In dieser Ausgabe:
>> Das MoMA in Berlin: Knowing Alfred H. Barr Jr.
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Oszillierende Wahrnehmung:
Anmerkungen zum Werk Günther Ueckers



Im letzten Monat wurde Günther Ueckers frühe Graphikserie "Manuelle Strukturen" als Leihgabe aus der Sammlung Deutsche Bank dem Kunst-Museum Ahlen übergeben. Dort ergänzt es die Sammlung von Arbeiten der Gruppe ZERO, die einen Schwerpunkt des Hauses bildet. Ulrich Clewing über Ueckers berühmte Nagelbilder, sein Credo der kreativen Bewegung und einen Künstler, der Zeit seines Lebens politisch geblieben ist.


Piene Uecker Mack Zero-Demonstration, Rheinwiesen Düsseldorf, 1962,
Foto aus: Katalog Kestner-Gesellschaft Hannover,1972


Es war eine merkwürdige Demonstration, die dort am Abend des 15. Juni 1962 am Düsseldorfer Rheinufer stattfand. Drinnen, in den Sälen der Kunsthalle, wurde gerade feierlich die Ausstellung Zehn Jahre Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen eröffnet. Und draußen, auf den Rheinwiesen, malte unterdessen ein junger Künstler mit einer Malerrolle einen weißen Kreis auf den Boden. Ein Zweiter machte sich an einem Stativ zu schaffen, auf dem ein riesiger Scheinwerfer befestigt war, derweil ein Dritter eine Gruppe von jungen Frauen in Position dirigierte, die mit langen schwarzen an Mönchskutten erinnernden Umhängen bekleidet waren. Auf den Umhängen konnte man unschwer weitere weiße Kreise erkennen. Dann stellen sich die Männer in das große, soeben auf den Boden aufgebrachte Rund, schauten freundlich in die Kamera und wiesen den Fotografen mit gebotenem Nachdruck an, nun ein Bild zu machen. Anschließend ging die Demonstration der Herren Mack, Piene und Uecker in lockerer Formation zum informellen Teil des Abends über.


Günther Uecker, 1979

Günther Uecker, Jahrgang 1930, Mitglied der Künstlergruppe ZERO und Urheber der Aktion in den Rheinwiesen, hat in diesen Jahren öfter demonstriert. Kunst und Leben, Kunst und Politik, Kunst und Ekstase - all das sollte eins sein in den Sechzigern und frühen Siebzigern und Uecker, Schwager des französischen Happening-Künstlers und Malers der blauen Leinwände, Yves Klein, war mitten drin in der Szene. Die Bewegung wollte etwas Neues erreichen und ließ sich dabei von bürgerlichen Wertvorstellungen wenig beeindrucken.

1968, am Höhepunkt der Studentenproteste, sollte es sogar zu einer Art Hausbesetzung kommen: Zusammen mit Gerhard Richter, seinem Freund und Studienkollegen von der Düsseldorfer Kunstakademie, erklärte er kurzerhand und natürlich nur symbolisch die Kunsthalle Baden-Baden zu seiner "Wohnung", um das Museum von seiner "Exklusivität zu befreien". Das funktionierte auch anders herum. Kurz nach Baden-Baden hatte Uecker eine Ausstellung in Dortmund, wo nicht nur ein riesiger Nagel das Vordach des örtlichen Kaufhofs durchbohrte, sondern seine Arbeiten auch neben den regulären Waren in den Schaufenstern präsentiert wurden.


Nagel im Kaufhaus Dortmund, 1968

Zu dieser Zeit ist der Bilderstürmer Uecker bereits selbst dabei Museumsreife zu erlangen. Er zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern, zeigt seine Werke auf der documenta in Kassel und im Museum of Modern Art in New York, ist in bedeutenden Sammlungen in Europa und den USA vertreten. Am meisten Aufsehen erregen die Nagelobjekte, die er seit einigen Jahren herstellt. Der schlichte, zehn Zentimeter lange Zimmermannsnagel ist das prägnante Erkennungsmerkmal seiner Kunst. Zu Dutzenden, ja zu Hunderten schlägt er die Stahlnägel in Möbel, Leinwände und alle möglichen Gebrauchsgegenstände. Worauf es ihm ankommt, ist nicht zuletzt die Darstellung von Dynamik: Stets platziert er die Nägel so, dass sich Formationen ergeben, welche die Illusion von kinetischer Energie herauf beschwören.


Günther Uecker, aus Serie: Osakaspiralen, Morgen, 1969


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