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Ein Storyboard für 45 Stockwerke
Die Sammlung Deutsche Bank in New York



Anders als bei einem Museum oder einer Galerie wird die New Yorker Sammlung der Deutschen Bank in einer äußerst betriebsamen Arbeitsumgebung gezeigt. 45 Stockwerke ergeben eine Bürofläche von über 480.000 Quadratmetern - für die Kunst ein Raum von unglaublichem Ausmaß. Cheryl Kaplan über den Neuen Hauptsitz der Deutschen Bank an der Wall Street und 45 unterschiedliche Arten, die Kunst im Gebäude zu betrachten.



Panoramablick von 60 Wallstreet


Bis vor kurzem galt in New York die verschärfte Form des Code Orange - der Code Orange Plus. Im Herzen des Finanzbezirks, nur einen Steinwurf entfernt von Ground Zero , leitet ein raffiniertes System von Absperrgittern mit Digitalkameras ausgerüstete Touristen vorbei an wetterfesten Kontrollstationen und Nationalgardisten. Andernorts wird die wachsende Angst vor einer Welt nach dem 11. September vorsichtig zur Seite geschoben und höchstens durch die Fernsehmeldungen zu den jeweiligen Alarm-Codes bemerkt, dass die Welt noch nicht zum Frieden gefunden hat. Hier in New York kreisen die Gespräche um den Wettbewerb zur Gedenkstätte auf Ground Zero: Ist die Lösung wirklich so schlecht? Ist sie wirklich so gut? Der Bürgermeister tut alles in seiner Macht stehende, um die Spannungen zwischen den Familien der Opfer und denen der Retter beizulegen, die sich auf unterschiedliche Weise repräsentiert sehen wollen. Bei diesem Streit wird gerne außer Acht gelassen, dass Zerstörung nicht wählerisch ist, und dass New York sich, egal wie man es betrachtet, noch immer im Heilungsprozess befindet.


Federal Hall und Börse, New York

Auf der Wall Street ist eine angespannte Normalität spürbar, aber das kann auch an den Minusgraden liegen, die seit Monaten das Wetter in der Stadt bestimmen. Während sie zur New Yorker Börse laufen, sammeln sich die Händler in Zweier- und Dreiergruppen, um nach einem kurzen Gespräch im Gebäude zu verschwinden. Befindet man sich vor dem Eingang des neuen Hauptsitzes der Deutschen Bank an der Wall Street und blickt nach rechts, entsteht der Eindruck, als würden der Hudson River und der Franklin D. Roosevelt East River Drive, jene Schnellstraße, die geradewegs auf den Finanzdistrikt zuführt, ineinander fließen. Ganz in der Nähe wird bereits am Wall Street Park gebaut. Hier wird ein aus den Mitteln der Bank und des NYC Parks & Recreation Departments erbauter Brunnen vier Mitarbeiter der Deutschen Bank ehren, die ihr Leben am 11.September verloren haben. Der Brunnen, ein Symbol für Erhalt, Wiederkehr und Erneuerung, verweist auf jenen Brunnen, der einst vor dem Gebäude der Deutschen Bank in der Liberty Street stand. Die Rückkehr der Bank nach Downtown ist in New York herzlich willkommen. So bemerkte Bürgermeister Bloomberg: "Die Gegenwart eines weltweit führenden Finanzunterunternehmens, wie die Deutsche Bank, unterstreicht den bleibenden Status von Downtown Manhattan als "Finanz-Hauptstadt der Welt". Zuversichtlich fügte er hinzu, dass das Engagement der Deutschen Bank "dazu beitragen wird, Lower Manhattan in die Zukunft zu führen". Ein Besuch bei Liz Christensen, die im Gebäude an der Wall Street die Sammlung der Bank betreut, veranschaulicht schnell was gemeint ist.


Hafen und Trinity Church, New York

Da sie bereits lange vor den Ereignissen des 11. Septembers geplant hatte, den amerikanischen Hauptsitz an die Wall Street zu verlegen, hatte die Deutsche Bank einige Zeit vor den Anschlägen das neue Gebäude von J.P. Morgan Chase erworben. Zu diesem Zeitpunkt verteilte sich der Hauptsitz auf die Gebäude 4 World Trade Center und 130 Liberty Street. Am 11. September 2002 wurde der Komplex des World Trade Centers völlig zerstört und die Büros an der Liberty Street irreparabel beschädigt. Die Bank sah sich gezwungen, ihre Mitarbeiter auf Büros in ganz Manhattan zu verteilen. Mit dem aktuellen Umzug wurden neben den 1.000 in Midtown verbleibenden Stellen 5.500 Arbeitsplätze wieder in Downtown Manhattan angesiedelt. Die Gestaltung der Innenausstattung des ursprünglich 1989 fertiggestellten und von Kevin Roche sowie John Dinkeloo & Associates entworfenen 47-stöckigen Turms an der Wall Street übernahm das Architekturbüro Gensler. Bei der Einrichtung des Hauses gingen die Architekten schrittweise vor und konzentrierten sich vornehmlich auf subtile und ausgefeilte Eingriffe. Dazu gehört auch eine neue Beleuchtung in der Eingangshalle, die der Präsentation der Kunst aus der Unternehmenssammlung Rechnung tragen sollte.


Eingangshalle, 60 Wallstreet, New York

Den Eingang zum Gebäude bildet ein geräumiges Foyer, das in Zukunft sicherlich als Schauplatz für öffentliche Ausstellungen und Veranstaltungen dienen wird, die mit der Kunstsammlung des Hauses in Verbindung stehen. In Gesprächen mit Institutionen wie dem Guggenheim New York werden zur Zeit die Möglichkeiten für Ausstellungsprogramme in der Lobby erörtert.Wohl niemand ist mit jedem einzelnen Quadratmeter der 47 Stockwerke des Gebäudes besser vertraut als Liz Christensen, die mit der Hängung und Neustrukturierung der Sammlung während des gesamten Umzuges von Midtown an die Wall Street betraut war. Die Planungen für die "Migration", wie der Wechsel ins neue Haus genannt wurde, begannen im April 2003. Die vollständige Neueinrichtung des Gebäudes wird voraussichtlich Ende Februar 2004 abgeschlossen sein. Mit dem Ortswechsel hat sich auch der Kontext der Kunst und das Konzept für die Präsentation der Arbeiten geändert. In jedem Stockwerk wurden die Werke nach neuen Themen oder kunstgeschichtlichen Bezügen zusammengestellt.


Gerhard Richter: Abstraktes Bild (Faust), 1981, Sammlung Deutsche Bank

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