifth Avenue als wichtigen Einfluss in sein Quiz aufnahm, "weil das Kaufhaus mehr zur Verbreitung moderner Ausdrucksformen in den bildenden und angewandten Künsten beigetragen hat, als die Bekehrungsversuche irgendeines Kritikers".



Gertrude Stein, Foto: Man Ray, 1926
©Man Ray Trust, Paris/ VG Bild-Kunst, Bonn 2004;
Alfred Stieglitz: From An American Place, Looking North, 1931, George Gershwin; Walter Gropius: Director´s Office, Foto: Lucia Moholy; Herbert Bayer: isometric drawing of the director´s office, 1923; Bauhaus-Szene 1926, Foto: Erich Consemüller (wenn nicht anders vermerkt:
©VG Bild-Kunst, Bonn 2004)


Wohl niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass Barr nur zwei Jahre später zum Gründungsdirektor jenes ersten amerikanischen Museums berufen werden sollte, das ausschließlich der zeitgenössischen Kunst gewidmet war. Am 9. November 1929, wenige Tage nach dem großen Börsenkrach, eröffnete unter seiner Leitung in den angemieteten Räumen im 12. Stock des Heckscher Buildings an der Fifth Avenue das Museum of Modern Art mit einer Schau von Werken von Cézanne , Gauguin, Seurat und van Gogh.

Wie es Sybil Gordon Kantor in ihrer 2002 erschienenen Biografie Alfred H. Barr Jr. and the Intellectual Origins of the Museum of Modern Art beschreibt, entsprach Barrs Persönlichkeit nach heutigen Maßstäben kaum den Vorstellungen, die man sich von einem dynamischen Museumsmann macht.


Alfred Barr, Foto: Jay Leyda, 1931 - 1933
Digital Image © 2004 The Museum of Modern Art, New York


Zeit seines Lebens litt der 1902 als Sohn eines presbyterianischen Geistlichen in Detroit geborene Barr an Magenproblemen und Schlaflosigkeit, ein verschwiegener, beinahe kühler, ausnehmend höflicher Mann von zierlicher Statur, der seinen Beruf als Anstrengung empfand. 1932 zwangen ihn Erschöpfungszustände für ein Jahr als Direktor zu pausieren. Dennoch vollbrachte er es, die Sache der Moderne rebellischer, weitsichtiger und disziplinierter voranzutreiben, als jeder seiner Zeitgenossen. Niemand hatte größeren Einfluss auf die Ausrichtung amerikanischer Museen, und kein Museumsleiter oder Kurator bestimmte zu seiner Zeit die Rezeption der Kunst des 20. Jahrhunderts mehr als er. Seine Bücher über Picasso, Matisse und sein Bestseller-Werk What Is Modern Painting? (1943) haben als Beispiele scharfsinniger und erhellender kunsthistorischer Analyse auch nach über einem halben Jahrhundert nur wenig von ihrer Bedeutung verloren. Rückblickend mutet es an, als habe sich Barr von Anfang an darauf vorbereitet, eine beispiellose Karriere einzuschlagen. Doch was veranlasste den strebsamen und schüchternen Studenten, dessen akademischer Werdegang durch und durch klassisch geprägt war, diesen sicheren Pfad zu verlassen und sich den aufrührerischen und experimentellen Ansätzen der Moderne zu verschreiben?

"Fremdartigkeit und offensichtliche Hässlichkeit"
"Dies ist etwas, dem ich mein Leben völlig widmen könnte - ohne jede Einschränkung", schrieb Barr anlässlich seiner Berufung als Direktor des MoMA an seinen Mentor, den Kunsthistoriker, Museumsexperten, Sammler und Harvard-Professor Paul J. Sachs (1878-1965). Die Ambivalenz, die Barrs Persönlichkeit kennzeichnete, wurde auch durch den strengen Verhaltenskodex und die umfassende Ausbildung in Princeton und Harvard geprägt. Beide Universitäten hatten ihre kunstgeschichtlichen Fakultäten nur im Abstand von einem Jahrzehnt gegründet, doch lag von Anfang an eine einschneidende Diskrepanz zwischen Princetons historisch-ikonografischer Ausrichtung und der formalen Untersuchung von Stilen und Techniken, die in Harvard praxisorientiert gelehrt wurde. Barr begann sein Studium in Princeton 1918 als Sechszehnjähriger. Sein Professor war Charles Rufus Morey (1877-1955). Moreys Kurse zur mittelalterlichen Kunst waren wie Barr sich später erinnerte, "eine bemerkenswerte Synthese der wichtigsten Künste des Mittelalters, die als Belege einer Zivilisationsperiode galten: Architektur, Bildhauerei, Malerei, Freskenmalerei, und Buchillustration, angewandte Kunst und Handwerk waren als Kunstformen alle mit eingeschlossen." Wie prägend Morey für ihn war, ist deutlich an den Schaubildern ablesbar, die er während des Studiums und später als MoMA-Direktor anfertigte. Barr verwendete detaillierte Diagramme, um die Entwicklung verschiedener Kunstbewegungen und Stile anschaulich zu machen und die Ursprünge und Einflüsse der Moderne in einen historischen Kontext einzuordnen. Die Präzision, mit der sich Barr moderner Kunst ohne nationale oder regionale Beschränkung näherte und scheinbar grundverschiedene Strömungen systematisch zusammenführte, wurde in Princeton gefördert und fand später ihren Niederschlag im Aufbau der interdisziplinären Abteilungen des MoMA. Auch Barrs Konzept, die Sammlung in einer Abfolge weiß gestrichener Kojen auszustellen, um eine geordnete wie auch dramaturgisch spannende "Geschichte" entstehen zu lassen, sollte ein Modell für moderne Museen auf der ganzen Welt werden.

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